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Gedichte - Erich Mühsam


Lebensregel

An allen Früchten unbedenklich
lecken; vor Gott und Teufel nie die
Waffen strecken; Künftiges mißachten,
Früheres nicht bereuen; den Augenblick
nicht deuten und nicht scheuen; de
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Mein Gefängnis

Auf dem Meere tanzt die Welle nach der
Freiheit Windmusik. Raum zum Tanz hat
meine Zelle siebzehn Meter im
Kubik. Aus den blauen Himmeln
zittert Sehnsucht, die die Her
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Mahnung der Gefallenen

Aus allen Gräbern der gefallenen
Brüder klopft das Gebein herauf: wir
liegen wach und horchen, was ihr
treibt. Doch immer müder wird euer
Kampf. Selbst euer Wort klingt
schwach. H
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Produktion

Denk ich zurück an meine frühsten
Wochen: Ich sog an hochgeblähten
Ammenbrüsten, von guten Tanten
liebevoll berochen, die zahnlos
schnalzend den Popo mir küßten. Doch
was ich d
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Seenot

Der Kapitän, der Steuermann, vom Deck
die Offiziere schaun sorgenvoll den
Himmel an. Ein rascher Blick fällt
dann und wann auch auf die
Passagiere. Das räkelt faul den Bauc
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Erziehung

Der Vater zu dem Sohne spricht: Zum
Herz- und Seelengleichgewicht, zur
inneren Zufriedenheit und äußeren
Behaglichkeit und zur geregelten
Verdauung bedarf es einer Weltansch
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Du gingst mit mir...

Du gingst mit mir. Der niedre Himmel
drohte und kroch geduckt von allen
Seiten näher. Am Wege lag ein
Felsenhund, ein Späher mit plattem
Bauch und vorgeschobener
Pfote. Entglänzte
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Molli und Knurri

Eine Fabel zum Nachdenken Saß ein
Mops, der Molli hieß, Eingesperrt im
Hundsverließ. Dorten war er
hingetan Zum Transport per
Eisenbahn. Ach, wie war ihm das so sch
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Gesichte

Es raschelt gleich dem Geistern einer
Fledermaus im Nachtwind, der gefallnes
Laub bestattet - und in den Lüften
wispern totumschattet des Nebels
Stimmen: Not und Haß und Graus verk
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Entlarvung

Europa hat sich abgeschminkt. Befreit
von Rouge und Puder steht eklig da das
Luder und faucht und stinkt. Den
Schnürleib sittlicher Kultur warf sie
zum Kunstkorsette.
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Im Bruch

Fest zugeschnürt der Hosengurt. Der
Darm ist leer, der Magen knurrt. Auf
morschem Rock glänzt Fleck bei
Fleck. Darunter starrt das Hemd von
Dreck. Aus Pfützen schlürft das
Sohlen
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Gesang der jungen Anarchisten

Freiheit! mahnt es aus den
Grüften, die der Vorzeit Kämpfer
decken. Freiheit! lockt es aus den
Lüften, die der Zukunft Stürme
wecken. Daß aus Ahnung Freiheit
werde, halte
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Leitsatz

Fürcht nicht die Stunde, da du
stirbst. Die Welt, o glaub`s nur, kann
dich missen. Kein Stern, um dessen
Licht du wirbst, wird mit dir in den
Tod gerissen. Solang du lebst,
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Golgatha

Gebeugte Menschen mit stumpfem
Blick hocken in dumpfen Spelunken
- den Neid im Auge, die Not im
Genick, von elendem Fusel trunken. Da
tönt eine Stimme von außen
herein: `Kop
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Heilige Nacht

Geboren ward zu Bethlehem ein Kindlein
aus dem Stamme Sem. Und ist es auch
schon lange her, seit`s in der Krippe
lag, so freun sich doch die Menschen
sehr bis auf den heutigen
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Motto

Glaub nie, was in den Büchern
steht. Selbst sei dir Weiser, selbst
Prophet! Glaubst du, was alle Leute
glauben, dann glaube nicht, daß du was
weißt. Das Wissen nur kann niemand ra
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Meta und der Finkenschafter

Herr Kunze stand als Hausverwalter in
Lohn bei einem Häuserwirt, und seine
Tochter in dem Alter, wo so ein
Mädchen liebend wird. Er war ein
Witmann, sie war Waise, s
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Hinter den Häusern heult ein Hund

Hinter den Häusern heult ein
Hund. Denn die Schatten der Nacht sind
bleich und lang; und des Meeres Herz
ist vom Weinen wund; - und der Mond
wühlt lüstern im Tang. Durch M
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Ich bin ein Pilger...

Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht
kennt; der Feuer sieht und weiß nicht,
wo es brennt; vor dem die Welt in
fremde Sonnen rennt. Ich bin ein
Träumer, den ein Lichtschein narr
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Rendezvous

Ich bin verdammt zu warten in einem
Bürgergarten auf das geliebte
Weib. Nun sitz ich hier als
Beute gewissenloser Leute mit breitem
Unterleib. Sie sind so froh beim Bi
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Ich möchte Gott sein...

Ich möchte Gott sein und Gebete
hören und meine Schutz versagen
können und Menschenherzen zunichte
brennen und Seelenopfer begehren. Und
möchte Erde, Welt und All vernichten
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Freiheit in Ketten

Ich sah der Menschen Angstgehetz; ich
hört der Sklaven Frongekeuch. Da rief
ich laut: Brecht das Gesetz! Zersprengt
den Staat! Habt Mut zu euch! Was gilt
Gesetz?! Was gilt der Staat
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Ich will alleine über die Berge gehn

Ich will alleine über die Berge
gehn, und keiner soll von meinen Wegen
wissen; denn wer den Pfad zu meinen
Höhn gesehn, hat mich von meinen Höhn
herabgerissen. Ich will al
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Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen

Ich wollt das Lied des Herzens nicht
verschweigen. Ich wollt es jubelnd zu
den Menschen schmettern, die bleich am
Baume der Erkenntnis klettern, das
Glück vermutend in den kahlen Zweigen.
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Geschonte Kraft

Ihr Toren meint, der Kämpfer und
Verächter sei müde und besiegt ins
Knie gesunken, verlöscht sei seines
Zornes heller Funken vom rohen
Fußtritt der Gesetzespächter. Wah
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Kind und Pfau

Im Mäntelchen mit viel Besatz und
seidener Kapotte, im Spitzenkragen und
Seidenlatz, so steht hier die
Charlotte. Da kommt daher ein stolzer
Pfau, mit Federn, vielen hundert,
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Kalender

Januar Der Reiche klappt den Pelz
empor, und mollig glüht das
Ofenrohr, Der Arme klebt, daß er nicht
frier, sein Fenster zu mit
Packpapier. Februar Im Faschin
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Jeden Abend werfe ich

Jeden Abend werfe ich eine Zukunft
hinter mich, die sich niemals mehr
erhebt - denn sie hat im Geist
gelebt. Neue Bilder werden,
wachsen; Welten drehn um neue
Achsen, w
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Lumpenlied

Kein Schlips am Hals, kein Geld im
Sack. Wir sind ein schäbiges
Lumpenpack, auf das der Bürger
speit. Der Bürger blank von
Stiebellack, mit Ordenszacken auf dem
Frack, der
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Schüttelreime

Lesen und Schreiben Von deutschen
Dichtern lies am meisten, die, die
soviel wie Mühsam leisten. Der ist
ein großer Schweinehund, dem je der
Sinn für Heine schwund.
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Elegie im Kriege

Lieder sing ich, seit ich denke, weil
mein Herz empfindsam ist und den
Spender der Geschenke im Genießen
nicht vergißt. Doch sie haben mich
vergessen, denen ich mein Lied be
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Ewiges Diesseits

Löscht die Lichter aus auf den
Altären! Nicht in Kirchen und in
Synagogen sucht den Gott, noch hinter
Himmelsschleiern. Wo der Perlschaum
quirlt auf Meereswogen, wo der Wind
kämmt
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Nach all den Nächten, die voll Sternen hingen

Nach all den Nächten, die voll Sternen
hingen, nun diese dumpfe, trübe, nasse
Nacht, als wär die Arbeit aller Zeit
vollbracht und niemals wieder Hoffnung
auf Gelingen. Woh
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O Mitmensch, willst du sicher sein

O Mitmensch, willst du sicher sein in
deinem Treiben und Getue, so schau in
Nachbars Kämmerlein, in Nachbars Bett,
in Nachbars Truhe. Und wie er`s hält
und wie er`s macht, r
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Margot

Obwohl du Margot heißt, muß ich dich
preisen. Gewöhnlich sind die Margot,
Gerda, Ellen Mir allzu linienhaft zum
Beigesellen und zu empfindsam, um damit
zu reisen. Verlieb
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In der Zelle

Scheu glitt ein Tag vorbei - wie gestern
heut. Ein leerer rascher Tropfen sank
ins Jahr. Und wenn sich aus der Nacht
geballtem Nichts der letzte Schatten in
den Morgen streut - du fr
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Kriegslied

Sengen, brennen, schießen,
stechen, Schädel spalten, Rippen
brechen, spionieren,
requirieren, patrouillieren,
exerzieren, fluchen, bluten, hungern,
frieren ... So lebt der e
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Rebellenlied

Sie hatten uns mit Zwang und Lügen in
ihre Stöcke eingeschraubt. Sie hatten
gnädig uns erlaubt, in ihrem Joch ihr
Land zu pflügen. Sie saßen da in
Prunk und Pracht mit vo
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Kleiner Roman

Sie lernte Stenographin. Er war
Engros-Kommis. Im Speisewagen traf
ihn ein Blick. Er liebte sie. Auf
einer Haltestelle brach man die Reise
ab, woselbst er im Ho
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Herbstmorgen im Kerker

Wenn morgens über Gras und Moor sich
weißlich-trüb der Nebel
bauscht, unfroher Wind mit müdem
Stoß im dürren Laub des Herbstes
rauscht; wenn eiterig der fahle
Tau von we
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Frühlingserwachen

Wieder hat sich die Natur
verjüngt, wieder sich mit frischem
Stoff gedüngt, und dem Moder wie den
jungen Keimen hat die Kunst zu malen
und zu reimen. Die Gebeine harren der
Bestatt
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Liebesweh

Zähre rieselt mir um Zähre in des
Betts zerwühltes Laken. Bange
Angstgedanken haken sich in meiner
Seele Schwere. Schmerzgekrümmt sind
meine Beine; traurig triefend hängt
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Knabe und Tod

`Komm` her, mein Sohn. Du bist vom Spiel
erhitzt. Wie dir das Wasser aus den
Poren schwitzt. Komm` trink` einmal! -
Wie das erfrischt! Wie das den Schweiß
dir von der Stirne wischt!
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