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Auff das absterben Hn. Ferdinands von Mudrach...

- Gedicht von Benjamin Neukirch

Auff das absterben Hn. Ferdinands von Mudrach...

Auff das absterben Hn. Ferdinands von Mudrach/ Käyserl. Raths und Präsidis in Breßlau/ 1690

Der affe der natur/ die schatten-volle nacht/
Fieng unlängst meinen geist mit träumen an zu wiegen/
Und hatte die vernunfft kaum aus dem circkel bracht/
Als ich Budorgis sah auff einem berge liegen.
Zu ihren füssen war ein krannich vorgestellt/
Der/ da er vor sein heer noch voller sorgen wachte/
Und alle durch sein stehn im schlaffe sicher machte/
Von pfeilen/ wie ein baum vom donner/ ward gefällt;
Die andern flogen noch vor schrecken hin und wieder/
Mit dieser Uberschrifft: Der beste liegt darnieder.

Der grund des berges war mit wapen überstreut.
Auff diesem zeigte sich der adler voller klagen;
In seiner matten schooß lag die erfahrenheit/
Und hatten vor den tod viel bücher auffgeschlagen;
Sein sinn-gemählde war ein diamanten-stein/
Mit der bezeichnungs-schrifft: Die zierde von der sonnen.
Vielleicht/ weil/ wie sein glantz vom himmel kommt geronnen/
So witz und wissenschafft des adels ausputz seyn/
Und perlen und beryll von muscheln zwar entspriessen/
Die hoheit aber muß aus ihren strahlen fliessen.

Gleich über hatte sich die redligkeit gesetzt.
Ihr kopff war voller angst/ wie brüche voller narben;
Zur rechten lag ein hertz aus helffenbein geetzt/
Auff dem diß urthel stund: Von gleicher art und farben.
Zur lincken aber war ein hermelin gestellt/
Das/ wenn man seinen leib mit feur und koth umringet/
Viel lieber in die glut als in den unflath springet/
Und dieses denckmahl trug: Rein/ oder von der welt.
Zum schimpff uns/ die wir offt im hertzen voller flecken/
Wie schwartzes schwanen-fleisch in weissen federn stecken.

Nicht weit von dieser ab saß die gerechtigkeit/
Und hatte mit der hand ein spiegel-glaß umgriffen/
Auff dessen rande stund: Aus asche zubereit.
Und drüber diese schrifft: Vor alle gleich geschliffen.
Zur lehre: daß die pracht des richters asch` und spreu/
Sein leben/ wie der leib/ nur schwachem glase gleiche;
Der platz/ auff dem er sitzt/ vor arme/ wie vor reiche/
Nicht anders/ als der thau vor alle blumen sey/
Und ihm/ wofern er nicht nach geld und gunst soll wählen/
Egyptens meynung nach/ muß hand und auge fehlen.

Zwey schritte weiter war die gottesfurcht zu sehn.
Ihr hals trug einen krantz von hyacinthen-steinen/
Die/ wie das wetter fugt/ auch ihre farben drehn/
Mit dieser überschrifft: Der himmel will nicht scheinen.
Ihr antlitz aber sah zwey sonnen-blumen an/
Die voller liebes-lust zur sonnen-kugel brannten/
Zur seiten aber sich vom monden abwärts wandten/
Mit dieser leuterung: Nur einem zugethan.
Zu zeigen: daß der mensch nur einen Gott erkennen/
Und wie ein hyacinth soll nach dem himmel brennen.

Am ende sassen drey mit tüchern überdeckt/
Und hatten über sich den affen lassen mahlen/
Der/ wenn der monde fällt/ sich todt zur erde streckt/
Mit dieser neben-schrifft: Aus mangel deiner strahlen.
Den allen fügte sich Timantes endlich bey/
Und sann auff witz und kunst ihr trauren abzuschildern;
Doch merckt ich/ daß er nur/ nach vielen falschen bildern/
Diß auff die decken schrieb: Der schmertzen conterfay.
So gar kan traurigkeit/ wie wasser in der erden/
Wann sie die liebe führt/ zu grossen ströhmen werden.

Indem ich voller furcht diß alles noch besah/
Kam der erblaßte tod in zirckel eingetreten.
Viel geister suchten ihn/ so wie in Africa
Die ziegen ihren gott/ den hundsstern/ anzubeten.
Von diesen gaben sich mir sonder alle müh/
Der Pyrrhus/ Atticus und Plato zu erkennen;
Die andern liessen sich Anton und Cäsar nennen;
Auff allen aber stund: Des todes opffer-vieh.
Und hinter ihnen war auff einem wasser-ballen
Im schatten noch zu sehn: So sind wir auch gefallen.

Ach! dacht ich/ hält denn nichts auff erden festen lauff?
Als gleich der glaube kam vom himmel abgeschossen/
Aus seinem haupte stund ein junger Phönix auff/
Und drüber dieser trost: Dem tode nur zum possen.
Am kleide war der berg Olympus abgemahlt/
Mit beygesetzter schrifft: Mein gipffel hat gewonnen.
Vielleicht: Weil dieser berg stets oben von der sonnen/
Ein frommer ewiglich im himmel wird bestrahlt/
Und sich ein wahrer Christ durch glauben muß vom leiden/
Wie süsse palmen-frucht von bittern wurtzeln/ scheiden.

Nicht weit von diesem schwang die tugend ihren rock/
Und brach durch neuen glantz die dünste meiner sorgen.
Ihr sinnen-bildniß war ein matter reben-stock/
Der wider schnee und frost im miste lag verborgen/
Und über dem ein ball von pulver angezündt/
Mit der bekandten schrifft: Ich leb im untergange.
Zur seiten aber ab war eine wasser-schlange/
Der/ wo sich gleich ein bruch an ihren häuptern findt/
Doch stets/ wenn eines fällt/ ein neues wird gebohren/
Mit dieser überschrifft: Mit einem nicht verlohren.

Nach vieler pracht beschloß diß schwartze todten-fest
Die lieb`/ in einer tracht von frischen Amaranthen.
In ihrem schilde stund ein brennender Asbest/
Mit dieser neben-schrifft: Aus liebe zun verwandten.
Die brust schoß einen strohm von oel und balsam-safft
Nach denen nur allein noch übrigen betrübten/
Zum zeichen: daß der tod am grabe der veliebten/
So wenig als ein wurm an ceder-ästen hafft/
In wolken aber schien/ wie eine feder schriebe:
Der welt unsterblich feur ist glaube/ tugend/ liebe.

Diß meynt ich/ hätt ich nechst im traume nur erblickt/
Heut aber bricht der tod das siegel meiner augen/
Da unser Mudrach sich vor seinem donner bückt/
Und alle thränen-saltz aus seinem grabe saugen.
Denn wo Trajan den ruhm des besten in der welt/
Nur wegen seines amts/ vor andern weggetragen;
Ein schiff den steuermann am meisten muß beklagen;
Schreibt billig iede stadt/ wenn haupt und wächter fällt/
Budorgis aber itzt in ihre trauer-lieder/
Was Rom vor diesem sprach: Der beste liegt darnieder.

Zwar geb ich gerne nach/ daß dieses Canons ruhm/
Bald ein Timotheus wird herrschend überwiegen;
Denn dieses ist und bleibt der klugen eigenthum/
Einander durch ihr licht wie sternen obzusiegen.
Allein sein wesen war auch allen nicht gemein.
Denn da der Marius muß einem Sylla weichen/
Und ihm in ahnen nicht kan wie an thaten gleichen/
Goß ihm der adel glantz/ wie schnecken purpur ein/
Und riß ihn über die/ die nach des pöfels züchen/
Wie regen insgemein nach ihrem dampffe riechen.

Des adels lebens-saltz ist die erfahrenheit/
So wie granaten-frucht die nahrung ihrer kronen;
Denn grob und edel seyn/ wird endlich mit der zeit
Ein haus/ in welchem nichts als leere titel wohnen.
Er hörte bald/ als kind/ der alten lehren an/
Und zeigte/ daß auch schon die balsam-blüte leben/
Ein junger zimmet-baum die beste blüte geben/
Und fleiß und jugend offt am höchsten steigen kan.
So spielet die natur/ daß auch gelehrte müssen/
Wie guter myrrhen-safft/ nur von sich selber fliessen.

Doch diß war nur der wind/ der seine funcken bließ/
Und schien/ daß ihn der trieb Epaminondens rührte/
Der seinen Lysis eh nicht wieder von sich ließ/
Als biß er gleiche krafft an dem verstande spürte.
Drum hat er nur drey jahr mit hören zugebracht/
Was Conrings grosser witz vor lehren abgewogen;
Biß Böcklers hoher ruhm ihn weiter fortgezogen/
Und endlich auch in ihm die regel wahr gemacht:
Daß wer im labyrinth der bücher nicht will fehlen/
Ihm kluge leute muß zur Ariadne wählen.

Von büchern wandte sich sein auge zu der welt;
Denn witz und klugheit sind wie zweige von corallen/
Die eher die natur in steine nicht verstellt/
Biß daß sie nach der see hat fremde lufft befallen.
Was Franckreich in sich hält/ was Niederland verbirgt/
Diß alles waren ihm wohlriechende jesminen/
Aus denen sein verstand nicht anders als die bienen/
Der weißheit honigseim ihm selber ausgewürckt.
So müssen spielende die würffel im verkehren/
Wer reiset/ ieden blick mit vortheil angewehren.

Die meisten scheinen nur von weitem groß zu seyn/
Nach art der von der erd` entfernten monden-flammen;
Wenn aber ihre treu die bürger soll erfreun/
Fährt sie wie schwefel-werck in dicker lufft vonsammen.
Sein nutz war anderwärts mit schalen stets verdeckt/
Und fing sich allererst in Breßlau an zu zeigen/
Zur lehre/ daß auch krafft in ungeblühten feigen/
Wie gold und feuer-glantz in Chrysolithen steckt/
Und diese ruhm verdient/ die auff der mutter erden/
Wie dattel-bäume nur bey datteln fruchtbar werden.

Was aber hat sein geist nach diesem nicht gethan?
Als er den bürgern halff vor ihre wohlfahrt sorgen/
Und offt den besten rath im nebel schwartzer morgen/
Wie spinnen ihren zeug bey trübem wetter spann.
Der schlaue Hannibal hat alles vor gesehn/
Was erst Carthago sich am ende ließ erschrecken/
Er aber prüfte stets die wege/ wie die schnecken;
Ließ bald vom anfang nicht/ was schädlich war/ geschehn/
Und glaubte/ daß ein rath der klugheit gröste gaben/
Wie leuen ihre krafft/ muß in den augen haben.

Der weißheit winckel-maaß war seine redligkeit/
Denn ob sich gleich die welt mit liljen-blättern zieret/
Im hertzen/ wie ihr stiel/ hingegen galle führet/
Und als ein tannen-baum vergifften schatten streut;
So blieb der selige doch marmel-kugeln gleich/
Und ohne schmincke so/ wie diese sonder ecken/
Hielt witz bey falschheit nur vor sonnen voller flecken/
Und machte niemahls sich durch fremde seuffzer reich/
Wohl aber/ daß auch noch kein fehl an seinem leben/
So wie kein wasser bleibt an reinen schwanen kleben.

Aus dieser mutter nun floß die gerechtigkeit/
Ein kind/ das ihrer viel wie Galba niederdrücken/
Wenn sie der purpur-rock auff ihrem alten rücken/
Mehr als ein panterthier der jäger wein/ erfreut.
Hier war ein Phocion/ den dieses nur betrübt:
Wie er vor iedermann/ was recht ist/ möge fällen:
Ein seltner Atticus/ der wie ein fisch die wellen/
Die menschen auff der welt hat alle gleich geliebt;
Und wenn sein urtheil ja die bürger straffen müssen/
Nur böse/ wie ein storch die schlangen/ hat zerrissen.

Was aber säum ich noch der seelen angelstern/
Das feur der gottesfurcht an seiner brust zu preisen?
Das wie castaneen nur ihren reiffen kern/
So lauter volles licht der erden konte weisen.
Ein stein steigt unterwärts/ die flammen himmel an;
Er warff den schweren stein der sünden zu der erden/
Bemühte sich durch glut des himmels freund zu werden/
Und hat wie Daniel offt betend dargethan:
Daß rechte gottesfurcht/ die allen fall soll meiden/
So wenig kälte muß als grüne schoten leiden.

Was wunder ist es denn/ daß er die krancke welt/
Auch nun dem leibe nach auff ewig hat vergessen?
Die nur mit nattern sich so lange freundlich stellt/
Biß die die nachtigall/ sie aber uns gefressen.
Der mensch wird nur allhier durch falsche lust und pracht/
Gleich wie ein tieger-thier durch spiegel auffgehalten;
Doch wenn wir endlich nun bey geld und gut veralten/
Und wie Severus uns durch thaten groß gemacht/
Last uns der tod wie ihn nur diese grabschrifft lesen:
Was hilfft es/ daß ich vor bin alles hier gewesen?

Doch denckt nicht/ sterbliche/ daß er gestorben sey!
Denn seine seele trägt des glaubens ehren-kronen/
Und scheidet ihre lust nur von der erden spreu/
Wie pomerantzen-frucht von schlechten wasser-bohnen.
Die tugend wird sein lob auch in des grabes nacht/
Wie sonnen ihren glantz beym untergange mehren/
Zu zeigen: daß der tod zum tempel unsrer ehren/
Wie regen zu der frucht/ den ersten anfang macht.
Budorgis aber hat mit diesem nichts verlohren/
Weil ihr der himmel schon ein gleiches haupt erkohren.

Ihr seyd nur noch allein/ betrübte/ voller schmertz/
Wo seine liebe kan in euren augen sterben.
Wie aber kan sie wohl/ da sein getreues hertz
Will einen marmel-sitz in eurer brust erwerben?
Drum denckt: der himmel kan betrüben und erfreun/
Und seuffzer/ wie den blitz der regen-bogen/ trennen;
Denn weil der selige nun will in freuden brennen/
Wird ihm eur wasser auch vielleicht zuwider seyn;
Nicht aber/ wenn die welt auff seinen leichstein schriebe:
Der grund der seligkeit ist glaube/ tugend/ liebe.

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