A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z


zurück zu Karl Lappe

Der Jude

- Gedicht von Karl Lappe

Der Jude

1420.

Am engen Stäbchen stumm zusammen
Sitzt betend der Familienkreis,
Die Messinglampe spendet Flammen,
Den Tisch bedecket Linnen weiß.

Doch ach, die Fenster fest verschleiert, —
Denn bricht ein Schimmer nur hinaus,
Daß hier ein Sabbath wird gefeiert,
Erkennen sie des Juden Haus.

Es sitzt das Weib in weißem Kleide,
Zwei Kinder — Mädchen — neben ihr,
Und wie versenkt in tiefem Leibe
Ein Alter ohne Leben schier.

So wird der tiefe Gram gemeißelt,
Er redet nicht, er betet nicht,
Wie scharf es seine Seele geißelt,
Zeigt das versunkne Angesicht.

Das fromme Weib hat ausgebetet,
Das Betbuch schließt sie trauernd bleich:
`Geht, meine Kinder, geht und tretet
Zum Vater hin, er segnet euch.`

Die Kinder nahn mit heitrer Miene
Entgegen frommem Segenswort,
Als ob ein Dämon ihm erschiene,
Winkt er entsetzt sie von sich fort.

Zur Mutter fliehen bang die Kleinen,
`Sind wir entdeckt? was ist geschehn?
O rede, Gott ist mit den Seinen,
Er läßt uns nimmer untergehn.

Verneinend schüttelt er die Locken
Und redet nicht und blickt nicht auf —
Und ihres Mundes Laute stocken
Und Angst hemmt ihres Blutes Lauf.

Doch bringt in silbernem Pokale
Sie zum Gebet geweihten Wein,
Den faßt er — starrt beim Lampenstrahle
In seinen blanken Grund hinein.

Bringt ihn der Anblick denn zum Rasen?
Täuscht ihn der Lampe dunkle Glut?
Der goldne Wein wirft rothe Blasen,
Der Wein verwandelt sich in Blut.

Er schleudert wild den Kelch zur Erde,
Der tönend auseinanderklirrt,
Und mit erschrockener Geberde
Wähnt sie, daß Wahnsinn ihn umschwirrt.

Sie ruft entsetzt: `Bei unserm Gotte!
O rede doch, was ist geschehn?`
Er lacht empor mit wildem Spotte:
`Bethörtes Weib! was nennst du den?`

Sie führt erschrocken ihn zum Sitze,
Er folgt ihr starr und willenlos,
Er schiene todt, wenn`s nicht wie Blitze
So scheu durch seine Augen schoß.

`Bei deinem, bei der Kinder Leben,
O sprich! mich tödtet sonst die Qual!`
Es scheint, als wollt` er sich erheben,
Er lauscht, springt auf mit einem Mal;

Und wirft zurück die schwarzen Locken,
Ha, wie sein Antlitz weint und lacht.
Vom Stephansdome künden Glocken
Des Herrn Geburt in heil`ger Nacht.

`Hörst du nicht auch die Stimmen rufen?`
``Wie, Stimmen? Glocken sind`s vom Dom!``
`Fort, fort! mich ruft`s zu seinen Stufen,
Zu wallen mit dem Christenstrom!`

Entsetzen zuckt durch ihre Wangen,
Ein Schrei durch ihre Seele reißt,
`Weh mir, der Wahnsinn hat gefangen
Mit seinen Schlingen deinen Geist!`

Er blickt sie an mit wüsten Augen:
`O möchten Wahnsinnsschlangen doch
An meiner Seele Leben saugen,
Wie wären wie so glücklich noch!

In letzter Nacht — du schliefst schon lange,
An deinem Halse lag im Traum
Ein Kind mit rothgeschlaf`ner Wange,
Das zweite an des Lagers Saum.

Sie lächelten mit holden Mienen
Ich dachte in dem Herzen mir:
Ihr guter Engel spielt mit ihnen,
Der Herr gab reichen Segen dir.

Und mußt du auch verborgen leben,
In Angst am Seelenheil und Leid,
Er hat dir Freuden viel gegeben,
Die Kinder und liebend Weib.

Und auf die Gruppe sah ich lange,
Aufs Glück, das blühende vor mir lag,
Dann macht` ich auf mich zu dem Gange,
Den mir der Geist verweht am Tag.

Und wie ich durch die Gasse schreite,
Da tönen Menschenstimmen gell,
Im Schatten an der Häuser Seite
Verberg` ich mich entsetzenschnell.

Bei einer Fackel rothem Brande
Bewegt sich her ein Menschenschwarm,
Voran in purpurnem Gewande
Ein Mann, ein blankes Schwert im Arm.

Und ihm zur Seite ein Beschorner,
Er drückt das Kreuz an seine Brust.
`Wen dieser sucht, ist ein Verlorner!`
Ich denk` es in der Seele just,

Mein Athem stockt in langer Pause,
Es folgt mein Blick der Menge
O wehe mir, vor meinem Hause
Hält kalt der bleiche Priester an.

Die Kinder seh` ich schon im Blute,
Geschlachtet mit mein holes Weib,
Da stürz` ich vor in wildem Muthe,
`Die schon und tödtet meinen Leib!`

Die Menge schweigt und stumm entgegen
Hält er das Kreuz mir in der Hand,
Mir pocht das Herz in wilden Schlägen,
Im Haupte lodert mir ein Brand.

Ich zögre noch, es murrt die Menge,
Der Priester winkt, es springt das Thor,
Gott flieht aus meines Busens Enge,
Die Finger streck` ich stumm empor.

Die Menge jauchzt. `Sie schlafen oben`,
So fleh` ich bang, `o weckt sie nicht!`
Und Blick und Hand zum Kreuz erhoben
Schwör` ich mich zu der Christenpflicht!`

Er schlägt vor`s Angesicht die Hände,
Zerschmettert sinkt der Jude hin.
Du heil`ger Gott der Väter sende
Den Todesengel über ihn,

Daß nicht sein Herz vernichtet werde
Vom wildentsetzenvollen Leid;
Es wirft sein Weib sich auf die Erde
Und sie zerreißt um ihn ihr Kleid.

Den Kindern wird nun bang, sie weinen,
`Weint, ihr habt keinen Vater mehr!
Todt ist er uns, laßt ab, ihr Kleinen,
Laßt ab von ihm! Kommt her, kommt her!`

Er will sie einmal noch umschlingen,
Nur einmal noch als letztes Glück,
Doch weh, zu ihrer Mutter springen
Sie scheu und bang vor ihm zurück.

Entsetzenvollen Angesichtes
Schaut er empor: `Du ew`ger Hort,
Es nahn die Schrecken des Gerichtes!`
Er ruft`s und stürzt entschlossen fort.

Und durch die Straßen zieht`s zum Dome,
Der leuchtend steht in schwarzer Nacht,
Und auf der Orgeltöne Strome
Schifft das Gebet empor mit Macht.

Und tausend Lichter sind entzündet
Und eine bunte Menge kniet,
Gesang und Glockenklang verkündet,
Daß Christus in das Leben zieht.

Da tritt herein zur Kirchenpforte
Der Jude bleich, gesträubt das Haar,
Und donnert durch den Chor die Worte:
`Geschändet hab` ich den Altar!

Und eurem Gotte falsch geschworen,
Da mich die Vaterangst durchtobt,
Ich rufe, bin ich auch verloren,
Gott meiner Väter, sei gelobt!`

Die Menge schaut empor erschrocken,
Der wilde Rufer läßt nicht ab,
Und das Gebet verstummt, die Glocken,
Stumm wird die Kirche wie ein Grab.

Da donnert Hohn von seinem Munde,
Die Menge gährt und braust empor
Und stürmt um ihn in wilder stunde
Und schleppt ihn vor das Riesenchor.

Aus eines Betstuhls Trümmern bauen
Sie einen Holzstoß hoch hinauf,
Wie prasseln durch das nächt`ge Grauen
Die rachedurst`gen Flammen auf.

`Werft ihn hinein und schürt die Flammen!`
Der Jude steht im Flammenhaus,
Gesaus und Glocken dumpf zusammen,
Verhallen in die Pacht hinaus.

Des Juden Weib in stummem Jammer
Liegt auf der Erde lebenbaar,
Da bricht ein Leuchten in die Kammer,
Ermuntert ruft das Kinderpaar:

`Ah! Morgenroth kommt freundlich blühend!`
Die Unschuldvollen ahnen nicht,
Daß ihres Vaters Herz verglühend
Zum Abschied grüßt in diesem Licht.

Anzeigen