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Das verkaufte Kind

- Gedicht von Karl Stelter

Das verkaufte Kind

Der Gräuel hab` ich viele schon gelesen,
Und bin bei manchen theilnahmlos geblieben,
Noch nimmer ist mir`s so zu Muth gewesen
Als wie bei dem, was jüngst ich fand geschrieben.
Als neu, ward aus Amerika berichtet,
Wie arg`s ein Vater mit dem Kind getrieben,
Den freilich kein Gesetz zur Lieb` verpflichtet,
Wenn nicht das eigne Blut vermag zu rühren,
Und das Gefühl, daß uns ein Höh`rer richtet. —
Doch freilich, wer die Sklavin kann verführen,
Dem mag Gefühl nicht allzuviel mehr gelten,
Der mag Gewissensbisse nicht verspüren. —
Ein Frevel, selbst in jenem Lande selten,
Wo Willkür für die Freiheit wird gehalten,
Wo nur die Stärkern sich das Recht gesellten
Als sie des schwachen Gegners Haupt gespalten.
Im Süden dieses Landes ist`s geschehen,
Daß durch des eignen Rabenvaters kalten
Verechnungsgeist, könnt` ein Gebot ergehen:
Das eigne Kind als Waare auszustellen,
Nicht achtend seiner Thränen stummes Flehen! —
O, wer kann solche Seelennacht erhellen,
Wer sich erklären solchen Geistes Trieb?! —
Die schwarze That, durch die der Zeiten Wellen
Nur wie das Wasser gleiten durch ein Sieb! —
Es bleibt nicht aus, die Strafe kann nicht fehlen,
Und wenn nur der Erinnrung Qual ihm blieb —
Sie wird ihn stündlich, wird ihn ewig quälen! —
Sie wird ihm Nachts die süße Ruhe rauben,
Und in dem Glanz von allen seinen Sälen
Wird ihn die Folter des Gewissens schrauben. —
Ein Pflanzer, reich, Besitzer vieler Sklaven,
Ein Menschenhändler, — o wer sollt` es glauben
Daß solch` Ersinnen konnt` im Busen schlafen! —
Daß nicht die Schaam, die Furcht vor dem Gerede
Abschreckend schon genug den Harten trafen! —
Doch er bestand sie kalt, der Meinung Fehde,
Er weiß der Waare Taxe wol zu geben,
Hat er doch oft geübt sie auf der Rhede! —
Der Preis ist hoch für solch ein Menschenleben,
Doch hält er sicher ihn für angemessen,
Ist doch das Mädchen schön, und jung auch eben. —
Er denkt vielleicht.` ist sie verkauft, vergessen
Ist dann, was an der Mutter er gefehlt,
Und freut sich noch des Preises unterdessen. —
Du armes Kind, hast du dein Herz gestählt? —
Wirst du des Unglücks wucht`gen Schlag ertragen,
Wo noch der Zukunft Loos dir ist verhehlt? —
O sei getrost, dir wird es besser tagen! —
Und das, um was Natur dich hat betrogen,
Das wird das Mitleid nimmer dir versagen.
Nicht alle Herzen sind mit Eis umzogen,
Es wohnt die Liebe noch in mancher Brust,
Ob die des Vaters dir auch hat gelogen. —
Auch die des Verkaufs Recht sich wol`bewußt,
Sie steuern willig bei zu der Befreiung,
Denn solcher That entsprießt des Wohlthuns Lust.
Selbst Sklavenhalter, die der That Verzeihung,
Der eignen Stellung wegen, müssen gönnen,
Sie sichern deiner Freiheit die Verleihung.
Sie haben schnell das Meiste geben können,
Was fehlt, das werden Fremde willig bringen —
Und so wird bald die Freie man dich nennen.
Die Bosheit wird das Schlimmste nicht erzwingen,
Was für dein größtes Unglück ward ersehen,
Das bringt die Rettung auf der Liebe Schwingen.
Für dich erging ein allgewaltig Flehen,
Ein Bitten, das die Herzen mächtig rühret,
Und Segen brachte dir des Geistes Wehen.
Sie haben dich in`s Gotteshaus geführet —
Ein frommer Mann hat hier für dich gesprochen;
Er that mit Feuer dar, was sich gebühret,
Und was an dir der Uebermuth verbrochen.
Da sah man heiße Mitleidsthränen rinnen,
In mancher Brust begann es laut zu pochen,
Und Aller Herzen mußtest du gewinnen.
Man hat dich im Triumph davon getragen,
Man that für dich, was Liebe kann ersinnen
In Freude umzuwandeln deine Klagen. —
Und der dein Vater — hat er doch genommen
Das Geld, als ob verkauft` er Pferd und Wagen! —
Ob eine Mahnung nicht ihn überkommen —
Ob keine leise Regung er gefühlt? —
Gedud! — auch ihm wird einst die Stunde kommen,
Die ke`ne Woge aus der Seele spült,
Ihn wird die Strafe jählings einst ereilen.
Und wem die Reu` ihm dann die Brust zerwühlt —
Dann könnt` der Wahnsinn wol sein Lager theilen!

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