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Gedichte - Ernst Stadler


Gratia divinae pietatis

Alte Inschrift am Straßburger
Münster. Zuletzt, da alles Werk
verrichtet, meinen Gott zu loben, Hat
meine Hand die beiden Frauenbilder aus
dem Stein gehoben. Die eine
aufgerichtet, fr
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Die Befreiung

Da seine Gnade mir die Binde von den
Augen schloß, Troff Licht wie Regen
brennend. Land lag da und blühte. Ich
schritt so wie im Tanz. Und was davor
mich wie mit Knebeln mühte,
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Der Flüchtling

Da sich mein Leib in jener Gärten
Zaubergrund verirrte, Wo blauer
Schierling zwischen Stauden dunkler
Tollkirschblüten stand, Was hilft es,
daß ein später Tagesschein den Knäuel
bunter Fiebertr
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Der Morgen

Dein morgentiefes Auge ist in mir,
Marie. Ich fühle, wie es durch die
Dämmerung mich umfängt Der weiten
Kirche. Stille will ich knien und
warten, wie Dein Tag aus den erblühten
Heiligenfen
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La Querida

Deine Umarmungen sind wie Sturm, der uns
über Weltenabgründe schwenkt, Deine
Umarmungen sind wie wildduftender
Regen, der das Blut mit Traum und
Irrsein tränkt. Aber dann ist Tag. Nac
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Fluß im Abend

Der Abend läuft den lauen Fluß
hinunter, Gewittersonne übersprengt die
Ufersenkung bunter. Es hat geregnet.
Alle Blätter dampfen Feuchte. Die
Weidenwildnis streckt mit hellen
Tümpeln sich
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Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht

Der Schnellzug tastet sich und stößt
die Dunkelheit entlang. Kein Stern will
vor. Die ganze Welt ist nur ein enger,
nachtumschienter Minengang, Darein
zuweilen Förderstellen
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Mittag

Der Sommermittag lastet auf den
weißen Terrassen und den schlanken
Marmortreppen die Gitter und die goldnen
Kuppeln gleißen leis knirscht der Kies.
Vom müden Garten schleppen s
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Die Rosen im Garten

Die Rosen im Garten blühn zum zweiten
Mal. Täglich schießen sie in dicken
Bündeln In die Sonne. Aber die
schwelgerische Zartheit ist dahin, Mit
der ihr erstes Blühen sich im Hof des
weiß und r
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Sonnwendabend

Die Sträucher ducken fiebernd sich
zusammen im Rieseln brauner Schleier und
im Schwanken nachtbleicher Falter um
erglühte Ranken. Nun schüren wir das
falbe Laub zu Flammen und
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Weinlese

Die Stöcke hängen vollgepackt mit
Frucht. Geruch von Reben Ist über
Hügelwege ausgeschüttet. Bütten
stauen sich auf Wagen. Man sieht die
Erntenden, wie sie, die Tücher vor der
braunen
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Schwerer Abend

Die Tore aller Himmel stehen hoch dem
Dunkel offen, Das lautlos einströmt,
wie in bodenlosen Trichter Land
niederreißend. Schatten treten
dichter Aus lockren Poren
nachtgefüllter Schollen.
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Abendschluß

Die Uhren schlagen sieben. Nun gehen
überall in der Stadt die Geschäfte
aus. Aus schon umdunkelten Hausfluren,
durch enge Winkelhöfe aus protzigen
Hallen drängen sichdie Verkäuferinnen
heraus.
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Kleine Stadt

Die vielen kleinen Gassen, die die
langgestreckte Hauptstraße
überqueren, Laufen alle ins Grüne.
Überall fängt Land an. Überall
strömt Himmel ein und Geruch von
Bäumen und der starke Duft de
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Botschaft

Du sollst wieder fühlen, daß alle
stark und jungen Kräfte dich
umschweifen, Daß nichts stille steht,
daß Gold des Himmels um dich kreist und
Sterne dich umwehn, Daß Sonne und Abe
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Beata Beatrix

Dämmerläuten schüttet in den
veilchenblauen Abend weiße
Blütenflocken. Kleine Flocken blank wie
Muschelperlen rieseln·
tanzen· schwärmen weich wie dünne
blasse Daunen· wirbelnd
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Der Aufbruch

Einmal schon haben Fanfaren mein
ungeduldiges Herz blutig gerissen, Daß
es, aufsteigend wie ein Pferd, sich
wütend ins Gezäum verbissen. Damals
schlug Tambourmarsch den Sturm auf al
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Metamorphosen

Erst war grenzenloser Durst, ausholend
Glück, schamvolles
Sichbeschauen, Abends in der
Jungenstube, wenn die Lampe ausgieng,
Zärtlichkeiten überschwänglich
hingeströmt an traumerschaffne Fraue
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Ballhaus

Farbe prallt in Farbe wie die Strahlen
von Fontänen, die ihr Feuer
ineinanderschießen, Im Geflitter
hochgeraffter Röcke und dem Bausch der
bunten Sommerblusen. Rings von allen
Wänden, hundertf
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Resurrectio

Flut, die in Nebeln steigt. Flut, die
versinkt. O Glück: das große Wasser,
das mein Leben überschwemmte, sinkt,
ertrinkt. Schon wollen Hügel vor.
Schon bricht gesänftigt aus gekl
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Form ist Wollust

Form und Riegel mußten erst
zerspringen, Welt durch aufgeschlossne
Röhren dringen: Form ist Wollust,
Friede, himmlisches Genügen, Doch mich
reißt es, Ackerschollen
umzupflügen. Form
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Hier ist Einkehr

Hier ist Einkehr. Hier ist Stille, den
Tagen und Nächten zu lauschen, die
aufstehen undversinken. Hier beginnen
die Hügel. Hier hebt sich, tiefer
landwärts, Gebirge, Kiefernwälderund
durchrauschte Tä
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Tage

I. Klangen Frauenschritte hinter
Häuserbogen, Folgtest du durch Gassen
hingezogen Feilen Blicken und
geschminkten Wangen nach, Hörtest in
den Lüften Engelschöre musizieren,
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Anrede

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und
Brand. Durch meiner Seele enge Mulden
schießt die Zeit Wie dunkles Wasser,
heftig, rasch und unerkannt. Auf meinem
Leibe brennt das Mal: Vergänglichk
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Lover`s Seat

Im Abend sind wir steile grünbebuschte
Dünenwege hingeschritten. Du ruhst an
mich gedrängt. Die Kreideklippe
schwingt ihr schimmerndes Gefieder über
tiefem Meere. Hier, wo der
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Trübe Stunde

Im sinkenden Abend, wenn die Fischer in
den Meerhäfen ihre Kähne rüsten, In
der austreibenden Flut, die braunen
Masten zitternd vor dem Wind – Seele,
wirfst du zitternd dich ins Segel,
gierig n
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Vorfrühling

In dieser Märznacht trat ich spät aus
meinem Haus. Die Straßen waren
aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem
Saatregen. Winde schlugen an. Durch die
verstörte Häusersenkung gieng ich weit
hinaus
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Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein
Wort, Das traf mich wie ein Schlag und
brennt durch meine Tage fort: Und wenn
ich mich an trübe Lust vergebe, Schein,
Lug und Spiel zu mir anstatt des
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Aus der Dämmerung

In Kapellen mit schrägen Gewölben·
zerfallnen Verließen und Scheiben
flammrot wie Mohn und wie Perlen
grün und Marmoraltären über
verwitterten Fliesen sah ich die Nächte
wie goldne Gew
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Reinigung

Lösche alle deine Tag’ und Nächte
aus! Räume alle fremden Bilder fort aus
deinem Haus! Laß Regendunkel über
deine Schollen niedergehn! Lausche: dein
Blut will klingend in dir auferstehn
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Worte

Man hatte uns Worte vorgesprochen, die
von nackter Schönheit und Ahnung und
zitterndem Verlangen übergiengen. Wir
nahmen sie, behutsam wie fremdländische
Blumen, die wir in unsrer Knabenheimlich
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Zwiegespräch

Mein Gott, ich suche dich. Sieh mich vor
deiner Schwelle knien Und Einlaß
betteln. Sieh, ich bin verirrt, mich
reißen tausend Wege fort ins
Blinde, Und keiner trägt mich heim.
Laß mich in deiner
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Sommer

Mein Herz steht bis zum Hals in gelbem
Erntelicht wie unter Sommerhimmeln
schnittbereites Land. Bald läutet durch
die Ebenen Sichelsang: mein Blut lauscht
tief mit Glück gesättigt in
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Traum

Noch trag` ich`s ja... Doch einmal -
weiß ich - reißt`s mich fort, Eh`
meiner Jugend letzte Blüte fiel, Aus
dumpfer Städte eklem
Hüttenqualm Hinauf zu jenem lichten
Zauberlan
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Betörung

Nun bist du, Seele, wieder deinem
Traum Und deiner Sehnsucht selig
hingegeben. In holdem Feuer glühend
fühlst du kaum, Daß Schatten alle
Bilder sind, die um dich leben. Denn n
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Glück

Nun sind vor meines Glückes Stimme alle
Sehnsuchtsvögel weggeflogen. Ich schaue
still den Wolken zu, die über meinem
Fenster in die Bläue jagen - Sie locken
nicht mehr, mich zu
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Ende

Nur eines noch: viel Stille um sich her
wie weiche Decken schlagen, Irgendwo im
Alltag versinken, in Gewöhnlichkeit,
seine Sehnsucht in die Enge
bürgerlicherStuben tragen, Hingebück
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An die Schönheit

So sind wir deinen Wundern
nachgegangen wie Kinder die vom
Sonnenleuchten trunken ein Lächeln um
den Mund voll süßem Bangen und ganz im
Strudel goldnen Lichts versunken aus
dämmergra
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Gegen Morgen

Tag will herauf. Nacht wehrt nicht mehr
dem Licht. O Morgenwinde, die den Geist
in ungestüme Meere treiben! Schon
brechen Vorstadtbahnen fauchend in den
Garten Der Frühe
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Herbstgang

Und strahlend unter goldnem Baldachin um
starre Wipfel funkelnd hingebreitet und
Kronen tragend gehn wir hin und
flüsternd gleitet dein süßer Tritt
gedämpft im bunten Laub. Aus
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Baldur-Christus

Und wieder ward der zeugende Tropfen
Bluts aus Baldurs Wundenmalen Zu roter
Blüte erlöst in der Seele eines
Menschen. Das war, als der südliche
Mittag mit glühenden Lippen Verdurstend
an d
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Der junge Mönch

Vermaßt ihr euch zu lieben, die ihr
sündhaft nur begehrt, Mit Tat und
Willen trüb die Reine eurer Träume
schändet? O lernet tiefre Wollust:
wartend stehn und unbewehrt, Bis heilige
Fracht
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Was waren Frauen

Was waren Frauen anders dir als
Spiel, Der du dich rettetest in soviel
Liebesstunden. Du hast nie andres als
ein Stück von dir gefunden, Und niemals
fand dein Suchen sich das Ziel.
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Herrad

Welt reichte nur vom kleinen Garten,
drin die Dahlien blühten, bis zur
Zelle Und durch die Gänge nach dem Hof
und früh und Abends zur Kapelle’ Aber
unter mir war Ebene, ins Grün versenkt,
mit
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Bahnhöfe

Wenn in den Gewölben abendlich die
blauen Kugelschalen Aufdämmern,
glänzt ihr Licht in die Nacht hinüber
gleich dem Feuer von Signalen. Wie
Lichtoasen ruhen in der stählernen Hut
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