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Vom hohen Rabbi Löw

- Gedicht von Hugo Salus

Vom hohen Rabbi Löw

Der hohe Rabbi Löw in Prag kann mehr als beten,
Kann Geister beschwören und aus Lehm feste Burschen kneten,
Und legt er der Puppe das Pergament auf die Zunge
Mit dem Zauberspruch drauf und: `Lauf, lauf, mein Junge!`
So läuft er und tut, was der Meister ihn heißt,
Und fegt ihm das Haus und rückt ihm die Kasten,
Geht ein und aus und schleppt ihm die Lasten
Und wacht vor der Tür und rennt in die Stadt,
Weil er den `Schem` auf der Zunge hat.

Aber Löbls Rifke, die dumme Gans,
Ist einfach vernarrt in den lehmigen Hans,
Weil seine Wangen so rosig schimmern,
Weil seine Augen so treuherzig flimmern;
Sie träumt von ihm so Tag wie Nacht,
Wenn er sie anglotzt, glaubt sie, er lacht,
Ruft ihn und lockt ihn mit Worten und Blicken,
Möcht` ihn so gern an das Mieder drücken;
Bis Mutter Löbl dahinter gekommen
Und die blöde Rifke zum Rabbi genommen.

Der hohe Rabbi Löw hört zu; ihm ist,
Daß er, statt zu raten, laut auflachen müßt`.
Er ruft seinen Knecht, hat mit ihm gesprochen;
Der nimmt das Mädel, ihr krachen die Knochen;
Sie schreit, sie weint. Der Bursche drückt,
Er preßt die Rifke, fast wär` sie erstickt.
`Lauf, lauf, mein Junge!` Da läßt er sie aus;
Schleppt Rifke beschämt ihre Knochen nach Haus...

Und wie nun die Mutter ihm danken will,
Sagt der hohe Rabbi Löw: `Du, Esther, sei still!
Hast du dich als Junge nicht auch in die Kraft
Und die glänzenden Glasaugen immer vergafft?
Und daß er aus Lehm ist? Ist Löbl aus Gold?
Was hast denn du von dem Liebsten gewollt?
Die Tugend? Oder Jugend und glatte Haut?
Hast du deinem Schatz auf den Schem geschaut?
Und lebt dein Löbl sein eigenes Leben?
Wer hat ihm den Schem in den Mund gegeben?`

Er schweigt. Rifkes Mutter schaut sich um,
Als stünden tausend Frauen um sie herum;
Sie nicht vor sich hin, wie für tausend, tausend Frauen,
Wagt nicht, dem Rabbi ins Auge zu schauen.

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