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Die Kinder der Muße

- Gedicht von Adolf Frey

Die Kinder der Muße

Auf dem sommergrünen Blumenbühel
Hausten heut vier nackte weiße Büblein.
Eines warf die grauen Schieferscheiben
Zielend nach dem aufgefetzten Steinmal,
Und das andre, auf dem Rücken liegend,
Pustete vom verblühten Löwenzahne.
Einen Käfer auf dem Zeigefinger
Trällerte das dritte Lumpenliedchen,
Und das vierte schlug auf Kräuterbüscheln
Ungebändigt schlanke Purzelbäume.
Wandernd traf ich sie und fragte staunend:
„Habt ihr nichts zu schaffen, nichts zu wikrn?
Dürft ihr so die goldne Zeit vertrödeln?“
Eines blinzelte und maulte schelmisch:
„Was uns lüstet, ist uns Tagewerk! Wir
Sind der Muße ungesorgte Kinder!
Schon Homer beschlichen wir und stäubten
Rosenblätter handvoll ihm ins Antlitz,
Wen er summend in das goldne Spiel sann.
Weidlich tollten wir in Phidias Werkstatt
Und um seines Donnrers Marmorschenken
Dideldumten wir den Ringelreihen.

Unter bärtigen Phalangenkämpfern
Trabten wir in Alexanders Heerschar,
Flochten Eppich ihm um Stirn und Milchkrug
Und betatschten seines Streithengsts Flanken.
Heimlich löschten Keppler wir die Ampel:
Eia, feinre Fangebälle gabs nicht
Als die ausgehöhlten Weltenkugeln,
Wenn sie auf der alten Diele hopften!
Unterm Kerzenblitz der Spiegelsäle
Bot uns Stelldichein der Preußenkönig,
Der die Schlachten und die Dichter liebte.
Wir bebänderten den steifen Zopf ihm,
Zupften seinem Windspiel Schweif und Ohren
Und betippten das Spinnet zur Flöte.
Tauchte nach vergornem Werk und Tage
Goethe in die zwielichtgraue Welle,
Patschten wir ins Wasser, dass es sprühte
Und ihm Haupt und Schultern übertroffen:
Wie aus einer Göttin Armen stieg er
Heiter und gelassen aus den Fluten.
Doch in dem verhasteten Jahrhundert,
Wo ihr alle jagt und hetzt und rechnet,
Wills uns nirgendwo bei euch behagen.
Darum spielen wir zu unsrer Freude,
Bis uns wieder holdre Zeiten lachen.“
Eilig hoben sie die rosgen Füßchen,
Schlugen mir ein Schnippchen und entschwanden.

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