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Niccolino und die Froschbraut - Märchen von Heinrich Zschalig: Die Märcheninsel. Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen von Capri


Niccolino und die Froschbraut

Ein Vater hatte drei Söhne.

Eines Tages, als sie schon erwachsen waren, sagte der Vater zu ihnen: »Meine Lieben, ihr seid nunmehro erwachsen. Es wird Zeit, daß ihr heiratet. Hier sind drei Kugeln, eine für jeden. Werft sie auf die Straße, und wohin sie laufen, dort werdet ihr eure Zukünftige finden.« – Und die drei Brüder taten, wie ihnen der Vater geboten.

Die Kugel des Ältesten rollte in einen Fleischerladen, die des Nächsten in ein Eßwarengeschäft und die des Dritten in einen Froschteich.

Die älteren Brüder waren sehr zufrieden mit ihren stattlichen Bräuten. Niccolino aber, der jüngste, stand traurig vor dem Teiche und rief:



»Rana, wo bist du?«



Da quakte Rana:



»Wer ruft hernieder?«



Sprach Niccolino:



»Du bist mir zuwider.«



Und Rana hierauf:



»Schautest mich in der Flut,

wärest mir wohl gut,

würdest frohgemut.«



Nach einigen Tagen schenkte der Vater seinen Söhnen drei kleine Hunde, indem er sagte: »Tragt sie, damit sie gute Pflege genießen, zu euren Verlobten!«

Auch dieser Auftrag wurde von den beiden älteren gern übernommen und ausgeführt, während der jüngste ganz niedergeschlagen zum Weiher trat und rief:



»Rana, wo bist du?«



Da quakte Rana:



»Wer ruft hernieder?«



Sprach Niccolino:



»Du bist mir zuwider.«



Und Rana hierauf:



»Schautest mich in der Flut,

wärest mir wohl gut,

würdest frohgemut.«



Versetzte Niccolino: »Mein Vater schickt dir ein Hündchen zur Pflege.« – »Wirf's nur herunter! Ich will es schon pflegen!« – Und das Hündlein verschwand im Wasser.

Nach einem halben Jahre sagte der Vater: »Geht jetzt und holt eure Hunde wieder!« Gesagt, getan. Wie alsdann die älteren Söhne eilfertig mit ihren Kötern ankamen, war der aus der Fleischerei groß und fett wie ein Mastschwein, und der zweite fast ebenso. – Niccolino schlich langsam zum Teiche und fragte zaghaft: »Rana, Rana, was ist aus dem Hündchen geworden?« – »Du wirst es gleich sehen.« Und im selben Augenblick stieg ein Kästchen aus dem Wasser empor. Darin lag ein allerliebstes, reizendes Hündchen mit einem goldenen, von Edelsteinen funkelnden Halsband und mit zierlichen seidenen Schleifchen in den seidenweichen Haarlöckchen, so daß die Brüder ganz eifersüchtig wurden. –

Nun sagte der Vater zu den Söhnen: »Ich habe euch die Bettstellen besorgt. Laßt euch die Decken dazu geben!«

Die beiden älteren erhielten sofort von ihren Bräuten sehr teure, trotzdem aber gewöhnliche Decken. Und der jüngste rief abermals in das Wasser hinab:



»Rana, wo bist du?«



Da quakte Rana:



»Wer ruft hernieder?«



Sprach Niccolino:



»Du bist mir zuwider.«



Und Rana hierauf:



»Schautest mich in der Flut,

wärest mir wohl gut,

würdest frohgemut.«



Entgegnete Niccolino: »Mein Vater hat gesagt: ›Ich habe euch die Bettstellen besorgt. Laßt euch die Decken dazu geben!‹«

Kaum waren die Worte gesprochen, so erschien eine Kiste auf der Oberfläche des Wassers. Darin lag eine wundervolle weißseidene Steppdecke, die höchst kunstvoll gearbeitet und mit kostbaren Stickereien und Spitzen besetzt war. Der Neid der Brüder überstieg alle Grenzen.

Zuletzt sagte der Vater zu den Söhnen: »Geht jetzt und holt eure Bräute, um Hochzeit zu feiern!« – Da stolzierten die zwei älteren mit üppigen Bürgertöchtern, die reich, aber geschmacklos aufgeputzt waren, zur Trauung. Niccolino trat ängstlich zum Weiher:



»Rana, wo bist du?«

»Wer ruft hernieder?«

»Du bist mir zuwider.« –

»Schautest mich in der Flut,

wärest mir wohl gut,

würdest frohgemut.«



»Ich bin gekommen, dich zur Hochzeitsfeier zu bitten.« – »Steige hernieder! Ich bin bereit.« – »Unmöglich! Ich habe ganz neue Kleider. Die würden ja ganz naß und schmutzig.« – »Spring nur herein!« beschwor ihn die Stimme. Endlich faßte er Mut und nahm Anlauf zum Sprunge. Da, o Wunder, war plötzlich der Froschteich verschwunden, ein herrlicher Palast erhob sich, und die schönste aller Jungfrauen in unvergleichlichem Prachtgewande hieß ihren Befreier willkommen und folgte ihm zum Altar. – Die beiden anderen Paare fanden vor Eifersucht kaum Worte und zogen in eine andere Gegend. Niccolino aber war überglücklich und sagte nie mehr zu seiner wunderschönen Gemahlin: »Du bist mir zuwider!«


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