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Viele tausend Rosen neigen

- Gedicht von Rudolf Presber

Viele tausend Rosen neigen

Viele tausend Rosen neigen
Jungem Lenz die Köpfchen hin,
Viele tausend Lerchen steigen -
Wenn ich längst begraben bin.

Viele tausend grüne Auen
Breiten blühend sich im Mai,
Viele tausend schöne Frauen
Ziehn an meinem Grab vorbei.

Müde von Verlust und Siegen
Und des Kampfes längst entwöhnt,
Muß ich still da unten liegen,
Wenn der Lenz die Erde schönt.

Und es kommt an einem kühlern
Abend, wenn die Sonne weicht,
Ein Professor mit den Schülern
An mein einsam Grab vielleicht.

Und sie finden meine Knochen,
Und sie sammeln voll Begier.
Manche Weisheit wird gesprochen -
Und sie wissen nichts von mir.

Und die Schüler stehn in Stille;
Nur ein krasses Füchslein lacht.
Der Professor rückt die Brille,
Und er redet mit Bedacht:

`Was von ekler Würmer Feste
Blieb der Forschung übrig hier,
Das, so schließ` ich aus dem Reste,
Stammt von einem Säugetier.

`Dieser Schenkel gibt uns Daten,
Lang zum Klettern wuchs das Bein.
In die Klasse der Primaten
Stell` ich das Gefundne ein.

`Was die Zehen schon bekunden
Macht der Arme Kürze klar:
Daß der Affe überwunden
Und der Mensch im Wachsen war.

`Diese Augen liegen tiefer,
Und die Stirne wölbt sich breit;
Doch die stark gebauten Kiefer
Melden uns Gefräßigkeit.

`Kurz des Schädels niedre Triebe
Machen uns die Zeit gewiß,
Da man sogenannter Liebe
Sich im Frühling noch befliß;

`Da man sich vor Frauen beugte,
Dem Gefühl Gesänge lieh
Und sich muntre Kinder zeugte
Ohne Hilfe der Chemie.`

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