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Briefe. Erstes Buch. An Lollius.

- Gedicht von Quintus Horatius Flaccus Horaz

Briefe. Erstes Buch. An Lollius.

Wenn ich genau dich erforscht, freiherziger Lollius, fliehst du,
Schmeichelnder Höflingsart dich zu leihn, wo du Freund dich bekanntest.
Weit, wie der edlen Matron` und der Buhlerin Farb` und Gesinnung
Ungleich sind, so steht vom belistenden Schranzen der Freund ab. 

5  Solchem Fehl ist entgegen ein fast noch größerer Fehler:
Rauhigkeit ländlicher Sitte, so unfügsam, wie beschwerlich,
Die kurzborstige Schur und schwärzliche Zähne zur Schau trägt,
Da Freimütigkeit heißen sie will und lautere Tugend.
Tugend ist Mitte der Fehl`, und beiderlei Äußerstem abwärts.

10  Einer mit mehr denn erlaubter Gefälligkeit, der sich des Lachens
Fleißiget unten am Tisch, staunt so vor dem Winke des Gönners,
Hallt so jegliches nach und hascht die entfallenden Wort` auf:
Wie wenn ein Knabe zurück, was der herrische Lehrer gesagt, hallt,
Oder ein unterer Mime den oberen hebet in Demut. 

15  Jener Haderer dort, oftmals um die Wolle des Geißbocks,
Stellt sich mit Possen gewappnet zum Vorkampf: »Himmel, o soll nicht
Mein Wort gelten vor deinem? und was wahr scheinet, das soll nicht
Tapfer ich bellen heraus? Beut doppeltes Leben, mir widert`s!«
Was denn giebt`s? Ob Kastor geschickt, ob Dolichos mehr sei! 

20  Ob nach Brundusium näher des Appius, ob des Minuz Weg!
Wen die verderbliche Lust, der rasende Würfel entblößet,
Wen stolz über Vermögen die Hoffart kleidet und salbet,
Wer nach dem Pfennige lechzet mit unersättlichem Hunger,
Wer sich der Armut schämet und scheut: den, ob auch der Gönner

25  Prange mit zehnmal so viel Untugenden, haßt er verachtend;
Hasset er nicht, er meistert; und, gleich der zärtlichen Mutter,
Sucht er ihn weiser denn sich und tugendhafter zu bilden;
Und fast redet er wahr: »Mein Gut (wetteifere du nicht!)
Hält mit der Thorheit aus; du, Freund, hast ärmlichen Nachsatz. 

30  Keine zu bauschende Toga geziemt dem Begleiter. Wozu dich
Messen mit mir?« – Wem jener Eutrapelos dachte zu schaden,
Schenkt` er köstliches Feiergewand. Denn ein Seliger jetzo
Wird er in stattlichen Röcken Entwürf` und Hoffnungen brüten;
Fort dann schläft er zum Tag`; um die Buhlerin opfert er alles, 

35  Ehr` und Pflicht; aus Schulden versinkt er in Schulden; zuletzt dann
Kämpft er im Frohn und trottet zu Markt mit dem Gaule des Gärtners.
Niemals forsche du aus die Geheimnisse deines Gebieters;
Doch ein vertrautes bewahr`, auch mit Wein und Zorne gefoltert.
Nicht lob` eigenes Lieblingsgeschäft, noch tadele fremdes;

40  Und wann jener zur Jagd aus will, nicht mache Gedichte.
Dadurch ward die Verbindung der Zwillingsbrüder, des Zethus
Und des Amphion getrennt, bis sie, die dem Rauhen verhaßt war,
Schwieg, die melodische Leier. Des Bruders Neigungen folgsam
Zeigt` Amphion sich dort: du folge des mächtigen Freundes 

45  Milderem Herrschergebot; und sobald er zum Felde hinausführt
Schwer mit ätolischen Netzen beladenes Saumvieh und Rüden,
Auf, und entfalte die Runzel der unleutseligen Muse,
Daß du zu Nacht mitschmausest die Kost, die mit Arbeit erkauft ward.
Das war römischer Männer Beschäftigung, nützlich dem Rufe, 

50  Stärkend Glieder und Leben; zumal da du jugendlich blühst und
Rüstig im Lauf obsiegen dem Hund wie an Kräften dem Eber
Kannst. Noch füge dazu, daß Männerrüstungen niemand
Leicht anständiger führt. Wie laut umjubelt das Volk dich,
Wenn du die Treffen bestehst in dem Marsfeld! Endlich gestrengen 

55  Feldzug hast du als Bursch` und cantabrische Kriege geduldet,
Unter ihm, der die Adler enthebt den parthischen Tempeln,
Jetzt, und wo etwas noch fehlt, den Italerwaffen es zuspricht.
Daß du dich nimmer entziehst und ohne Entschuldigung ausbleibst;
Ob du gleich nichts außer dem Takt und der Weise zu üben 

60  Sorgst, doch treibst du zur Zeit Kurzweil auf dem Gute des Vaters.
Siehe, da teilt sich in Kähne das Kriegsheer: Actiums Seeschlacht
Wird nach deinem Befehl von feindlichen Knaben gebildet;
Gegener ist dein Bruder, das Weiherchen Adria, bis nun
Einen von euch mit dem Laube die rasche Victoria krönet. 

65  Glaubt nur einer, daß du in seine Geschäftigkeit einstimmst,
Willig mit Hand und Mund dein Spiel auch lobet und preist er.
Daß ich fortan dich ermahne, wofern ein Ermahner dir not ist,
Was, von welcherlei Mann, und zu wem du redest, bedenk` oft.
Fliehe den Allausforscher mit Fleiß; auch ein Plauderer ist er:

70  Kein stets offenes Ohr hält fest das vertraute Geheimnis,
Und ein verlassenes Wort fliegt unfolgsam dem Zurückruf.
Nicht verwunde das Herz ein Mädchen dir oder ein Knabe
Drinnen im Marmorpalaste des ehrfurchtheischenden Freundes;
Daß nicht der Herr dich vielleicht mit des Lieblings oder des Mägdleins 

75  Kleinem Geschenk hoch ehr` und vielleicht durch Weigerung härme.
Ehe du einen empfiehlst, genau ihn betrachte, damit nicht
Bald du nachher dastehest bei fremden Vergehungen schamrot.
Irren wir doch und stellen den oft nicht Würdigen. Nun denn,
Drückt ihn eigene Schuld, so entsage getäuscht der Beschirmung:

80  Daß du den ganz Durchschauten, versucht ihn Lästerung, rettest,
Und dein Schutz mit vollem Vertraun ihn sichere. Denn so
Jenen mit giftigem Zahne die Schmähsucht naget, o Lieber
Merkest du nicht die Gefahr, die bald dir selber auch annaht?
Dich und das Deinige gilt`s, wenn die Wand des Benachbarte brennet: 

85  Und saumselige Hilfe gewährt den Entflammungen Wachstum.
Süß Unerfahrenen deucht der Bewerb um des Mächtigen Freundschaft,
Doch der Erfahrene scheut. Du, weil auf der Höhe dein Schiff ist,
Gieb acht, oder dich trägt rückwärts ein verändertes Lüftchen.
Launisch haßt den Vergnügten, wer ernst, und den Ernsten, wer froh ist,

90  Ihn, der säumt, der Geschwind`, und den Raschen zur That der Gelaßne;
Wer von der Mitte des Tags fortzecht den klaren Falerner,
Haßt dich, lehnest du ab die gebotenen Becher, wie hoch du
Immer beteurst, dir schade des nächtlichen Weines Erhitzung.
Nimm der umzogenen Stirn ihr Gewölk. Der Bescheidene mehrmals 

95  Trägt des düsteren Sinns Anschein, und der Stille des bittern.
Doch vor anderem lies und befrage du Kenner der Weisheit,
Welcher Gestalt du könnest geruhige Tage verleben;
Daß nicht stets dich arme Begierd` umtreib` und verstöre,
Nicht auch Angst und Hoffnung der kaum nutzbringenden Dinge;

100  Ob die Trefflichkeit Bildung der Kunst, ob Geschenk der Natur sei,
Was doch mindre die Sorgen, was dich dir selber befreunde,
Was dich beruhige ganz, ob Ehr`, ob süße Gewinne,
Ob ein gesonderter Gang auf einsamem Pfade des Lebens.
Wann mich labet ein Trunk aus dem kühlen Digentiabächlein,

105  Welches Mandela sich schöpft, die von Bergfrost schaudernde Dorfschaft,
Was wohl glaubst du, o Freund, daß ich fühl`, und bete mit Andacht?
»Sei mir, so viel nun ist, auch weniger; leb` ich mir selbst nur,
Was ich zu leben noch habe, wo mehr noch geben die Götter.
Sei vollauf mir der Bücher und sattsamer Frucht auf ein Jahr lang 

110  Vorrat, und nicht schwank` in wechselnden Stunden die Hoffnung.
Doch es genügt zu erflehn, was Jupiter beut und hinweghebt:
Schenk` er Leben und Gut; die Ruhe mir selber bereit` ich.« 

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