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Der Scheik am Sinai

- Gedicht von Ferdinand Freiligrath

Der Scheik am Sinai

Im Spätjahr 1830.

`Tragt mich vor`s Zelt hinaus sammt meiner Ottomane!
Ich will ihn selber sehn! - Heut` kam die Karavane
Aus Afrika, sagt ihr, und mit ihr das Gerücht?
Tragt mich vor`s Zelt hinaus! wie an den Wasserbächen
Sich die Gazelle letzt, will ich an seinem Sprechen
Mich letzen, wenn er Wahrheit spricht.`

Der Scheik saß vor dem Zelt, und also sprach der Mohre:
``Auf Algiers Thürmen weht, o Greis! die Tricolore,
Auf seinen Zinnen rauscht die Seide von Lyon;
Durch seine Gassen dröhnt früh Morgens die Reveille,
Das Roß geht nach dem Takt des Liedes von Marseille;
Die Franken kamen von Toulon!

Gen Süden rückt das Heer in blitzender Kolonne;
Auf ihre Waffen flammt der Barbaresken Sonne,
Tuneser Sand umweht der Pferde Mähnenhaar.
Mit ihren Weibern fliehn die knirschenden Kabylen;
Der Atlas nimmt sie auf, und mit dem Fuß voll Schwielen
Klimmt durch`s Gebirg der Dromedar.

Die Mauren stellen sich; vom Streit gleich einer Esse
Glüht schwül das Defilé, Dampf wirbelt durch die Pässe;
Der Leu verläßt den Rest des halbzerriss`nen Reh`s.
Er muß sich für die Nacht ein ander Wild erjagen. -
Allah! - Feu! En avant! - Keck bis zum Gipfel schlagen
Sich durch die Aventuriers.

Der Berg trägt eine Kron` von blanken Bajonetten;
Zu ihren Füßen liegt das Land mit seinen Städten
Vom Atlas bis an`s Meer, von Tunis bis nach Fez.
Die Reiter sitzen ab; ihr Arm ruht auf den Croupen;
Ihr Auge schweift umher; aus grünen Myrtengruppen
Schau`n dünn und schlank die Minarets.

Die Mandel blüht im Thal; mit spitzen dunkeln Blättern
Trotzt auf dem kahlen Fels die Aloe den Wettern;
Gesegnet ist das Land des Bey`s von Tittery.
Dort glänzt das Meer; dorthin liegt Frankreich. Mit den bunten
Kriegsfahnen buhlt der Wind. Am Zündloch glühn die Lunten;
Die Salve kracht - so grüßen sie!``

`Sie sind es!` ruft der Scheik - `ich focht an ihrer Seite!
O Pyramidenschlacht! o, Tag des Ruhms, der Beute!
Roth, wie dein Turban, war im Nile jede Furt. -
Allein ihr Sultan? sprich!` er faßt des Mohren Rechte;
`Sein Wuchs, sein Gang, sein Aug`? sahst du ihn im Gefechte?
Sein Kleid?` - der Mohr greift in den Gurt.

``Ihr Sultan blieb daheim in seinen Burggemächern;
Ein Feldherr trotzt für ihn den Kugeln und den Köchern;
Ein Aga sprengt für ihn des Atlas Eisenthür.
Doch ihres Sultans Haupt sieh`st du auf diesem blanken
Goldstück von zwanzig Francs. Ein Reiter von den Franken
Gab es beim Pferdehandel mir!`

Der Emir nimmt das Gold, und blickt auf das Gepräge,
Ob dies der Sultan sei, dem er die Wüstenwege
Vor langen Jahren wies; allein er seufzt und spricht:
`Das ist sein Auge nicht, das ist nicht seine Stirne!
Den Mann hier kenn` ich nicht! sein Haupt gleicht einer Birne!
Der, den ich meine, ist es nicht!`

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