A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z


zurück zu Theodor Däubler

Geier der Verzweiflung krallen

- Gedicht von Theodor Däubler

Geier der Verzweiflung krallen

Geier der Verzweiflung krallen
Plötzlich sich in Orpheus Herz,
Rücklings wird er überfallen,
Nie empfand er solchen Schmerz.

Taumelnd schließt er seine Augen,
Eine Ohnmacht schleicht heran,
Alles mag als Stütze taugen,
Wenn er nur noch greifen kann!

Bittre, ekelhafte Galle
Fühlt er nun vom Mund zum Darm
Und er glaubt auch, es durchwalle
Ihn schon plötzlich fieberwarm.

Doch er will sich nicht ergeben:
Brächte jemand einen Trunk,
Könnte er sich selbst erheben,
Schwer ist nur der Aufsprungsschwung!

Doch allein sich zu bewegen.
Geht für dieses mal nicht mehr:
Schlummer wird sich auf ihn legen
Und der Traum spukt schon umher.

In zerschlissenen Gewändern,
Sieht er manche Nachtgestalt
Mühsam durch den Nebel schlendern:
Und das lacht da, schnalzt und lallt.

Bis zum Knie in Dunst versunken,
Gehn die Meisten schrecklich schwer,
Orpheus denkt, sie sind betrunken,
Und nun schwanken sie noch mehr!

»Räusche wird es immer geben
Tollheit bleibt uns eingefleischt,
Nur ein Wahn ist unser Leben!«
Wird der Dichter angekreischt.

Dann gehts weiter: »Freches Scherzen
Giebt dem Dasein erst Gehalt,
Falten glätten, Gram entmerzen,
Gilt für jung und taugt für alt.

Klugheit führt Euch leicht zum Geize,
Denn wer nachdenkt, ist besorgt,
Darum sinnt nicht, hascht die Reize,
Die das Leben gerne borgt.

Euch den Leichtsinn zu erklären,
Fällt mir selbst im Rausche leicht,
Und durch meine flotten Lehren
Hab ich oft den Zweck erreicht.

Des Geschickes kühne Sätze
Bringen plötzlich Glück herbei:
Laß dem Geize sein Geschwätze
Und sein bleiches Einerlei.

Mit den Winden munter segeln,
Schärft und wahrt den klaren Blick,
Traue nie vernünftigen Regeln
Und verlaß Dich aufs Geschick.

Weise, ebenso wie Thoren,
Stehen fest in dieser Welt,
Wer noch taugt, geht nicht verloren,
Wie er es auch denkt und hält!

Wenig wird ein Mensch erklügeln,
Der aus Früchten Kerne schält.
Den Verstand etwas zu zügeln,
Ist noch eher was Euch fehlt.

Nein, bedenkt nicht Eure Wege
Und folgt lieber dem Gefühl,
Bleibt trotz aller Schicksalsschläge,
Gegen Rath und Warnung kühl!«

Durch ein Schauspiel voll Entsetzen
Wird nun Orpheus abgelenkt,
Mit bacchantischwilden Sätzen
Kommt ein Haufen angesprengt.

Wie im ersten Morgengrauen,
Kann er etwas schwanken sehn:
Männer mit betrunkenen Frauen
Scheinen sich um ihn zu drehn.

Hebt der Wind dieses Gesindel?
Tanzt da Dunst im Morgenlicht?
Oder faßt ihn selber Schwindel?
Orpheus weiß und sieht es nicht.

»Graust Dir noch vor unsern Räuschen?«
Wettert nun ein Weib ergrimmt:
»Künftig soll Dich nimmer täuschen
Was Dich freut und ethisch stimmt.

Sinke, bis ins Mark getroffen,
Frei von Illusionen, hin.
Höre endlich auf zu hoffen,
Krieg für echtes Elend Sinn!

Sieh, was meine Säufer sehen,
Und es trinkt hier Jedermann:
Wo sie durch das Dunkel spähen
Schleichen Ratten dumpf heran.

Menschen, die in sich zerfallen,
Sehn sich selber rings versprengt,
Mäuse, die der Nacht entwallen,
Halten sie schon eingeengt.

Allen Menschen, so wie Thieren,
Geht zum Schluß der Athem aus,
Doch was wir am Weg verlieren,
Rettet sich noch schnell als Maus.

Ratten seid Ihr, feig und kleinlich:
Alles was Ihr so verliert,
Ist Euch ekelhaft und peinlich,
Da Ihr Euch versteckt und ziert.

Eure Spuren wegzuwischen,
Seid Ihr allerdings bestrebt,
Und wenn Laster Euch entzischen,
Wird ihr Ausfallsloch verklebt.

Doch die Ratten und die Kröten
Springen fort aus Euch heraus,
Und wie wolltet Ihr sie töten?
Einst beerbt Euch Wurm und Maus!

Sprecht mir noch von Eurer Güte,
Seht den Dingen auf den Grund!
Laßt das süßliche Getüte,
Eine Maus springt aus dem Mund!

Wie, Ihr wollt das Schönste, Beste?
Glaube, daß Euch nichts gelingt,
Denn Euch bilden Lebensreste,
Die die Sonne überschminkt!

Wollt Ihr Kenntnisse erbetteln,
Wissen was Euch hier erhält?
Könnt Euch rascher nur verzetteln,
Denn was sucht und hascht, zerfällt!

Doch versteht Ihr oft, wie Spinnen
Hinter einem Hirngespinnst
Eurer Einsicht zu entrinnen,
Und nur das bringt Euch Gewinnst!

Nein, Ihr scheint mir nicht erschaffen,
Euch als Wichte anzusehn,
Trachtet Nöthiges zu erraffen,
Um noch etwas zu bestehn!

Die Natur war nicht eklektisch
Als sie Euch aus Resten schuf,
Und jetzt werdet Ihr noch hektisch,
Es gebührt Euch kein Beruf!

Orpheus, Du willst Schatten haschen,
Bist Du brünstig aufgeregt?
Mußtest früher lüstern naschen,
Nun ist alles weggefegt!

Fängt Dich Liebe an zu plagen,
Wirst Du Nachts im Bett gejuckt?
Hilft nur das: den Floh erschlagen
Und den Ärger ausgespuckt!«

Anzeigen