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DIE EINSAME KRANKE AM FENSTER

- Gedicht von Julius Lohmeyer

DIE EINSAME KRANKE AM FENSTER

I.

Mondenhelle Mitternacht
Lockt mich auf vom Pfühle;
Nur noch meine Seele wacht
Und die ferne Mühle.

Nächt`ge Stille allerwärts,
Nur die Brunnen rauschen;
Voller Sehnen muss mein Herz
In die Ferne lauschen.

O kein Klang, kein Jauchzen dringt
Bis zu meinem Ohre,
Denn der Frühling lacht und singt
Draussen vor dem Thore.

II.

So weit ich schaue — dunkle Giebelmassen!
Und unter mir ein Labyrinth von Gassen.
Doch in die Kammer wehen Frühlings düfte,
Und Wandervögel rauschen durch die Lüfte.
``O könnt` ich mit euch zieh`n und Wald und Auen
In Frühlingspracht zu meinen Füssen schauen.``
Rief sie den Flücht`gen nach auf ihre Reise.
Ihr war, als sängen sie zur Antwort leise:
``Des Frühlings ganze Herrlichkeit durchzieht
Auch jenen Strauch, der dir am Fenster blüht,
Sie will sich dir in Rosen offenbaren:
Ein hold`res Wunder kannst Du nicht erfahren.``

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