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Die Rose

- Gedicht von Ludwig Tieck

Die Rose

Romanze.

O beglückt, beglückt, du Persien!
Persien, Wunderland des Morgens!
Süße Fluren, heil`ge Wälder,
O du Glanz des vollen Stromes,
Meer mit deinem weiten Spiegel,
Luft mit deinem lieben Othem,
Quellen, mächtige Gebirge,
Heimath, wo die Lieder wohnen!
Aber ihr vor allen, Gärten!
Seid gegrüßt mir, Lauben, dorten
Möcht` ich auf den Fluren wandeln,
Wann sie blühen roth von Rosen.
Rose, liebste Mädchenblume!
Rose, die du dort geboren!
Ach, wie ist ein Liebesblut
Das Gefilde, wann du oben
An Gesträuchen blühend dichte
Wankst und zitterst mit den Knospen,
Und die heißen Sommerwinde,
In der Farbengluth verloren,
Kühlend baden, sich berauschen:
Nein, so schön ist nichts geworden
Was die Erde liebend treibet,
Was vom Himmel schaut die Sonne,
Als flatternd auf grünem Stengel
Meine liebste rothe Rose;
Rose, liebste Mädchenblume,
Liebesblume, süße Rose!

Wie ich dich in Händen halte,
Die zur Lieb` ich mir erkohren,
Und ich schau` in deine Blätter,
In das Labyrinth, das rothe,
Und ich frage die Bedeutung
Und wie du zur Welt geboren,
Bin ich trunken und weissagend
Süssen Rausches aufgehoben;
Liebesblume, Mädchenblume,
Rosenblume, süße Rose.

Nicht umsonst bist du erst quillend
Eingehüllt in deiner Knospe;
Also schläft des Mädchens Busen,
Eh die Liebe ihn erhoben:
Und das Noth, ein heimlich Feuer,
Bricht hervor süß angeschwollen,
Und wie ein verstohlen Küßchen
Hängst du an dem Zweig gebogen:
Aber inniger entbrennen
Lüfte, die dich aufgesogen,
Immer süsser träumst du Liebe,
Hast die Luft in dich gezogen,
Immer buhlerischer küsset
Dich das Licht, das dir gewogen,
Und du lässest nun die Schaam,
Und es dringt zu deinem Schooße
Alle Kraft des heil`gen Aethers,
Seine Pfeile, glänzend golden. –
Mußt du welken in der Liebe
Mädchenblume, süsse Rose?

Als die Göttinn sonst der Liebe
Venus auf der Erden wohnte,
Und zum erstenmal sie wandelnd
Trat der grünen Wiese Boden,
Jungfrau noch und unvermählet
Aus dem Meere jüngst entsprossen, –
Aus der Zeugungskraft des Wassers
War das Licht empor geflogen, –
Und sie stand, sich selbst besinnend,
Selber über sich betroffen,
Ihre Schönheit, ihre Anmuth
Mußte Venus selber loben,
Und der Himmel glänzte heller
Wie den Blick sie aufgehoben,
Und die Erde grünte grüner
Von dem Fuß getreten, stolzer
Sangen murmelnd blaue Bäche
Von dem Widerschein vergoldet,
Und die Tauben girrten inn`ger,
Und die Nachtigall schlug voller,
Hub und breitete ihr Lied aus
Wie ein Kleid von süssem Wohllaut,
Deckte Wald mit und Gefilde,
Daß die Bäume treibend quollen.
Noch nicht war die Liebesblume
Lebend, meine süsse Rose.

Aus dem Walde tritt ein Jüngling,
Und wie Flammen angezogen
Fliegen zündend ihre Blicke,
Brennen nicht mehr hier und dorten,
Beider Blick ist jetzt nur einer,
Liebe, einsam noch und ohne
Liebe, wird nun bang und feurig,
Fühlt sich zweifelnd neu geboren.
Doch der Jüngling tritt zur Jungfrau;
Und sie halten sich umschlossen,
Und die Unschuld lehrt sie küssen,
Und es treibt zum süssen Zorne
Wie sie sehnen und ermatten,
Kaum erkannt ein Liebeswollen:
Und im Sträuben und Ergeben
Löset sich der wunderholde
Zauber, Liebe wird zur Liebe,
Und der Flur wird von dem Zorne,
Von den Küssen, von der Milde
Ein Andenken wie zum Zolle
Dargebracht; dem heil`gen Blut
Zittert gleich das Feld voll Wollust,
Und es rauschen und es treiben
Quillend ungestüm die rothen
Blumen her, bedecken blutig,
Lächelnd, küssend, voll und voller,
Knospend, blumend, ganz den Anger,
Und die Göttin weiht die Rose
Zu dem Eigenthum der Liebe:
Also wurdest du geboren
Mädchenblume, Liebesblume,
Rosenblume, süsse Rose.

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