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Maria Lichtmeß

- Gedicht von Lebrecht Dreves

Maria Lichtmeß

O du Tag, von Gott gegeben,
Wie ich keinen noch gesehn,
Wie kein zweiter je im Leben
Wird an mir vorübergehn,
Wie erfüllst mit stiller Lust
Du die tiefbewegte Brust.

Wend` ich heut` den Blick zurücke,
So erkenn` ich sonnenklar.
Wie sich Alles mir zum Glücke
Fügen mußte wunderbar,
Wie mich Leid und herber Schmerz
Zogen an das Mutterherz.

Als zuerst ich ausgezogen
Keck in`s hohe Lebensmeer,
O wie warfen mich die Wogen
Schaukelnd ungewiß umher;
Konnte kaum im wilden Spiel
Fragen nach der Reise Ziel.

Ach, und von den Sternen allen,
Drauf mein Hoffen ich gestellt,
Einen nach dem andern fallen
Mußt` ich sehn vom Himmelszelt,
Mußte sehn, wie`s mehr und mehr
Dunkel wurde ringsumher.

Als die letzten Sterne schwanden
Und ich noch im stummen Schmerz
Nach dem Ort, wo sie gestanden,
Sah verzweifelnd himmelwärts,
Hab` ich plötzlich, hochentzückt,
Stern der Sterne, dich erblickt.

Ja, ich habe dich gesehen,
Als ich jeder Hoffnung bar,
Hoch am nächt`gen Himmel stehen,
Stern der Gnade wunderbar,
Wie du schienst in stiller Pracht
Tröstend nieder durch die Nacht.

Ja, ich habe dich gewahret,
Wie, den Heiland in dem Arm,
Du, vom Engelheer umscharet,
Niederschautest liebewarm,
O Marie, vom Himmelszelt
Auf die wildempörte Welt.

Ja, ich habe dich gesehen,
Wie du mild auch mein gedacht,
Da du so mich trostlos stehen
Sähest in der öden Nacht,
Und du riefest: `Komm zu mir,
Klimm` empor, ich helfe dir.`

Und ich habe, auf dich bauend,
Wie ein Bergmann, den ein Schacht
Eingeschüttet, gottvertrauend
Sich heraushaut aus der Nacht,
Mich zu dir aus Todesgrau`n
An das Licht hervorgehau`n.

Bitte denn, o Gnadenvolle,
Heut` für mich bei deinem Sohn,
Daß die Stund` er segnen wolle,
Wo ein Herz, das, ihm entflohn,
Lang` verirrt umhergeweint,
Seiner Herd` sich neu vereint.

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