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Mein Engel

- Gedicht von Karl Gerok

Mein Engel

Mein Engel hat mir zugewinkt: so tu!
Drum, Freunde, setzet mir nicht weiter zu;
Wohl manchem Mann vergönn ich alle Ehr,
Kann doch nicht fühlen, denken, tun wie er;
Nicht jedes, wisst ihr, taugt für jedermann,
Mein Engel sagt mir, was ich soll und kann.

Dein Engel? – Gönnt die kleine Ketzerei;
Etwas ist dran, den Namen geb ich frei;
Die Guten haben ihn von je gekannt,
Den „Dämon“ hat ihn Sokrates genannt,
Ein Andrer nennt ihn seinen „Schutzpatron“,
Auch seinen „Genius“ im höhern Ton,
Ein Vierter spricht von seinem „bessern Ich“,
Und ich – an meinen „Engel“ halt ich mich.

An meinen Engel, den für diese Welt
Mein Schöpfer mir als Führer zugesellt;
Zwar keiner ists der Nächsten an dem Thron,
Kein Fürst in Gottes Geisterlegion,
Sein Antlitz strahlt nicht wie die Sonne klar,
Nur morgenrötlich glänzt sein Flügelpaar,
Doch ihm auch leuchtet von dem höchsten Licht
Ein Abglanz noch im sanften Angesicht;
Manch schönern Geist schuf Gott im Himmelsheer,
Doch keinem so, gerade so, wie er;
Und keinen, der im ganzen Engelchor
Gerade mich zum Schützling sich erkor.

So saß er an des Kindes Wiege schon,
Sang Schlummerlieder mir in süßem Ton,
Und wacht ich auf, noch glänzte das Gemach
Von seiner Flügel goldnen Schimmer nach;
Noch klang das Ohr von seinem Lied mir lang,
Und was ich je von Liedern stammelnd sang,
Von seinen Tönen ists ein Widerklang.

Ich wuchs herauf – an einem Frühlingstag
Umwehte selig mich sein Flügelschlag,
Er wies empor zu den azurnen Höhn,
Und flüsterte: Schau Gottes Welt, wie schön!
Den Jüngling weckt‘ er oft in stiller Nacht,
Und zeigte mich des Sternenhimmels Pracht,
Und ahnend flog mein Geist an seiner hand
Im Traum empor ins hohe Vaterland.

Ich ward ein Mann, der Jugend Poesie
Mich schüchtern vor des Werktags Last und Müh,
Und Wochen, Monde schleichen freudlos hin,
Bis ich bei ihm und bei mir selber bin;
Und doch zur guten Stunde plötzlich oft
Beseligt sein Besuch mich unverhofft:
In Waldesnacht, auf stillen Bergeshöhn
Umfächelt mild mich seiner Flügel Wehn;
Löst mir das Herz der Zauber der Musik,
Neigt er sich über mich mit Freundesblick;
Entzückt den Sinn ein geisterquickend Buch,
Dann überrascht mich freundlich sein Besuch,
Und lächelnd spricht er: Sieh, ich lebe noch,
Und du und ich, wir bleiben Freunde doch;
Dann taut mein Herz in selger Wehmut auf,
Dann hemm ich kaum der süßen Tränen Lauf,
Und quillend aus des Busens tiefstem Grund
Drängt sich ein Lied vom Herzen mir zum Mund.

Und wenn die Welt mich lieblos oft verkannt,
Ich saß allein, den Kopf gestützt zur Hand,
Vom herben Spott der Spötter heiß beschämt,
Vom Wirrsal dieses Lebens tief zergrämt,
Dann neigt er über mich sein treu Gesicht,
Und spricht: sei ruhig, das verstehn sie nicht;
Du aber hast getan, was du gemusst,
Und freudig hüpft mein Herz mir in der Brust.

und wenn ich, vom Geräusch der Welt verwirrt,
Aus meinem Gleise selber mich verirrt,
Und komme heim ins stille Kämmerlein,
Dann steht er da beim milden Lampenschein,
Sieht mir ins Aug und straft mich sänftiglich:
Sieh, töricht Kind, sieh, das ist nicht für dich;
Und hab ich gar, was mich entehrt, getan,
Blickt er mich trüb mit ernsten Augen an,
Und strafend ruft sein wehmutsvoller Blick
Mich an sein Herz, mich zu mir selbst zurück.

Verloren hab ich schon der Freunde viel:
Mein Engel bleibt mir treu bis an das Ziel,
Und bin ich einst an meiner Tage Schluss,
Dann möchte ich sterben unter seinem Kuss,
Auf seinem Arm zum Lichte mich erheben,
An seiner Hand durch neue Welten schweben.

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