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Ulysses und seine Gefährten - Gedicht von Friedrich


Ulysses und seine Gefährten

Ulysses und der Rest der ihm getreuen Schaaren,
Die, vielen Helden gleich, nur selten glücklich waren,
Verließen kaum der Lästrigoner Land,
Als ihr Verhängniß sie zu einer Insel führte,
Wo Circe königlich regierte,
Die mit Medeens Kunst Medeens Reiz verband.

Im Thal steht ihr Palast. Gekrümmt zu ihren Füßen,
Läßt sich ihr Löwe dort von ihrem Arm umschließen.
Ihr Wolf verlernt die würgende Gewalt.
Vier Töchter der Natur, der Wälder und der Quellen,
Und der ins Meer verströmten Wellen,
Bedienen Circen stets in jenem Aufenthalt.

Der Nymphen Göttin singt. Die frohen Haine hallen,
Da Zephyrs Hauch und Scherz in ihren Haaren wallen,
Die uns Homer, der Haare Kenner preist.
Sie labt Ulyssens Volk: es zecht mit sicherm Muthe,
Bis plötzlich ihre Zauberruthe
Dieß Volk zu Thieren schlägt, und ihre Kraft beweist.

Eurylochus entrinnt, und sagt, daß diese Thoren
Der Sängerin gefolgt, und alle sich verloren.
Ulyß macht sich, sie zu entdecken, auf.
Da soll ihm nun Mercur ein Kraut verehret haben;
Jetzt aber schenkt er reichre Gaben;
Der güldne Wucher ist sein heut`ger Lebenslauf.

Doch war es nicht dieß Kraut, das damals ihn beschützte,
Noch sein entblößtes Schwert, womit er drohend blitzte,
Als er nunmehr vor Circens Augen kam.
Es war die Männlichkeit in seinen Heldenblicken,
Und ihre Sehnsucht, ihr Entzücken,
Was ihr die Kraft und Lust, ihn zu verwandeln, nahm.

Er sah, und konnte das nicht ohne Zähren sehen,
Er sah, die er gesucht, als Thiere, vor sich stehen,
Doch unerkannt bei ihrer Wiederkunft.
Ach! ruft Ulysses aus, ach Circe! laß dich rühren,
Und gib, aus Mitleid, diesen Thieren
Die vorige Gestalt, die Sprache, die Vernunft.

Göttinnen dürfen stets ihr ganzes Herz erklären.
Aus Mitleid, sagt sie ihm, werd` ich dir nichts gewähren;
Aus Liebe nur geh` ich dein Bitten ein.
Ich will es, daß sie dir, als Menschen, folgen sollen:
Doch frage sie, ob sie auch wollen.
Dein Löwe kömmt hieher! laß ihn den ersten sein.

Ulysses red`t ihn an: Mein Wächter, mein Getreuer,
Es endigt heute sich dein seltnes Abenteuer.
So bald du willst, bist du ein Mensch, wie wir.
Der Löwe, der sogleich aus wildem Eifer schnaubte,
Spricht, da er noch zu brüllen glaubte:
So thöricht bin ich nicht; die Menschheit gönn` ich dir.

Ich bleibe, was ich bin. Nur so erweck` ich Grauen,
Durch meiner Zähne Raub und durch den Sieg der Klauen.
Mir kömmt kein Feind unüberwindlich nah`.
Sonst war ich dein Soldat: ein Kriegsknecht gilt nur wenig.
In jenem Walde bin ich König:
Den reizt kein Bürgerstand in deinem Ithaca.

Nun wird der Bär befragt: Willst du zum Menschen werden?
Du warst der schönste Kerl an Bildung und Geberden:
Nun sieht man fast nichts häßlicher, als dich.
Ich häßlich? brummt der Bär: Nein! schön, nach Art der Bären.
Das könnte dir mein Schatz erklären:
Die liebt den Honig selbst nicht halb so sehr, als mich.

Woher bist du so klug? Was macht, daß von Gestalten
Dir jene widrig sind, und die dein Lob erhalten?
Nur Vorurtheil, Gewohnheit, Eigensinn.
Gefall` ich dir denn nicht, so meide dieß Gehege,
So packe dich aus meinem Wege.
Mit Lust geh` ich zu Holz, und bleibe, was ich bin.

Ulysses spricht zum Wolf: Wie viel ist dir entrissen!
Die Hoffnung und das Recht, die Schäferin zu küssen,
Die nun das Schaf, das du verschlingst, beweint.
Die Heerden fliehen dich; sonst schütztest du die Heerden:
Doch, was du warst, das kannst du werden.
Wohlan! Sei wiederum ein Mensch und Menschenfreund.

Ihn hört der Wolf, und sagt: Wo gibt es Menschenfreunde?
Die Menschen selber sind der Menschen ärgste Feinde,
Und einer ist dem andern Wolf und Bär.
Die Kunst, zu gleicher Zeit zu schmeicheln und zu hassen,
Will ich euch Menschen überlassen:
Seit ich vom Hofe bin, fällt mir die Falschheit schwer.

Das Schaf, das ich, aus Trieb und aus Beruf, gefressen,
Das hättest du wol selbst, doch zierlicher, gegessen.
Herr, mein Geschmack ist hier dem deinen gleich.
Soll ich, als Wolf, als Mensch, ja Räubereien treiben,
So will ich stets ein Wolf verbleiben.
Dann bin ich glücklicher; die Reue trifft nur euch.

Laertens Sohn erforscht die übrigen Gefährten,
Und die erklären sich, wie jene sich erklärten.
Sie sind mit Lust den Thieren zugesellt.
Stand, Ruhm, Unsterblichkeit reizt sie zu keinem Neide.
Der freie Wald ist aller Freude.
Nicht weiser ist der Mensch: er wählt, was ihm gefällt.

Und was gefällt uns denn? Kann Wahrheit uns vergnügen?
O nein! wir sind geneigt, uns selber zu betrügen.
Empfindungen weicht unsrer Schlüsse Kraft.
Vergnüget uns ein Recht, das Aller Wohlfahrt stützet?
So lang es unsrer Absicht nützet.
Was unser Thun bestimmt, ist Wahn und Leidenschaft.


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