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Die Griechin

- Gedicht von Ferdinand Freiligrath

Die Griechin

Der König steigt von dem Gebirge nieder,
    Von Pallikaren kriegerisch umgeben.
    Im Thal liegt Delphi. Schwärzlich von Gefieder
Sieht einen Adler er voran sich schweben.
    O du, von Dem am Thron des Donn`rers stammend,
    Sei ihm ein Zeichen! - Mehr und mehr erheben
Die Schatten sich; im Abendrothe flammend
    Die höchsten Zinken nur auf dem Parnasse;
    Sonst Nebelschichten rings schon ihn umdammend!
Sie sind in Delphi; da, vorn in der Gasse,
    Stellt eine Greisin sich dem Fürsten dar.
    Lang auf ihm ruhn läßt sie das thränennnasse,
Verklärte Aug`; schneeweiß wallt ihr das Haar!
    Ein Achtzigjähr`ger muß die Mutter stützen,
    Denn dieses ist ihr hundertzehntes Jahr.
Und also spricht sie: `Magst du lange sitzen,
    O König, auf dem neugebauten Throne!
    Mag lange Zeit auf deinen Locken blitzen
Des auferstandnen Griechenlandes Krone!
    Von dir, wie würdig sie ein Fürst trägt, lerne
    Der Enkel noch von meines Enkels Sohne!
Dein Volk vermehre sich, gleichwie die Kerne
    Der Aepfel des Granatbaums, meiner Spende!
    Von deinem Ruhm erschalle weit die Ferne!` -
Und Otto nimmt, was zitternd ihm die Hände
    Der Greisin reichen: da bricht los der Schwarm;
    Die Fackelträger schwingen ihre Brände;
Mit Zweigen winkend, hebt sich mancher Arm;
    Die Mädchen bringen frische Blumenkronen,
    Der Aermste spendet - heut` ist Keiner arm.
Die am Parnaß und am Kithäron wohnen,
    Mit ihren Schwertern rasselnd stehn sie da:
    `Dem Ersten Heil von Griechenlands Ottonen!` -
Ich hab` es euch erzählt, wie es geschah;
    vIhr habt es in den Blättern selbst gelesen,
    Ihr kennt sie längst, die neue Pythia!
Doch mich hat dieser Frau prophetisch Wesen,
    Mich dieser Zug des Herrschers tief bewegt.
    Erwacht ist Hellas! Hellas ist genesen!
Der lange blut`ge Traum ist aus - es schlägt
    Die Augen auf, und vor ihm steht ein Retter,
    Der auf die Kettenmale Balsam legt.
Da regt Dodona`s Baum die heil`gen Blätter,
    Durch Tempe ziehn der Opfer Wohlgerüche,
    Vom Isthmos dröhnt`s, wie Kampf und Horngeschmetter,
Und wieder tönen der Orakel Sprüche -
    Hat nicht der Mund der Pythia geredet?
    Und Er, der sie vernahm, der Jugendliche,
Durchzieht sein Land, vor Kurzem noch verödet,
    Heroen gleich. Wie, mit dem Nestoriden,
    Des Ithakers, der Troja mit befehdet,
Behelmter Sohn, als sie von Pylos schieden,
    Erscheint er mir. Er ruht auf Schlachtgefilden,
    Und Heldenschatten wachen bei dem Müden.
Er hört das Klirren von Spartanerschilden;
    Athen sein Haus! nach der Akropolis
    Tönt aus der Ferne Ludwig`s Lyra! - - Gülden
Erhebt die Sonne sich; an dem Gebiß
    Sieht ungeduldig man die Renner nagen;
    Sie wiehern freudig, daß die Finsterniß
Dem Morgen weicht; sie stampfen und sie schlagen -
    Doch sieh`, die Geißel nimmt Peisistratos.
    Delphi erwacht; der Fürst besteigt den Wagen,
Staub wirbelt auf - Chaire, Telemachos!

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