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Achte Stufe. Weltseele - Gedicht von Friedrich Rückert


Achte Stufe. Weltseele

1.

Ein Wunder ist die Welt, das nie wird ausgewundert,
Das niederschlägt den Geist und wieder ihn ermuntert.
Daniederschlägt den Geist vorm ew`gen Stoff ein Bangen,
Und stets ermuntert`s ihn, den Kampf neu anzufangen.
Ob du benennen willst das Viele, Einzle, Kleine?
Ob du erkennen willst das Große, Ganze, Eine?
Unendlichkeit ist dort und hier Unendlichkeit,
Und mit den beiden wagst du Endlicher den Streit.
Eh` du am Boden ganz ein Gras hast durchbetrachtet,
Ging eine Welt voll Glanz vorbei dir unbeachtet.
Und eh` du Zweig und Blatt gezählt am Sternenbaum,
Blüht ungenossen ab ein Erdenfrühlingstraum.
Getrost! zwar du nicht bist, doch Gott ist überall;
Du siehst das ganze Licht in jedem Farbenstrahl.
Und alles ist dem Geist ein würd`ges Element,
Was schürt die Andachtsglut, in der die Schöpfung brennt.

2.

Der Mond am Himmel ist nicht schön im leeren Raum,
Der Mondschein lieblich nicht auf Fluren ohne Baum.
Entweder muß sein Glanz aus lichten Wolken steigen,
Oder gebrochen sanft erscheinen zwischen Zweigen.
So nimmt die Schönheit selbst bald einen Schleier vor,
Bald schauet man zu ihr durch einen auch empor.

3.

Den Rosenzweig benagt ein Lämmchen auf der Weide,
Es thut`s nur sich zur Lust, es thut`s nicht ihm zuleide.
Dafür hat Rosendorn dem Lämmchen abgezwackt
Ein Fleckchen Wolle nur, es ward davon nicht nackt.
Das Flöckchen hielt der Dorn in scharfen Fingern fest;
Da kam die Nachtigall und wollte baun ihr Nest.
Sie sprach: Thu` auf die Hand und gib das Flöckchen mir,
Und ist mein Nest gebaut, sing` ich zum Danke dir.
Er gab, sie nahm und baut`, und als sie nun gesungen,
Da ist am Rosendorn vor Lust die Ros` entsprungen.

4.

Aus vier Grundstoffen ist gemischt die Körperwelt,
Die als Grundstimmungen dein Inn`res auch enthält.
Der Zorn ist eine Glut, dem heißen Feuer gleich,
Die Traurigkeit wie Flut des Wassers feucht und weich.
Die Lust ist wie die Luft, leicht, licht und wandelreich,
Die Furcht wie Erdengruft, schwer, dumpf und totenbleich.
Laß deines Zornes Glut nie werden wilde Wut;
Sie sei ein steter Mut im Kampf fürs höchste Gut.
Den Glutmut dämpfe dir die Traurigkeit zur Demut;
Schwimm, und verschwimm nur nicht, in Sehnsucht und in Wehmut;
Im Weh ist eine Wonn` und in der Lust ein Leid;
Die reinste Lebenslust ist Liebe ohne Neid.
Aus Furcht kommt Neid und Geiz und aller Selbstsucht Pein;
In deinem Herzen sei nur Gottesfurcht allein.

5.

Vor allen Tieren, die dem Menschen ähnlich scheinen,
Hat dies der Mensch voraus, zu lächeln und zu weinen.
Durch Lächeln suchet er und Weinen übers Tier
Hinüber, o Natur, den Weg zurück zu dir.
Denn deine Blume auch, sie lächelt und sie weint,
Wenn sie dein Tau benetzt, wenn sie dein Licht bescheint.
Dein Weinen das Gewölk, dein Lächeln ist die Sonne,
Dein Lächelweinen ist wie unsre Wehmutswonne.
Du, weil wir weinen, weinst: wir lächeln, weil du lachst;
Wir machen vor und nach dir alles, wie du`s machst.

6.

Wir bringen unsern Preis der Morgensonne dar,
Die hell die Schöpfung macht und unsre Seele klar.
Vor ihrer Ankunft geht der Morgenwind als Bote,
Und ihres Einzugs Fahn` erscheint im Morgenrote.
Ein Schauer meldet sie; und nun erscheint sie gleich
Und nimmt mit einem Blick Besitz von ihrem Reich.
Den Nebelschleier hebt sie von den Berggestalten
Und drängt den Rest der Nacht zurück in Thälerfalten.
Sie füllt mit Glanz das Thal gleich einer Opferschale,
Und einen eignen Strahl trinkt jede Blum` im Thale.
Und wie die Blum` in Lust zum Licht empor sich richtet,
So hat in Menschenbrust Bewußtsein sich gelichtet.
Traumschattengaukelei, Nachttäuschungstruggespinst
Zerreißt, Licht der Natur, wo du den Sieg gewinnst.
Streck` aus die Strahlenhand, das Opfer zu empfangen,
Das dir die Schöpfung bringt und Herzen voll Verlangen.
Erheb` mit deinem Blick und stütze wie die Ranken
Des Baumes tauschwer sich aufrichtende Gedanken.
Die Wünsch` und Hoffnungen, die Vorsätz` und Entschlüsse,
Beleb`, erfrische, stärk` und zieh wie Sommerschüsse.
Gib allen Knospen, daß sie sich zur Blüt` entfalten,
Und allen Blumen, daß sie sich nach dir gestalten.
Und allen Herzen gib, nach Blumenart zu wandeln,
Unwandelbar zum Licht gewandt, im Licht zu wandeln.
Das ist das Frühgebet, das wir dir tragen vor;
Trag` es empor zu dir und über dich empor!
Denn als ein Mittler gehst du durch der Schöpfung Mitte,
Zu bringen oberen der untern Wesen Bitte.
Bring` zu der Sonne sie, die dich am Faden leitet,
Daß die sie bringe der, in deren Dienst sie schreitet.
Der goldne Eimer reicht von immer höhern Sonnen
Zu immer höhern bis zum höchsten Sonnenbronnen.
Dort füllt ihr mit dem Tau den Eimer, der uns letzt;
Dorthin, mit Dank gefüllt, tragt mir den leeren jetzt!

7.

Wie gleichest du, o Mensch, und dein Geschick den Saaten,
Von denen niemand weiß zuvor, wie sie geraten.
Wie manches Ungemach, Frost, Nässe, Dürre, Brand,
Gibt ihnen zu bestehn des Himmels Unbestand.
Und wenn sie glücklich nun bestanden die Beschwerden,
So ist ihr Ende, daß sie abgeschnitten werden.

8.

Was unterscheidet dich, o Mensch, von Tier und Pflanze?
Daß du für dich auch bist, nicht bloß wie sie fürs Ganze.
Fürs Ganze bist auch du, wie Tier und Pflanze sind,
Doch bist du`s nicht wie sie, du selbstbewußt, sie blind.
Sie sind fürs Ganze nur, weil sie nur sind für sich;
Weil du fürs Ganze bist, sind sie und es für dich.
Fürs Ganze bist du ganz, wenn ganz für dich du bist,
Erkennend, daß durch dich das Ganze ganz nur ist.

9.

Was unterscheidet dich, o Mensch, von der Natur?
Du bist ein Werdender, sie ist geworden nur.
Sie ist geworden, was sie werden sollt` und kann;
Du aber bist ein Kind, das werden soll ein Mann.
Darum an der Natur ist alles schön und groß,
Vollkommen, reich und stark, du schwach, nackt, arm und bloß.
Doch ist die Kraft in dir, stark, reich und groß zu werden;
Und daß die Kraft du fühlst, seh` ich an den Gebärden.
Und dies Gefühl der Kraft soll man dir nicht zerbrechen;
Dir soll, wenn es erschlafft, der Himmel Mut einsprechen.
Du kannst nicht sinken, wenn du dich erheben willst,
Wenn du am Niedern nicht dein Hochverlangen stillst.
Gewonnen ist das Ziel, wenn du den Mut gewannst,
Daß du schon jetzt bist viel und mehr stets werden kannst.

10.

Wenn sein Gottähnliches du willst dem Menschen zeigen,
So darfst du ihm auch nicht sein Tierisches verschweigen.
Gefährlich ist es, ihn bewundern sich zu lassen;
Gefährlich auch, ihn nur zu zwingen, sich zu hassen.
Auffordern mußt du ihn, sich selber zu bekriegen,
Um durch sein Besseres sein Schlecht`res zu besiegen.

11.

Das Rohr im Winde seufzt mit Sehnsucht nach dem Schönen,
Daß es als Flöte mög` am Mund des Menschen tönen.
So seufzet die Natur in jeder Frühlingsblüte,
Daß sie vom Menschen mög` empfangen ihr Gemüte.
Die schönste Landschaft seufzt, als ob ihr etwas fehle,
Daß der beseelte Blick der Liebe sie beseele.

12.

Ich sprach am Abend, als ich meinen Stock begoß:
Sag` an, warum sich heut nicht diese Blüt` erschloß?
Gerötet hat ihr Mund der Sonne Kuß empfangen,
Ihr Busen schwoll; warum ist sie nicht aufgegangen?
Da wiegte sanft der Stock sein Haupt im Abendwinde
Und sprach: ich hab` es selbst geraten meinem Kinde.
Sie wäre heut nur unvollkommen aufgeblüht,
Denn viele schloß ich auf, und meine Kraft ist müd`,
Wir wollen sammeln ihr im Schlummer frischen Duft,
Und morgen würzen soll ihr Hauch die Morgenluft.
So sprach der Strauch; ich ging und hielt in mir zum Glück
Ein halberschlossnes Lied auf morgen auch zurück.

13.

Ein Tempel Gottes hat sich die Natur gebaut,
Worin er tausendfach geahnt wird und geschaut.
Als Tempeldiener gehn hindurch die Jahreszeiten,
Die bunten Teppiche am Boden hinzubreiten.
Strahlend im höchsten Chor, lobsingen Sonn` und Sterne,
Der Abgrund und das Meer antworten aus der Ferne.
Das Mittelfeuer glüht am ew`gen Opferherde,
Und alles Leben naht, daß es das Opfer werde.
Als Opferpriester kniet der Geist an viel Altären,
Die er mit Bildern schmückt, und sucht sie zu erklären.
In viele Hüllen hat die Fülle sich verhüllt,
Doch von der Fülle nur ist jede Hüll` erfüllt.
Und wo der Geist vermag hinweg der Selbsucht Schleier
Zu heben, sieht er hell darunter Gottes Feier.
Und Gottes Atem geht ein Morgenhauch durchs Schiff,
Einsammelnd jeglicher Verehrung Inbegriff.
Sein Lächeln streuet Duft in trüber Inbrunst Glimmen,
Sein Säuseln Einigung in widerstreit`ge Stimmen.
Aus jedem Opferrauch nimmt er das feinste Korn,
Den reinsten Tropfen auch aus jedem Andachtsborn;
Aus jedem Wortgebet den ihm bewußten Sinn;
Er selbst legt ihn hinein und findet ihn darin.
Dann will er auch den Sinn der Sinnenden entfalten,
Daß immer würdiger sie ihm die Feier halten;
Daß die gebundnen frei zu höh`rer Wonn` aufgehn;
Denn das ist seine Lust, der Schöpfung Lust zu sehn.

14.

Am Hügel saß ich nachts und war dem Thal entronnen,
Von dem mir aufwärts klang gedämpfter Schall der Wonnen,
Der lauten Weltlichkeit, die mich von sich gescheucht,
Und selig fühlt` ich mich im Dunkel warm und feucht.
Doch über eine Schlucht zur Seit` herüber drang
Dein Schlummerröcheln, o Natur, und macht mir bang.
Ein flüsterndes Getön im Laub der alten Rüstern,
Ein düsterndes Gestöhn, Geschnaub aus welchen Nüstern?
Und die unheimlichen Nachtgeister trieben wieder
Mich zu der Welt Getös, dem ich entflohn war, nieder.
O Herz, das zwischen Welt und der Natur du schwebst,
Der einen scheu entstrebst und vor der andern bebst!

15.

Weil du dich allerdings zu höhern fühlst berufen,
Beklagest du, o Mensch, die stehn auf niedern Stufen;
Als ob Stein, Pflanz` und Tier tot oder taub und blind,
Unglücklich müßten sein, weil sie wie du nicht sind.
So hörest du das Tier wie nach Erlösung stöhnen,
Hörst Weh- statt Wonnelaut in Nachtigallentönen,
Selbst einen Seufzerhauch im Frühlingsflüsterhain
Und einen Schmerzensklang aus jedem Erz und Stein.
In dem, was ihn nicht fühlt, ist nicht der Widerspruch,
Er ist in dir, du selbst belegst die Welt mit Fluch.
Je mehr du in dir selbst zum Einklang bist gekommen,
Je mehr wird er von dir auch außenher vernommen.
Befreie dich, o Mensch, vom Halben, Falschen, Bösen,
Und die gebundene Natur wird Gott erlösen.


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