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Das Wasserweib

- Gedicht von Otto Weddigen

Das Wasserweib

Was flüstert und klinget und singet im See?
Das kommt aus dem Reiche der Wasserfee;
Es schlingen die Nixen den munteren Reigen,
Sie springen und tanzen und nieder sich neigen.

Graf Dietrich stehet am See und lauscht,
Als plötzlich es tief aus dem Wasser rauscht;
Es tauchet hervor aus den schäumenden Wogen
Ein Kähnlein, von singenden Frauen gezogen.

Es sitzet darinnen das schönste Weib,
Es strahlet wie Marmor der schlanke Leib;
Den schneeigen Nacken die Locken umschweben —
Graf Dietrich mußte vor Wonne erbeben.

Schnell landet der Kahn an dem stachen Rand,
Die Wasserfee bietet dem Herr`n die Hand:
`Willst ewige Treue, Graf Dietrich, mir schwören,
So soll dir mein Leib, meine Liebe gehören.`

``Ich will es! Wer könnte ach, widerstehn,
Nicht will ich mein Weib, nicht mein Kind mehr sehn!
Dir will ich gehören für ewige Zeiten,
Und will dich, wohin du begehrest, begleiten.``

„Steig ein denn und ruhe au meiner Brust;
Genieße die Freude, genieß` die Lust!
Dir singen die Frauen die süßesten Weisen,
Nun pflege des Schlummers, des holden, des leisen!`

Als endlich der Graf aus dem Traum` erwacht,
Da staunt sein Aug` ob der Wunderpracht;
Er thronet im Schlosse tief unten im Grunde,
Ihm dienen die Nixen geschäftig zur Stunde.

Die Jahre verrannen in Lust und Freud`,
Im sieb`ten erfaßte den Grafen das Leid;
Er fühlt in der Seele unnennbares Sehnen,
Den Augen entfließen die bitteren Thränen.

Da merkt es, da sieht es die Wasserfee.
`So kehre`, so spricht sie, `hinauf zur Höh`,
Begrüße die Deinen, doch mußt du schnell wenden,
Sonst trifft dich Verderben mit sicheren Händen.`

Es liegt dann der Graf den Seinen im Arm,
Wie faßt ihn da Kummer, wie faßt ihn Harm!
Er bleibt — widersteht nicht den Bitten, dem Fleh`n —
Da hat man ihn tot bald im Forste gesehn.

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