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Der geschickte Guyon - Märchen von Emil Karl Blümml: Schwänke und Schnurren des französischen Bauernvolkes


Der geschickte Guyon

Einst lebten zwei Brüder, von denen der Ältere beschränkt und dumm, der Jüngere aber gescheit und vernünftig war. Der Ältere hiess Job, der andere Guyon. Job wollte in die Welt ziehen, das Glück zu suchen. Er zog fort und diente einige Zeit in einem Schloss, kehrte aber dann krank und verdrossen zurück, fehlte ihm doch ein Hautstreifen auf der Ferse.

Guyon zog ebenfalls fort, in der Absicht, den Bruder zu rächen. Er bot dem selben Schlossherrn seine Dienste an. Man frug ihn um seinen Namen und er nannte sich dem Schlossherrn gegenüber Ma Reor (mein Hinterer), der Köchin gegenüber Katze, der Frau gegenüber Teppich, der Tochter gegenüber Fettsuppe und dem Kastellan gegenüber »Ich selbst«.

Man schickte ihn zunächst aus, die Schweine im Wald, der das Schloss umgab, zu hüten. Aber bald, da er gescheit, geschickt und schön war, wurde er der Kammerdiener des Herrn. Er machte der Haustochter den Hof, doch sie wies ihn ab. Eines Abends versteckte er sich unter ihrem Bett. Die Köchin bemerkte ihn und sagte heimlich zum Herrn: »Die Katze ist unter dem Bett eurer Tochter.« – »Was geht das mich an?« erwiderte er. – »Ich sage euch nochmals, dass die Katze unter dem Bett eurer Tochter ist.« – »Ich habe es schon gehört. Was ist da schlechtes daran? Lasse sie dort.« – Sie schien sehr erstaunt und ging brummend weg.

Abends ass man eine fette Suppe, in der sich gekochter Speck befand und die Mutter sprach zur Tochter: »Ich fürchte, dass du heute Nacht Bauchweh bekommst.« – Das Mädchen legte sich zu ihrer gewohnten Stunde nieder, ohne etwas zu ahnen. Guyon sprang aus seinem Verstecke hervor und legte sich an ihre Seite. Sie schrie: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« – »Warum schreist du denn so, liebe Tochter?« frug die Mutter, die im benachbarten Zimmer schlief. – »Das macht die Fettsuppe! Das macht die Fettsuppe!« -»Ich habe dir gesagt, dass du heute Nacht etwas erleben wirst, denn du hast zuviel Speck und fette Suppe gegessen.« – »Komm doch, komm' schnell!« schrie sie weiter. – »Steh auf und sieh, was sie hat«, rief die Frau ihrem Mann zu. – »Ach? ihr ist etwas schlecht, es wird schon besser.«

Aber da das Mädchen nicht aufhörte zu schreien, so stand die Mutter auf, zündete eine Kerze an und ging ins Nebenzimmer. Nun begann sie zu schreien: »Der Teppich! Der Teppich ist auf meiner Tochter, in ihrem Bett! Komme rasch!« – »Wenn sie der Teppich geniert, so gib ihn weg. Lasst mich doch schlafen!« schrie der Herr ungeduldig.

Da aber Mutter und Tochter noch immer schrien, so erhob er sich auch und als er sah, was vorging, öffnete er das Fenster und rief hinaus: »Hollah! Hollah! Eilt herbei ihr Diener und Dienerinnen, nehmt Stöcke mit. Rasch! Rasch!« Diener und Dienerinnen stürzten mit Stöcken und Besen ausgerüstet ins Zimmer. – »Schlagt auf meinen Hintern!« schrie ihnen der Herr zu. Sie schlugen auf den bezeichneten Körperteil los. – »Was treibt ihr denn, ihr Dummköpfe,« heulte er, »ich habe euch doch befohlen, auf ›meinen Hintern‹ zu schlagen und zwar so fest als ihr könnt.« – Sie schlugen wieder auf den gewissen Ort hin. Guyon benützte diesen Lärm und diese Unordnung, um sich zu flüchten. Der Kastellan wollte ihn aufhalten, doch er warf ihn in die Schlossgrube, aus deren Schlamm er sich nicht befreien konnte. Auf seine Angstschreie eilten die Knechte herbei. – »Wer warf dich da hinab?« frugen sie ihn. – »Ich selbst,« erwiderte er. – »Du selbst? Du alter Dummkopf, trachte nun auch, dich selbst herauszuziehen!« – Sie liessen ihn im Schlamme stecken und machten sich an die Verfolgung Guyons. Aber dieser war schon weit weg und kam ungehindert nach Hause, wo er seinem Bruder berichtete, wie er sich rächte.



(Basse-Bretagne.)


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