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Wesen der Dichtung

- Gedicht von Albert Knapp

Wesen der Dichtung

Ist  nicht der Vogel ein fliegendes Lied?
Der Fisch in der Fluth ein lebendiges Glied
Der schöpfrischen Sprache, die tönend und rein
Durchwallet der Welten unzählige Reih`n? —
Der Vogel bewegt sich in glänzender Luft,
Das Fischlein durchschwimmt den krystallenen Duft;
Und wer von der spielenden Regung berichtet
Der Flügel und Flößen, — der hat schon gedichtet.

Persepolis Trümmer, — beschaue sie dort,
Die schweigenden Säulen am einsamen Ort!
Gedenke, was hier vor Jahrtausenden war,
Des mächtigen Königs gebietende Schaar; —
Ihr Spielen, ihr Prangen, — nun ist es verweht,
Mit trauernden Strahlen der Sonne besät; —
Was mahnet dich? — Wer von den Trümmern berichtet,
Wie mahnend sie ragen, - der hat schon gedichtet.

Und findest du rings in der hehren Natur
Des schwebenden Liedes unendliche Spur,
Und füllst, wie des Auges beschauende Kraft
Im Herzen dir innige Dichtungen schafft:
So wandre du kindlich die herrliche Bahn,
Horch rings um dich, schaue die Dinge dir an!
Je tiefer den Blick in die Wesen du lichtest,
Je hellers Wort, das du singest und dichtest.

Die Wahrheit, sie webt sich Gewand um Gewand;
Sie schürzet und wirket mit zaub`rischer Hand.
Ein Kleid für den Werkeltag gürtet sie um, —
Dann schafft sie im Schweiße, die Lieder sind stumm;
Hoch zieht sie das Festgewand herrlich sich an.
Dann wird sie ein glänzender, singender Schwan,
Der schrankenlos sich durch die Lüfte verbreitet,
Und frei mit des Stromes Bewegungen gleitet.

Doch lieblicher schwingt sie sich nirgends empor,
Als wenn der Vergänglichkeit trüg`rischer Flor
Zerrissen vom Auge des Sterblichen schwebt,
Und frei sich die Seele zum Heiligen hebt.
Bedarfs hier des Wahnes? bedarf es der Kunst,
Die tändelt und flattert in schimmerndem Dunst? —
Erfasse dein Leben im ewigen Leben!
So wird auch die Erde dir Himmlisches geben.

Die Welt ist gespiegelt im göttlichen Wort,
Das strömet durch alle Jahrtausende fort ;
Wo donnern die Psalmen? wo siegt der Gesang?
Wo herrschet der Bilder lebendigster Drang? —
Apostel, Propheten, sie dichteten nicht;
Sie sahen das Leben, sie zeugten vom Licht!
Das göttliche Leben, das höchste Genießen
Muß stets sich in Liedern und Psalmen ergießen.

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