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Das Frankfurter Wunder

- Gedicht von Friedrich Stoltze

Das Frankfurter Wunder

(Nach bekannter Melodie)

Es steht ein Zollhaus an dem Main,
Da kehren alle Kisten ein,
Und dicke Ballen Wollen,
Und Fässer Oel und Fässer Wein,
Die lassen sich verzollen.

Kam einst ein Fäßchen aus Burgund,
Gypsweiß die Stirn und roth der Spund.
Monsieur sind ein Franzose,
Sind nicht im deutschen Zöllnerbund,
Die Zahlung ist drum große.

Da sprach ein Küfermeister klug:
Das Faß ist hier nur auf Besuch!
Logirt in meinem Keller,
Besieht die Stadt sich nur im Flug
Und zahlt drum keinen Heller.

Auch andern Tags, bei früher Stund`,
Reis`t ab das Fäßlein von Burgund,
Und grüßt das Zollgebäude:
„Ade, du Narr!` mit deutschem Mund,
Das wunderte die Leute.

Es flüstern sich die Revisor`n
Einander leise in die Ohr`n:
Der Fall ist doch ein grasser.
Der Wein ist in Burgund gebor`n
Und redet deutsch wie Wasser.

Der Herr Inspector aber sprach:
Setzt mir sogleich dem Fasse nach!
Die Assistenten sprangen,
Und wie das Fäßlein eilen mag,
Sie nahmen es gefangen.

Das Fäßlein wurde auf der Stell`
Nun vorgeführt vom Zollpedell;
Man schlug ihm aus die Spunden,
Da sprang ein Strahl so silberhell
Aus allen seinen Wunden.

Der Herr Inspector mit Bedacht
Nahm einen Schluck davon und lacht:
O Wunder über Wunder!
Verwandelt hat sich über Nacht
In Wasser der Burgunder.

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