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Gudruns Klage.

- Gedicht von Emanuel Geibel

Gudruns Klage.

Nun geht in grauer Frühe
Der scharfe Märzenwind,
Und meiner Qual und Mühe
Ein neuer Tag beginnt.
Ich wall` hinab zum Strande
Durch Reif` und Dornen hin,
Zu waschen die Gewande
Der grimmen Königin,

Das Meer ist tief und herbe,
Doch tiefer ist die Pein,
Von Freund und Heimatserbe
Allzeit geschieden sein;
Doch herber ist`s, zu dienen
In fremder Mägde Schaar,
Und hat mir einst geschienen
Die güldne Kron` im Haar.

Mir ward kein guter Morgen,
Seit ich dem Feind verfiel;
Mein Speis` und Trank sind Sorgen,
Und Kummer mein Gespiel.
Doch berg` ich meine Thränen
In stolzer Einsamkeit;
Am Strand den wilden Schwänen
Allein sing` ich mein Leid.

Kein Dräuen soll mir beugen
Den hochgemuten Sinn;
Ausduldend will ich zeugen,
Von welchem Stamm ich bin.
Und so sie hold gebahren,
Wie Spinnweb acht` ich`s nur;
Ich will getreu bewahren
Mein Herz und meinen Schwur.

O Ortwin, trauter Bruder,
O Herwig, Buhle werth,
Was rauscht nicht euer Ruder,
Was klingt nicht euer Schwert!
Umsonst zur Meeresküste
Hinspäh` ich jede Stund!
Doch naht sich dieser Küste
Kein Wimpel, das mir kund.

Ich weiß es: nicht vergessen
Habt ihr der armen Maid;
Doch ist nur kurz gemessen
Dem steten Gram die Zeit.
Wohl kommt ihr einst, zu sühnen;
Zu retten, ach, zu spät,
Wann schon der Sand der Dünen
Um meinen Hügel webt.

Es dröhnt mit dumpfem Schlage
Die Brandung in mein Wort;
Der Sturm zerreißt die Klage
Und trägt beschwingt sie fort.
O möcht` er brausend schweben
Und geben euch Bericht:
»Wohl lass` ich hier das Leben,
Die Treue lass` ich nicht!«

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