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Der verschleierte Prophet

- Gedicht von Karl Lappe

Der verschleierte Prophet

Ein Prophet im Sonnenlande
Predigt neuer Lehre Geist,
Der in neue Glaubensbande
Tausend der Gemüther reißt.

Und an Brunnen spricht er gerne,
Wenn die Abendkühle facht;
Worte spricht er, die wie Sterne
Leuchten in der Hörer Nacht.

Wilder Donner ist die Rede,
Wenn er Laster strafend spricht,
Von der bangen Seelenfehde
Zwischen Finsterniß und Licht.

Wenn die Lippen sich ergießen
Von des Himmels Seligkeit,
Ist`s, wie Blumen überfließen
Süß vom Thau zur Morgenzeit.

`Gott ist einzig, Gott ist mächtig!
Ich Mokaana sein Prophet!
Also wahr ist`s, wie jetzt prächtig
Auf der Mond vom Brunnen geht.`

Aus des Brunnens Tiefe fließet
Still herauf ein Glanz, ein Licht,
Das sich lieblich weiß ergießet
Über Aller Angesicht.

Und gleich einem Silberballe
Auf der helle Mond jetzt geht.
`Gott ist einzig!` beten Alle,
„Und Mokaana sein Prophet!`

Und schon ist er allgefeiert,
Doch sein Antlitz Niemand sah,
Denn mit Goldflor tief verschleiert
Steht Mokaana immer da.

Er erwiedert, wenn sie fragen:
`Keines Menschen schwacher Blick
Könnte meinen Anblick tragen,
Gottes Glanz strahlt er zurück!`

Vor dem Heer von Vierzigtausend
Steht Mokaana der Prophet,
Als er kühn und schlachtenbrausend
Seine Lehre künden geht.

Doch sein Antlitz deckt ein Schleier —
Aus dem gläub`gen Heere kühn
Tritt ein Mann, ein Glaubensfreier,
Vor Mokaana frevelnd hin:

`Willst du uns als Blinder führen?
Vierzigtausend steh`n bereit,
Vierzigtausend Schwerter rühren
Heute sich für dich im Streit.

Laß uns in dein Antlitz schauen,
Ob wir für den Teufel nicht
In die Schaar der Brüder hatten —
Jetzt enthülle dein Gesicht!`

Ob des kühnen Worts erschrocken,
Ausgangsbang die Menge steht.
`Nein!` mit seinen reichen Locken
Schüttelt ruhig der Prophet.

Von Mokaana`s Angesichte
Frech der Mann den Schleier reißt:
`Widerstrahlt`s von Gottes Lichte?
Seht den stechen Lügengeist!`

Und die Vierzigtausend fallen
Angeblitzt aufs Angesicht;
Flammen Gottes glänzen Allen,
Nur dem Glaubenlosen nicht!

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