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Was gestern war, o laß es mich vergessen

- Gedicht von Friedrich Rückert

Was gestern war, o laß es mich vergessen

1.

Nun aber will ich sehn, ob man mit Armen
Der Poesie kann in die Wolken reichen
Und niederholen aus des Lichtes Reichen
Trostschätze für ein Herz, das will verarmen;

Sehn will ich, ob Begeist`rung mit den warmen
Gluthauchen kann des Grabes Thür erweichen,
Daß lebensfrisch daraus hervorgehn Leichen,
Die eingesargt der Tod hat ohn` Erbarmen;

Sehn, ob aus Liebesrosen, Trauernesseln
Noch Kränze flechten können die Kamönen,
Damit ein fliehend Schattenbild zu fesseln;

Ob man erbauen kann aus Zaubertönen
Ein Demantschloß, darin auf Saphirfesseln
Sitz` engelgleich die Schönste aller Schönen.

2.

Du, die wir nie mit unsern Klagen wecken,
Warum so früh ruhst du von deinem Gange?
War dir wohl vor des Mittags Schwülen bange?
Schuf wohl des fernen Abends Frost dir Schrecken?

Nein! Mutig hobst du deinen Schritt, den kecken,
In deiner Jugend vollstem Überschwange;
Dein Blick in ungeduld`gem Hoffnungsdrange
Flog vorwärts nach des Lebens blum`gen Strecken.

Nicht wie ein zagend Kind, das grambeladen
Sich nach der Mutter heimsehnt in die Ferne,
Wardst du vom Wink der Mutter heimgeladen.

Ein strenger Vater rief, wo du noch gerne
Gegangen wärst, dich ab von deinen Pfaden,
Daß Kindessinn vor ihm sich beugen lerne.

3.

Will denn kein Stern von Himmelszinnen fallen
Zum Zeichen, daß sie fiel, die Sternengleiche?
Willst Erde du, da deine schönste Eiche
Entwurzelt sank, nicht seufzend wiederhallen?

Soll von des tauben Uhrwerks Rädern allen
Kein Rad denn stocken, brechen keine Speiche,
Daß alles fort im alten Kreislauf schleiche,
Nur sie allein nicht dürfe weiter wallen?

Ach nur ein Herz, nichts weiter, wird zerrieben;
Ein Leben nur, nichts weiter, wird zersplittert;
Sonst alles geht, wie vor, so nachher wieder:

Und keine Spur ist sonst von ihr geblieben,
Als daß ein armes Espenblättchen zittert,
Als sei`s gerührt vom Odem meiner Lieder.

4.

Bringt her die Fackeln und das Grabgeräte,
Die Tücher bringt, und schmücket reich die Bahre!
Wie sie die Blüten ihrer jungen Jahre
Sonst schmückte, schmückt sie, als ob sie es thäte!

Den Brautkranz, den der düstre Schnitter mähte,
Ersetz` ein Totenkranz im üpp`gen Haare:
Wie wir geführt sie hätten zum Altare,
So führen wir sie heut zur letzten Stätte.

Nicht das Gepräng`, das nicht`ge, sei gescholten!
Die Tote schmücken wir, um kundzugeben,
Wie wir sie, wenn sie lebte, schmücken wollten.

Was ihr das Schicksal neidete am Leben,
Sei von der Liebe ihr ins Grab vergolten,
Und neidenswert soll sie gen Himmel schweben.

5.

»Mai-Lilien, ihr schüttelt eure Glocken,
Wen wollet ihr zur Maienandacht laden?«
Sie, die von selbst sonst ging auf diesen Pfaden,
Soll, da sie säumt, jetzt unser Läuten locken.

»Mai-Lilien, laßt eu`r Geläute stocken;
Soeben stocket ihres Lebens Faden!«
Ach, sieh, der Tau, in welchem wir uns baden,
Gerinnt zu Reif, so sehr sind wir erschrocken.

»Mai-Lilien, da eure Lust zur Beute
Des Todes ward, was kann euch Trost erzeigen?«
Daß du uns gleich von hinnen nehmest heute

Und gebest ihre Grabstätt` uns zu eigen,
Daß dort sie einwieg` unser sanft Geläute;
Sprich, willst du? »Ja!« Wir danken dir mit Neigen.

6.

Soll ich euch sagen, daß als Morgenglocke
Ihr Gruß der Seele schlummernd Leben regte?
Daß sie der Göttin Nacht glich, wann sie legte
Ums Antlitz schweigend ihre dunkle Locke?

Soll ich euch sagen, daß vom Haupt zur Socke
Des Wohllauts Woge ihren Wuchs bewegte?
Daß ihre Stirne Lilienbeete hegte?
Daß ihre Wange ward zum Rosenstocke?

Was hilft`s, daß ich durch Höhn und Tiefen schweife?
Daß ich an Sonnen meine Fackel zünde?
Daß ich den Duft von allen Blumen streife?

Nur tote Farben häuf` ich. Wer`s verstünde,
Hindurch zu schlingen so des Lebens Schleife,
Daß draus ihr wahres Bild dem Blick entstünde!

7.

Wär` ich wie ihr, ihr sommerlichen Schwalben,
Ich wandert` aus von dieser öden Heide;
Ich schwör` es euch bei meines Herzens Leide,
Ihr seht`s nur nicht, der Herbst ist allenthalben.

Und ihr, die ihr noch leben wollt mit halben
Scheinleben, Birke, Buche, Lind` und Weide,
Ich rat` es euch, laßt ab vom grünen Kleide
Und kleidet ohne Scheu euch mit dem falben.

Fragt nicht, warum? Fragt nicht, was denn im Gange
Natur, die alte Mutter, plötzlich störte,
Daß Herbst kommt in den Frühling eingebrochen?

Nicht erst seit heut ist`s ja, es ist seit lange;
Denn sie, der all der Frühling angehörte,
Schläft ihren Winterschlaf schon sieben Wochen.

8.

Ich hörte sagen, Frühling sei erschienen,
Da ging ich aus, zu suchen, wo er wäre;
Da fand ich auf den Fluren Blum` und Ähre,
Allein den Frühling fand ich nicht bei ihnen.

Es summten Vögel, und es sangen Bienen,
Allein sie sangen, summten düstre Märe;
Es rannen Quellen, doch sie waren Zähre,
Es lachten Sonnen, doch mit trüben Mienen.

Und von dem Lenz konnt` ich nicht Kund` erlangen,
Bis daß ich ging an meinem Wanderstabe
Dorthin, wohin ich lang` nicht war gegangen;

Da fand ich ihn, den Lenz: ein schöner Knabe,
Saß er, mit nassem Auge, blassen Wangen,
Auf deinem als auf seiner Mutter Grabe.

9.

Ich sah! Sie stand im Ost; zur Seite standen
Berggipfel ihr, gleich harrendem Altare;
Tauperlen waren Kron` in ihrem Haare,
Und Morgennebel floß ihr zu Gewanden.

Auf ihren Wangen, statt der Schminke, fanden
Zwei Morgenröten sich, zwei dunkelklare;
Ihr Blicken ward zu Morgensternenpaare,
Davor die Blick` all andrer Sterne schwanden.

Ein Glutmeer lag zu Füßen ihr; sie tauchte
Drein mit der Opferschal` und ließ als Sonne
Den Glanzguß auf des Berghaupts Altar glimmen.

Dann, wie sie mit dem Odem erdwärts hauchte,
Erwachten tausend Kehlen dort in Wonne,
Mit mir den Morgenhymnus anzustimmen.

10.

Ich wünschte, daß du reichlicher gemessen
Mir hättest einst dein Lächeln, Grüßen, Blicken,
Daß ich mich hätte dürfen mehr erquicken
Und mehr mich jetzt erquickt` Erinn`rung dessen.

O nein! ich wünschte, daß du ganz vergessen
Mich hättest, mir geschenkt kein einzig Nicken;
So würde des Verlustes Weh umstricken
Mich minder nun, je minder ich besessen.

Nein, dennoch wünscht` ich, daß du mehr begnaden
Mich hättest mögen mit den süßen Gaben,
Obwohl sie jetzt mich so mit Weh beladen.

Ja, wünschen möcht` ich`s nur, um Stoff zu haben,
Noch mehr für dich in Thränen mich zu baden,
Noch mehr für dich in Schmerz mich zu begraben.

11.

Nach vier Jahren, in der Fremde.

Sie haben wohl indes daheim vergessen,
Was sie gewohnt sonst waren, Blumengabe
Zu bringen, süße Blume, deinem Grabe,
Seit ihren Lauf der Jahre vier durchmessen.

Und selber, ach, vergaß ich hier indessen,
Was ich unmöglich einst geachtet habe,
Daß andres je als Gram um dich mich labe,
Vergaß den Gram, von toter Lust besessen.

Da muß an dich mich dieser Sommer mahnen,
Der, kalt und rauh, dem gleicht, in dessen Schauern
Einst, zarte Blüte, du von hinnen gingest.

Die Sehnsucht kehrt und sucht die alten Bahnen,
Aus diesem frostigen Land zu jenem lauern,
Wo du nun längst mit Engeln Tänze schlingest.

Zugabe

Die Locke der Begrabenen.

Eh` ihr sie ins Grab müßt senken,
Gebet mir die Locke nur!
Gönnet meinem Angedenken
Diese einz`ge dunkle Spur!

Dunkle Locke, du von ihren
Reizen einst der Schatten bloß;
Da sie all ihr Licht verlieren,
O wie scheint uns deins so groß!

Von des Todes Bann gefodert
Alle müssen in die Gruft,
Du allein darfst unvermodert
Spielen in des Himmels Luft.

Du allein bist nun geblieben,
Einst so schwach, nun stark genug,
Um zu tragen all mein Lieben,
Das ein ganzer Himmel trug.

Denn wie einst an dir, o Locke,
All die süße Schönheit hing,
So zum Trotz der Sterbeglocke
Hängt sie noch an diesem Ring.

Wie den Ring ich magisch drehe,
Zieht er sie vom Grab empor
Vor mein Antlitz, und ich sehe,
Daß mein Herz sie nicht verlor.

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