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Jean-Jacques Rousseau: Königin Fantasque - Märchen von Klaus Hammer: Französische Feenmärchen des 18. Jahrhunderts


Jean-Jacques Rousseau: Königin Fantasque

»Es war einmal ein König, der sein Volk liebte. ..« – »Das fängt doch gerade so an wie ein Märchen!« unterbrach ihn der Druide. »Und ist auch eins«, antwortete Jalamir. »Es war also einmal ein König, der sein Volk liebte und folglich auch von seinem Volke angebetet wurde. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, um Minister zu finden, die ebenso dachten als er selbst: Aber er hatte endlich eingesehen, daß es Torheit war, dergleichen Männer zu suchen, und sich vorgenommen, alles, was er ihrer bösartigen Geschäftigkeit entziehen konnte, selbst zu tun. Da er nun einmal auf den seltsamen Einfall versessen war, seine Untertanen glücklich machen zu wollen, handelte er auch nach diesem Einfall. Eine so sonderbare Haltung gab ihm bei den Großen einen unverlöschlichen Anstrich von Lächerlichkeit. Das Volk segnete ihn dafür, und am Hofe galt er für einen Narren. Übrigens fehlte es ihm nicht an Verdiensten, daher hieß er König Phönix.

War König Phönix in seiner Art außerordentlich, so war es seine Gemahlin nicht minder: lebhaft, unbedachtsam, eigensinnig, närrisch im Kopfe, im Herzen tugendhaft, gut von Natur aus, boshaft aus Laune. So war mit einem Worte die Königin. Fantasque, die Launenhafte, war ihr Name, ein berühmter Name, den sie von ihren Vorfahren in der weiblichen Ahnenreihe geerbt hatte und nach Würden behauptete. Diese so erlauchte, so vernünftige Person war zugleich die Freude und die Plage ihres lieben Gemahls, denn herzlich lieb hatte sie ihn in der Tat, vielleicht weil es ihr so leicht wurde, ihn zu quälen. Ungeachtet ihrer wechselseitigen Zärtlichkeiten verlebten sie doch mehrere Jahre, ohne eine Frucht ihrer Liebe zu sehen. Der König grämte sich darüber, und die Königin hatte deswegen mehrmals Anwandlungen von Ungeduld, die der gute Fürst nicht allein zu spüren bekam, denn die ganze Welt ließ sie's entgelten, daß sie nicht Mutter wurde. Da war kein Höfling, vom alten Obermarschall an bis zum jüngsten Hofjunker, den sie nicht unbesonnen um ein Geheimnis befragte, wie sie's werden könne, und den sie nicht für den schlechten Erfolg verantwortlich machte.

Die Hof- und Leibärzte wurden dabei nicht vergessen, denn diesen bezeigte sie eine ganz ungemeine Folgsamkeit. Nicht eine Arznei wurde verschrieben, die sie nicht äußerst sorgsam in der Hofapotheke hätte zubereiten lassen, nur um den Spaß zu haben, sie ihnen an den Kopf zu werfen, wenn sie selbige einnehmen sollte. Auch an die Derwische kam die Reihe: Da waren Gebete nötig und Gelübde, vorzüglich aber Opfer. Und wehe den Dienern der Tempel, wohin Ihre Majestät Wallfahrten anstellte! Alles brachte sie in Unordnung, und unter dem Vorwande, eine befruchtende Luft atmen zu wollen, kehrte sie in den Zellen der Mönche das Unterste zuoberst. Sie trug auch ihre Reliquien und behängte sich abwechselnd mit allen möglichen Dingen: bald mit einer weißen Schnur, bald einem ledernen Gürtel, bald einer Kapuze, bald einem Skapulier. Es gab keinen klösterlichen Mummenschanz, auf den sie in ihrer Frömmigkeit nicht verfallen wäre. Da auch unter diesen Verkleidungen ihr kleines, munteres Gesichtchen sehr zu seinem Vorteil erschien, legte sie keine von diesen frommen Verkleidungen wieder ab, ohne sich vorher darin malen zu lassen.

Endlich, nach so manchen wohlüberlegten Andachtsübungen, nach so manchen weislich verordneten Kuren, erhörten Himmel und Erde die Wünsche der Königin: Sie wurde schwanger just in dem Augenblick, als man anfing, alle Hoffnung aufzugeben. Man stelle sich die Freude des Königs und des Volkes darüber vor. Was ihre eigene Freude betrifft, so ging sie, wie jede Leidenschaft bei ihr, bis zur Überspanntheit. Im vollen Entzücken zerschlug und zerbrach sie alles, was sie antraf, umarmte sie alles, was ihr vorkam, Männer und Weiber, Höflinge und Lakaien; wer ihr begegnete, lief Gefahr, von ihr erdrückt zu werden. Sie wüßte sich, sagte sie, keine größere Seligkeit als die Wonne, ein Kind zu haben, dem sie in ihren Anfällen von schlechter Laune nach Herzenslust die Rute geben könne.

Man hatte so lange vergebens auf die Schwangerschaft gehofft, und sie galt daher für eine von jenen außerordentlichen Begebenheiten, auf die alle Welt sich einen Anspruch zueignet. Die Ärzte schrieben sie ihren Arzneien zu, die Mönche ihren Reliquien, das Volk seinen Gebeten und der König seiner Liebe. Jedermann interessierte sich für das Kind, das geboren werden sollte, als sei es sein eigenes, und alle taten aufrichtige Wünsche für die glückliche Geburt des Prinzen, denn ein Prinz sollte es sein: In diesem Punkte trafen alle Wünsche des Volkes, der Großen und des Königs zusammen; nur die Königin, die es sehr übelnahm, daß man sich erdreistete, ihr das Geschlecht des Kindes vorschreiben zu wollen, deklarierte geradezu, sie wolle eine Tochter haben. Es komme ihr sonderbar vor, fügte sie hinzu, daß man ihr das Recht bestreite, über ein Gut zu schalten, das ganz unwidersprechlich ihr allein gehörte. Phönix wollte ihr Vorstellungen darüber machen, allein sie sagte ihm geradezu, das gehe ihn nichts an, und schloß sich in ihr Boudoir ein, um zu schmollen: Das war ihr Lieblingszeitvertreib, für den sie gemeiniglich wenigstens sechs Monate des Jahres verwandte. Sechs Monate, sage ich, aber nicht nacheinander, das wäre doch ebensoviel Ruhe für ihren Gemahl gewesen, sondern in geeigneten Abständen, um ihn gehörig zu betrüben.

Der König sah wohl ein, daß die Grillen der Mutter das Geschlecht des Kindes nicht bestimmen könnten, es war ihm nur äußerst ärgerlich, daß sie durch ihre Verkehrtheiten dem ganzen Hof ein Schauspiel gab. Alles auf der Welt hätte er dafür geopfert, daß die allgemeine Achtung seine Liebe zu ihr gerechtfertigt hätte, und der Lärm, den er zu ungelegener Zeit bei dieser Veranlassung schlug, war nicht die einzige Torheit, zu welcher ihn die lächerliche Hoffnung, seine Frau vernünftig zu machen, verleitete.

Phönix wußte nicht mehr, welchen Heiligen er sich empfehlen sollte. Er wendete sich also an die Fee Discrète, seine Freundin und die Beschützerin seines Reiches. Die Fee riet ihm zur Güte, das heißt, sie riet ihm, die Königin um Verzeihung zu bitten. ›Der einzige Zweck aller Weiberlaunen‹, sagte sie, ›geht bloß dahin, den männlichen Dünkel ein wenig irrezuführen und die Männer an schuldigen Gehorsam zu gewöhnen. Das beste Mittel, Eure Gemahlin von ihren Wunderlichkeiten zu heilen, ist, ebenso wunderlich zu sein als sie. Von dem Augenblick, da Ihr aufhört, ihre Kapricen zu durchkreuzen, wird sie, dessen könnt Ihr sicher sein, keine mehr haben. Um völlig klug zu werden, wartet sie nur darauf, daß Ihr völlig närrisch geworden seid. Fangt also die Sache gütlich an und versucht, bei der gegenwärtigen Veranlassung nachzugeben, um bei einer anderen alles zu erreichen, was Ihr wollt.‹

Der König vertraute der Fee, und um sich auch gleich ihrem Rate folgsam zu zeigen, begab er sich zur Assemblee bei der Königin, nahm sie auf die Seite und sagte ganz leise zu ihr, es tue ihm sehr leid, zur Unzeit mit ihr gestritten zu haben, er werde sich bemühen, sie künftig durch doppelte Gefälligkeit zu entschädigen für den Ärger, der in seiner Rede spürbar gewesen sei, als er sie in unhöflicher Weise ausgezankt habe.

Die Königin Fantasque, welche fürchtete, die Sanftmut ihres Gemahls möchte die ganze Lächerlichkeit dieser Affäre auf sie allein zurückfallen lassen, beeilte sich, ihm zu entgegnen, unter seiner ironischen Bitte um Verzeihung verrate sich noch weit mehr Stolz als in seinen vorhergehenden Zänkereien; weil aber das Unrecht des Mannes noch lange nicht das Unrecht der Frau gutheiße, so wolle sie unverzüglich auch bei dieser Gelegenheit nachgeben, wie sie's von jeher getan hätte. ›Mein König und Gemahl‹, setzte sie laut hinzu, ›gebietet mir, mit einem Prinzen niederzukommen, und ich kenne meine Schuldigkeit zu gut, als daß ich nicht gehorchen sollte. Ich weiß sehr wohl, daß, wenn Seine Majestät mich mit den Beweisen seiner Zärtlichkeit beehrt, es weniger aus Liebe zu mir als aus Liebe zu seinem Volke geschieht, dessen Wohl ihn nicht weniger des Nachts als bei Tage beschäftigt. Ich will seine edle Gesinnung nachahmen und vom Diwan ein Verzeichnis der Anzahl und des Geschlechtes der Kinder, welche der königlichen Familie geziemen, erbitten, ein Verzeichnis, das von Wichtigkeit ist für das Wohl des Staates und aus dem jede Königin lernen muß, wie sie sich des Nachts verhalten soll.‹

Diese erbauliche Ansprache wurde vom ganzen Zirkel mit großer Aufmerksamkeit angehört, und ich überlasse es Ihnen, sich vorzustellen, wie viele Lachausbrüche ungeschickt unterdrückt wurden. ›Ach!‹ sagte der König traurig und zuckte die Achseln, ›ich sehe wohl, wer eine närrische Frau hat, wird unvermeidlich auch zum Narren!‹

Die Fee Discrète, deren Geschlecht und Name zuweilen einen drolligen Kontrast zu ihrem Charakter bildeten, fand diese Zänkerei so ergötzlich, daß sie beschloß, den Spaß bis zum Ende auszukosten. Sie sagte also öffentlich zum Könige, sie habe die Kometen, die bei der Geburt der Fürsten am Firmament präsidieren, zu Rate gezogen und könne ihm nun dafür einstehen, daß er einen Prinzen bekommen werde; insgeheim aber versicherte sie der Königin, sie werde eine Tochter bekommen.

Dieser verstohlene Wink machte Fantasque auf einmal so vernünftig, als sie bisher wunderlich gewesen war. Mit unendlicher Sanftmut und Gefälligkeit nahm sie alle möglichen Maßregeln, den König und den ganzen Hof zu ärgern. Sie ließ in aller Geschwindigkeit ein prächtiges Kinderzeug machen, dem Ansehen nach so ganz für einen Knaben, daß es für ein Mädchen lächerlich gewesen wäre. In dieser Absicht mußten verschiedene Moden geändert werden, aber all das kostete sie nichts. Auch ließ sie ein prächtiges Ordenskreuz von Brillanten machen und bestand darauf, der König solle im voraus den Oberhofmeister und den Erzieher des Prinzen ernennen.

Sobald sie sicher war, daß sie eine Tochter bekommen würde, sprach sie von nichts als von ihrem Sohne und ließ keine von den unnützen Vorsichtsmaßnahmen aus, über denen man die wirklich nötigen gewöhnlich vergißt. Sie lachte laut auf, wenn sie sich vorstellte, wie erstaunt und einfältig die vornehmen Herren, welche ihr Wochenbett mit ihrer Anwesenheit zierten, dreinschauen würden. ›Mich dünkt‹, sagte sie zu der Fee, ›ich sehe auf der einen Seite unseren ehrwürdigen Reichskanzler seine große Brille aufsetzen, um das Geschlecht des Kindes mit Gewißheit zu erfahren, auf der anderen aber Seine Majestät den König, wie er die Augen niederschlägt und stottert: Ich glaubte. .. aber die Fee hatte mir doch gesagt. .. Messieurs, es ist nicht meine Schuld, und andere dergleichen sinnreiche Sprüche, die sogleich von den Hofgelehrten aufgefaßt und bis in den äußersten Zipfel Indiens verbreitet werden.‹

Mit hämischer Freude stellte sie sich vor, welche Unordnung, welche Verwirrung diese wunderbare Begebenheit in der ganzen Assemblee verursachen würde. Sie dachte sich im voraus die Streitereien und die Aufregung aller Hofdamen, um bei diesem unvermuteten Ereignis die Rechte ihrer wichtigen Chargen in Anspruch zu nehmen, aufzuteilen, zu vereinigen und den ganzen Hof in Bewegung zu setzen wegen eines Kinderhäubchens.

Bei dieser Gelegenheit ersann sie auch den löblichen und geistreichen Brauch, dem neugeborenen Prinzen durch die Magistratspersonen in vollem Prunke eine Standrede halten zu lassen. Phönix hielt ihr vor, dies sei doch eine tiefe Erniedrigung der Magistratswürde und verleihe dem ganzen Hofzeremoniell ein höchst komisches Ansehen, wenn mit soviel Brimborium vor einem kleinen Bübchen ein solcher Schwulst ausgebreitet werde, ehe es selbst ihn noch verstehen oder nur ein Wort darauf sagen könne. ›Desto besser!‹ erwiderte lebhaft die Königin, ›desto besser für Euren Sohn! Wär er nicht überglücklich, wenn alles dumme Zeug, das sie ihm zu sagen haben, lange schon erschöpft wäre, bevor er es verstünde? Möchtet Ihr denn, daß man ihm für sein Vernunftalter solches Zeug aufsparte, das vermögend wäre, ihn närrisch zu machen? Laßt doch, um Himmels willen, die Leute Reden halten, soviel sie wollen, da er noch nichts davon versteht und folglich keine Langeweile dabei hat; man kommt, wie Ihr wißt, nicht immer so gut davon.‹ Es mußte also dabei bleiben, und auf ausdrücklichen Befehl Ihrer Majestät begannen nun die Präsidenten des Obersten Gerichtshofes und der Akademien Reden auszuarbeiten, zu studieren und aus Leibeskräften aus ihrem Vaumorière und Demosthenes zu kompilieren, und das alles, um einem Embryo das Sprechen beizubringen.

Endlich kam der kritische Augenblick. Die Königin empfand die ersten Kindeswehen mit einem Entzücken, das bei dergleichen Gelegenheiten eben nicht gewöhnlich ist. Sie klagte so artig und weinte mit so lachender Miene, daß man hätte glauben können, ihr größtes Vergnügen sei eine Niederkunft. Im Palaste aber gab's einen fürchterlichen Lärm und Unruhe. Die einen liefen nach dem Könige, die anderen nach den Fürsten, andere wieder nach den Ministern, einige nach dem Senate, die meisten aber liefen, um zu laufen, rollten ihre Tonne wie Diogenes und hatten weiter kein Geschäft, als sich ein sehr geschäftiges Anse hen zu geben. In dem Eifer, so viele notwendige Personen zusammenzubringen, war die letzte Person, an die man dachte, der Geburtshelfer; und der König, der vor Aufregung außer sich war, verlangte aus Versehen eine Hebamme, eine Unachtsamkeit, die unter den Damen ein unmäßiges Gelächter hervorrief. Dieses Gelächter und die gute Laune der Königin machten die Niederkunft zu der lustigsten, von der man jemals gehört haben mag.

Obschon Fantasque das Geheimnis der Fee nach besten Kräften bewahrt hatte, so war doch etwas bei den Damen ihres Hauses durchgesickert, und diese bewahrten es auch wieder so sorgfältig, daß es schon drei Tage vor der Niederkunft der Königin in der ganzen Stadt verbreitet war, wobei denn lange Zeit der König der einzige war, der nichts davon wußte. Jedermann war also begierig auf das Schauspiel, das sich vorbereitete. Unter dem Vorwande des öffentlichen Wohls konnten sich die Neugierigen auf Kosten der königlichen Familie lustig machen, und es war ihnen ein Fest, das Benehmen ihrer Majestät zu belauschen und zu beobachten, wie sich die Fee mit ihren zwei einander widersprechenden Zusagen aus der Affäre ziehen und ihr Ansehen behaupten würde.

Nun, Monseigneur«, sagte Jalamir, indem er sich selbst unterbrach, zum Druiden, »nun müßt Ihr doch einräumen, daß es bloß auf mich ankommt, Euch nach allen Regeln der Kunst ungeduldig zu machen, denn Ihr seht wohl, hier wäre der Ort zu Abweichungen, Schilderungen und allen den anderen Herrlichkeiten, die jeder Autor von Geist an den interessantesten Stellen zur Ergötzlichkeit seiner Leser ohnfehlbar einschiebt.«

»Wie kannst du dir nur einbilden«, versetzte der Druide, »daß es solche Narren gibt, die dergleichen geistreiche Sachen lesen? Laß dir sagen, daß jeder Leser Verstand genug hat, solch Zeug zu überschlagen, und zum Ärger des Herrn Autors hat man seine Zurschaustellung schon bald überblättert. Und du, der du hier den Klugredner machst, denkst du wohl, dein Geschwätz sei mehr wert als der Geist der anderen? Meinst du wohl, um dem Vorwurf einer Albernheit auszuweichen, sei es genug, zu sagen, es hätte bloß von dir abgehangen, sie vorzubringen? Wahrlich, man muß es nur sagen, um es zu beweisen. Ich aber habe leider nicht einmal das Mittel, deine Albernheiten überblättern zu können.«

»Nur ruhig!« sagte Jalamir, »das werden andere für Euch tun, wenn diese Geschichte jemals gedruckt wird. Bedenkt indessen, daß jetzt der ganze Hof im Zimmer der Königin versammelt ist, daß eben jetzt die beste Gelegenheit ist, Euch so viele erlauchte Originale zu malen, die einzige vielleicht für Euch, dieselben kennenzulernen.«

»Mag dich der Kuckuck anhören!« versetzte scherzend der Druide, »ich kenne sie nur zu gut aus ihren Handlungen. Laß sie also nur machen, wenn's für deine Geschichte nötig ist, aber sag mir kein Wort von ihnen, wenn sie unnütz sind. Ich will keine anderen Schilderungen als Tatsachen.«

»Nun«, erwiderte Jalamir, »da es denn nicht nötig ist, meine Erzählung durch ein wenig Metaphysik aufzustutzen, will ich schlechthin den Faden wieder anknüpfen. Aber erzählen bloß um zu erzählen, ist ein langweiliges Ding: Ihr wißt nicht, wieviel Schönes Ihr dabei verlieren werdet. Helft mir nur wieder zurecht, denn das Wesentliche hat mich so weit abgeführt, daß ich nicht weiß, wo ich stehengeblieben bin.«

»Bei dieser Königin«, sagte der Druide ungeduldig, »die du soviel Mühe hast, niederkommen zu lassen, und mit der du mich nun schon eine ganze Stunde hinhältst.«

»Oh«, versetzte Jalamir, »denkt Ihr denn, die Königskinder werden nur so gelegt wie die Drosseleier? Ihr sollt sehen, ob es nicht der Mühe wert war zu perorieren. Nach manchen Leiden und Freuden also zog endlich die Königin die Neugierigen aus der Erwartung und die Fee aus der Verlegenheit, indem sie ein Mädchen und einen Knaben gebar, schöner als die Sonne und der Mond und eines dem anderen so ähnlich, daß man sie kaum unterscheiden konnte, daher sie auch in ihrer Kindheit gleich gekleidet wurden. In dieser so sehnlich gewünschten Stunde legte der König die Majestätswürde ab, überließ sich ganz seiner Natur und vollführte so viel wunderliches Zeug, das er zu einer anderen Zeit selbst der Königin nicht gestattet haben würde. Die Freude, Kinder zu haben, machte ihn selbst so kindisch, daß er auf einen Balkon des Schlosses lief und aus vollem Halse rief: ›Freut euch alle, meine Freunde, mir ist ein Sohn geboren und euch ein Vater und meiner Gemahlin eine Tochter.‹ Die Königin, die sich zum ersten Male in ihrem Leben bei einem solchen Feste befand, wußte noch nicht einmal, was für eine Arbeit sie geliefert hatte. Die Fee, die ihr launisches Wesen kannte, begnügte sich also damit, ihr nach ihrem Wunsche vorerst bloß eine Tochter anzukündigen. Die Königin ließ sich die kleine Tochter bringen und umarmte sie zwar zärtlich, aber, zum Erstaunen der Zuschauer, auch mit Tränen in den Augen und mit einer Wehmut, die mit ihrem bisherigen Benehmen gar nicht zusammenstimmte. Ich habe schon gesagt, daß sie ihren Gemahl aufrichtig liebte; die Unruhe, die zärtliche Besorgnis, die sie während ihrer Leiden in seinen Augen gelesen hatte, hatten sie gerührt. Sie hatte, freilich in einer sonderbar gewählten Stunde, Betrachtungen darüber angestellt, wie grausam es sei, einen so guten Mann zu ärgern. Jetzt, da man ihr die kleine Tochter in die Arme gab, dachte sie bloß daran, wie betrüblich es für den König sein müsse, keinen Sohn bekommen zu haben. Discrète, die vermöge des eigenen Scharfblicks ihres Geschlechtes und ihrer Feenkunst ohne Mühe in den Herzen las, entdeckte in einem Augenblick, was in dem der Königin vorging, und da sie nun keine Ursache mehr hatte, ihr die Wahrheit zu verhehlen, ließ sie den kleinen Prinzen bringen. Nach der ersten Verwunderung fand die Wöchnerin den Ausweg der Fee so lustig, daß sie in ein Gelächter ausbrach, das in ihrem Zustand gefährlich war. Sie wurde ohnmächtig; man hatte viel Mühe, sie wieder zu sich zu bringen, und hätte nicht die Fee für ihr Leben gutgesagt, so wäre die Freude im Herzen des Königs und auf den Gesichtern der Hofleute in tiefen Schmerz verwandelt worden.

Nun zeigte sich erst das eigentlich Sonderbare bei dieser Begebenheit. Durch das aufrichtige Bedauern der Königin, ihren Gemahl so geplagt zu haben, entstand bei ihr eine heftigere Zuneigung zu dem jungen Prinzen als zu seiner Schwester; der König hingegen, der die Königin anbetete, verriet eine ähnliche Vorliebe für die Tochter, die dieselbe gewünscht hatte. Solche indirekten Liebkosungen, die diese beiden einmaligen Gatten einander zukommen ließen, wurden bald zu einer sehr entschiedenen Neigung, und die Königin konnte ebensowenig ohne ihren Sohn als der König ohne seine Tochter sein.

Diese doppelte Begebenheit verursachte große Freude bei dem Volke. Sie benahm ihm wenigstens auf einige Zeit die Besorgnis, ohne Herren zu bleiben. Die Freigeister, die über die Zusagen der Fee gespottet hatten, wurden nun ihrerseits verspottet. Allein sie gaben sich noch nicht geschlagen, indem sie sagten, daß sie nicht einmal der Fee die Unfehlbarkeit bei einer Unwahrheit zugestünden und ihren Weissagungen nicht die Kraft, die Dinge unmöglich zu machen, die sie vorhersagte. Andere, die sich auf jene Vorliebe gründeten, die schon allmählich sichtbar wurde, waren dreist genug zu behaupten, dadurch, daß die Königin einen Sohn, der König aber eine Tochter bekommen habe, wäre die ganze Prophezeiung Lügen gestraft worden.

Während der Anstalten zu den Tauffeierlichkeiten der beiden Neugeborenen, indes der menschliche Stolz sich darauf vorbereitete, an den Altären der Götter in aller Demut zu glänzen. ..« – »Halt, Guter Freund! Einen Augenblick!« unterbrach ihn der Druide, »du bringst mich ganz schrecklich durcheinander. Sag mir, ich bitte dich, an welchem Orte wir uns befinden. Erst, um die Königin schwanger zu machen, führst du sie unter Kapuzen und Reliquien umher, danach versetzest du uns auf einmal nach Indien, jetzt sprichst du mir von der Taufe und dann von den Altären der Götter. Beim großen Thamyris! ich weiß nicht mehr, ob wir bei der Zeremonie, zu der du Anstalten machst, Jupiter, die heilige Jungfrau oder Mohammed verehren werden. Mir als einem Druiden liegt freilich wenig daran, ob deine beiden Kinder getauft oder beschnitten werden, aber die Sitten müssen doch beobachtet werden, und du darfst mich doch nicht dem Irrtum aussetzen, einen Bischof für den Mufti und das Missale für den Koran zu halten.«

»Das wäre wohl ein großes Unglück!« versetzte Jalamir, »ebenso feine Köpfe wie Ihr könnten sich gut darin irren. Behüte der Himmel alle Prälaten, die Serails haben und das Latein im Brevier für Arabisch halten! Behüte der Himmel all die ehrenhaften Scheinheiligen, die so unduldsam sind wie der Prophet von Mekka und immer bereit, zur höchsten Ehre des Schöpfers das Menschengeschlecht andächtiglich dahinzumorden! Aber besinnt Euch nur, daß wir in einem Feenlande sind, wo man keinen Menschen zum Wohle seiner Seele in die Hölle schickt, wo man nicht auf den Gedanken kommt, die Vorhaut der Leute zu besichtigen, um sie zu verdammen oder seligzusprechen, wo die Mitra und der grüne Turban, eines wie das andere, die geweihten Köpfe bedecken, damit sie den Augen der Weisen zum Kennzeichen und den Augen der Toren zum Schmucke dienen mögen.

Ich weiß wohl, nach den Gesetzen der Geographie, die alle Religionen in der Welt ganz genau festsetzen, sollten die beiden Neugeborenen Muselmänner sein. Allein da nur die Knaben beschnitten werden und doch meinen Zwillingen zusammen das Sakrament erteilt werden soll, so müßt Ihr erlauben, daß ich sie taufe.« – »Tu das! tu das!« rief der Druide, »auf Priesterwort! ich habe nie gehört, daß eine Wahl durch ein besseres Motiv bestimmt worden wäre.«

»Die Königin«, fuhr Jalamir fort, »die sich eine Freude daraus machte, alle Etikette über den Haufen zu werfen, geruhte, schon am sechsten Tage das Wochenbett zu verlassen und am siebenten auszugehen, weil sie, wie sie vorgab, sich wohl befände; auch nährte sie ihre Kinder selbst. Alle Damen stellten ihr die Folgen eines so widerwärtigen Beispiels recht nachdrücklich vor. Fantasque aber, die die vergeudete Milch fürchtete, behauptete dagegen, für die Freuden des Lebens sei keine Zeit mehr verloren als die Zeit, die nach dem Tode kommt: Der Busen einer toten Frau müsse nicht weniger verwelken, als der Busen einer Amme; und dann, setzte sie im Tone einer Anstandsdame hinzu, könne in den Augen eines Ehemannes keine Brust schöner sein als die einer Mutter, die ihre Kinder selbst nähre. Diese Einmischung der Männer in ein Geschäft, das sie so wenig anging, entlockte den Damen nicht wenig Gelächter. Die Königin, die überdies zu reizend war, als daß sie's ungestraft hätte sein dürfen, kam ihnen nunmehr, ihrer Launen ungeachtet, fast ebenso lächerlich vor als ihr Gemahl, den sie zum Spotte den Bürger von Vaugirard nannten.«

»Ich seh es noch kommen«, fiel der Druide sogleich ein, »du möchtest mir unmerklich die Rolle eines Schahbahan zuschieben und mir die Frage entlocken, ob es denn auch ein Vaugirard in Indien gäbe so wie ein Madrid im Bois de Boulogne, eine Oper in Paris und einen Philosophen am Hofe? Doch fahre nur fort mit deinem Vortrag und lege mir keine solche Schlingen mehr, denn da ich weder vermählt noch Sultan bin, so verlohnt es sich nicht, ein Tor zu sein.«

»Endlich«, fuhr Jalamir fort, ohne dem Druiden zu antworten, »als alles bereit war, wurde der Tag festgesetzt, an dem den Neugeborenen die Himmelspforte aufgeschlossen werden sollte. An diesem Tage begab sich die Fee ganz früh in den Palast und eröffnete dem königlichen Paare, sie wolle jedem der beiden Kinder ein Geschenk machen, das ihrer Geburt und ihrer Feenkunst würdig sei. ›Ehe das Zauberwasser sie meinem Schutze entzieht‹, sagte sie, ›will ich sie mit meinen Gaben bereichern und ihnen Namen geben, die wirksamer sein sollen als alle jene der plattfüßigen Kalenderheiligen, denn sie sollen die Eigenschaften ausdrücken, womit ich sie zu gleicher Zeit aussteuern will. Da Ihr aber besser als ich wissen müßt, welche Eigenschaften dem Glücke Eurer Familie und dem Wohle Eures Volkes die zuträglichsten sein mögen, so wählet selbst. Ihr tut dadurch vermöge eines einzigen Ausspruchs Eures Willens an jedem Eurer beiden Kinder so viel, als zwanzig Jahre Erziehung nur selten an der Jugend vermögen oder die Vernunft im reiferen Alter nicht mehr schafft.‹

Darüber entstand augenblicks großer Streit zwischen den beiden Ehegatten. Die Königin verlangte, den Charakter ihrer Kinder allein nach ihrer Laune zu bestimmen; der gute Fürst hingegen, der die Wichtigkeit einer solchen Wahl fühlte, mochte sie nicht gern dem Eigensinn einer Frau überlassen, deren Torheiten er anbetete, ohne sie jedoch zu teilen. Phönix wünschte sich Kinder, die einmal vernünftige Menschen werden würden, Fantasque wollte lieber hübsche Kinder haben: Glänzten sie nur schon in ihrem sechsten Jahre, so lag ihr wenig daran, ob sie im dreißigsten Narren wären. Vergebens bemühte sich die Fee, beide Majestäten eines Sinnes zu machen. Es währte gar nicht lange, so war der Charakter der Neugeborenen zum Streiten nur noch der Vorwand, und es kam nicht darauf an, wer recht hätte, sondern wer von beiden den anderen zurechtweisen könnte.

Endlich fand Discrète doch ein Mittel, den Streit zu schlichten, ohne einem von beiden unrecht zu tun. Ihr Mittel bestand darin, daß jeder von ihnen über das Kind seines Geschlechtes sollte verfügen können. Der König billigte einen Ausweg, der für das Wesentlichste Sorge trug, indem die Fee dadurch den Thronerben gegen die wunderlichen Wünsche der Königin in Schutz nahm. Er eilte also, wie er die beiden Kinder auf den Knien ihrer Erzieherin sah, sich des Prinzen zu bemächtigen; auf die Tochter warf er nur einen Blick des Mitleids. Fantasque hingegen, um so empörter, je weniger sie Ursache dazu hatte, lief wie eine Wahnsinnige nach der Prinzessin und nahm sie in die Arme. ›Ihr vereinigt Euch alle, mich rasend zu machen!‹ rief sie aus, ›aber damit der Eigensinn des Königs dennoch, wider seinen Willen, einem von seinen Kindern vorteilhaft werde, erkläre ich also, daß ich für das Kind, das ich hier auf dem Arme halte, just das Gegenteil von dem wünsche, was er für das andere verlangen wird. Wählet nun!‹ sagte sie mit triumphierender Miene zum König, ›und da Ihr so viel Reiz daran findet, alles lenken zu wollen, so bestimmt durch ein einziges Wort das Schicksal Eurer ganzen Familie.‹

Vergebens bemühten sich der König und die Fee, sie von einem Entschluß abzubringen, der den Fürsten in eine außerordentliche Verlegenheit setzte: Sie wollte nicht davon ablassen. Sie freue sich, sagte sie, über diesen Ausweg, durch den ihre Tochter alle die Vorzüge bekommen würde, die der König seinem Sohne nicht würde zuwenden können. ›Ha!‹ versetzte der König, außer sich vor Ärger, ›Ihr habt Eure Tochter niemals leiden mögen, und Ihr zeigt das jetzt in der wichtigsten Stunde ihres Lebens. Aber‹, fügte er hinzu in einer Aufwallung von Zorn, über den er nicht Herr war, ›um sie wider Euren Willen vollkommen zu machen, wünsche ich, daß dieses Kind Euch ähnlich werden möge.‹

›Desto besser!‹ erwiderte die Königin lebhaft, ›desto besser für Euch und für das Kind! Ich werde jedoch gerächt und Eure Tochter Euch ähnlich sein.‹ Kaum waren den beiden mit einer Heftigkeit ohnegleichen diese Worte entfahren, als der König, verzweifelt über seine Unbesonnenheit, die seinigen gern zurückgenommen hätte; allein was geschehen war, war geschehen, und die beiden Kinder waren nun unwiderruflich so begabt, wie es die Eltern gewünscht hatten. Der Knabe bekam den Namen Caprice, die Tochter hieß Raison, ein seltsamer Name, den sie so berühmt gemacht hat, daß ihn nachher keine Person weiblichen Geschlechts mehr zu führen gewagt hat.

So war denn nun der künftige Thronfolger mit allen Eigenschaften eines artigen Frauenzimmers geschmückt, die Prinzessin hingegen, seine Schwester, dazu bestimmt, eines Tages alle Tugenden eines Ehrenmannes und die Eigenschaften eines guten Königs zu besitzen. Freilich schien diese Aufteilung eben nicht am besten getroffen zu sein; die Sache ließ sich aber nicht mehr rückgängig machen. Das drolligste dabei war, daß die gegenseitige Liebe der beiden Ehegatten in diesem Augenblicke mit der Stärke wirkte, die sie immer, aber oft zu spät, durch die wichtigsten Veranlassungen erhielt; und da die Vorliebe zu ihren Kindern nicht zu wirken aufgehört hatte, fand jedes von ihnen also das Kind, das ihm ähnlich werden sollte, am übelsten bedient und dachte weniger daran, es zu beglückwünschen, als daran, es zu beklagen. ›Ach!‹ sagte der König, indem er seine Tochter auf den Arm nahm und zärtlich drückte, ›was würde dir sogar die Schönheit deiner Mutter helfen, wenn du nicht verstündest, sie geltend zu machen! Du wirst zu vernünftig sein, um jemandem den Kopf zu verdrehen.‹

Fantasque, vorsichtiger bei ihren eigenen Fehlern, sagte nicht alles, was sie von der Weisheit des künftigen Königs hielt, aber die traurige Miene, mit der sie ihn liebkoste, ließ leicht vermuten, daß sie im Grunde ihres Herzens keine hohe Meinung von dem Lose hegte, das ihm beschieden war. Indes machte ihr der König, der sie in einer Art von Verwirrung betrachtete, einige Vorwürfe wegen des Vorgefallenen. ›Ich fühle mein Unrecht‹, sagte er, ›aber es ist Euer Werk. Unsere Kinder wären weit besser geworden als wir. Ihr seid schuld, daß sie uns nur ähnlich werden.‹ – ›Wenigstens‹, versetzte sie sogleich, indem sie ihrem Gatten um den Hals fiel, ›bin ich gewiß, daß sie sich so lieb haben werden als möglich.‹

Phönix, der durch diese ungestüme Zärtlichkeit gerührt war, tröstete sie durch die Überlegung, die anzustellen er so oft Gelegenheit hatte, nämlich daß natürliche Güte und ein empfindsames Herz in der Tat genügten, um alles wiedergutzumachen.«

»Das übrige«, unterbrach der Druide Jalamir, »errate ich so gut, daß ich wohl statt deiner das Märchen zu Ende erzählen könnte. Dein Prinz Caprice wird aller Welt die Köpfe verwirren und es seiner Mutter zu gut nachmachen, als daß er ihr nicht zur Plage werden sollte. Indem er das Reich wird verbessern wollen, wird er es in Unordnung bringen. Mit der besten Absicht, seine Untertanen glücklich zu machen, wird er sie zur Verzweiflung treiben, und immer wird er seine Fehler auf andere schieben. Da er ungerecht ist, weil er unvorsichtig war, wird die Reue über seine Fehler ihn nur zu neuen Fehlern verleiten. Weil ihn nie Weisheit führt, so wird das Gute, das er wird tun wollen, das Böse, das er schon gestiftet hat, noch vermehren. Kurz, wiewohl er im Grunde gut, gefühlvoll und großmütig ist, so werden ihm selbst seine Tugenden nachteilig werden, und bloß seine Unbesonnenheit, verbunden mit seiner Macht, wird ihn verhaßter machen, als durchdachte Bosheit es hätte tun können. Auf der anderen Seite wird deine Prinzessin Raison, eine neue Heldin aus der Feenwelt, ein Wunder an Weisheit und Klugheit sein. Ohne daß sie Anbeter hätte, wird das Volk sie so anbeten müssen, daß ein jeder Wünsche tun wird, von ihr beherrscht zu werden. Ihr gutes Benehmen wird aller Welt und ihr selbst nützlich und bloß ihrem Bruder nachteilig sein; denn unaufhörlich wird man seine Torheiten mit ihren Vorzügen vergleichen, und die Voreingenommenheit des Volkes wird ihm alle die Fehler beilegen, die sie nicht hat, selbst wenn er vollkommen frei davon wäre. Es wird die Rede davon sein, die Ordnung der Thronfolge abzuändern, die Narrenkappe dem Spinnrocken unterzuordnen und die Launen des Schicksals der Vernunft. Mit Emphase werden die Rechtsgelehrten die Folgen eines solchen Beispiels zeigen und beweisen wollen, es sei besser, daß das Volk blindlings dem Regenten gehorche, den der Zufall zu seinem Herrn mache, als daß es sich selbst vernünftige Oberhäupter wählte, daß, wiewohl man einem Narren die Verwaltung seines eigenen Vermögens nehme, es dennoch gut sei, ihm die höchste Gewalt über unser Vermögen und Leben zu lassen, daß der dümmste Mann noch immer dem geistvollsten Weibe vorzuziehen sei und daß, wäre auch der Erstgeborene ein Affe oder ein Wolf, nach echter Staatskunst eine Heldin oder ein Engel, wenn sie jünger ist als er, ihn dennoch als Gebieter anerkennen müsse. Einwürfe und Repliken von seiten der Aufrührer werden folgen, an denen man alsdann, der Himmel weiß wie, deine spitzfindige Beredsamkeit in vollem Glanze bewundern kann, denn ich kenne dich: Vornehmlich in Lästerungen über das, was geschieht, ergießt sich deine Galle mit Wohlbehagen, und du scheinst dich über die Bosheit der Menschen zu freuen, denn würdest du sonst soviel Vergnügen daran finden, sie ihnen vorzuwerfen.«

»Potztausend, Vater Druide, wie Ihr Euch erhitzet!« sagte Jalamir ganz verwundert, »welch ein Wortschwall! Woher, zum Teufel, nehmt Ihr nur alle die schönen Tiraden? So gut habt Ihr in Eurem Leben noch nicht im heiligen Walde gepredigt, wiewohl Ihr auch dort nicht wahrer sprachet. Ließe ich Euch fortfahren, Ihr würdet mir mein Märchen bald in eine politische Abhandlung verwandeln, und man fände einst in den Kabinetten die Könige Blaubart und Eselshaut anstatt Machiavell. Aber macht nur nicht so viel Aufwand, um den Ausgang meines Märchens zu erraten. Um Euch zu zeigen, daß es mir nötigenfalls nicht an Entscheidungen fehlt, will ich Euch in wenigen Worten eine sagen, die wohl nicht so gelehrt ist als die Eurige, aber vielleicht nicht minder natürlich und ganz gewiß unvermuteter.

Wisset also: Da die Zwillinge, wie schon gesagt, einander so ähnlich sahen und noch dazu gleich gekleidet waren, so hielt der König in der Stunde der Bezauberung nicht wie er glaubte, seinen Sohn, sondern seine Tochter auf dem Arm; ebenso hatte die Königin, durch die Wahl ihres Gemahls getäuscht, ihren Sohn für ihre Tochter gehalten. Die Fee hatte sich also den doppelten Irrtum zunutze gemacht, um jedes der beiden Kinder so zu begaben, wie's beiden am angemessensten war. Caprice war also der Name der Prinzessin, Raison der des Prinzen, ihres Bruders, und der Launen der Königin ungeachtet, befand sich alles in seiner natürlichen Ordnung. Nach dem Tode seines Vaters auf den Thron gelangt, tat Raison sehr viel Gutes und machte wenig Aufsehen. Mehr auf Erfüllung seiner Pflichten als auf Ruhm bedacht, unternahm er weder Kriege gegen die Auswärtigen noch Gewalttätigkeiten gegen seine Untertanen, und er erhielt darob mehr Segenswünsche als Lobreden. Alle Entwürfe der vorigen Regierung wurden unter der seinigen ausgeführt, und bei dem Übergang von der Herrschaft des Vaters unter die Herrschaft des Sohnes glaubten die doppelt glücklichen Untertanen, ihren Herrn nicht gewechselt zu haben. Prinzessin Caprice hingegen reichte, nachdem sie eine Menge liebenswürdiger und zärtlicher Galane ums Leben oder um den Verstand gebracht hatte, ihre Hand schließlich einem benachbarten König zum Ehebund, und zwar vorzugsweise deswegen, weil er den längsten Schnurrbart trug und am besten auf einem Bein hüpfen konnte.

Was Fantasque betrifft, so starb sie eines Abends an einer Indigestion, verursacht durch ein Ragout von Rebhühnerfüßchen; denn sie war auf den Einfall gekommen, es noch zu essen, ehe sie zu Bett ging, wo der König, den sie aus Neckerei eingeladen hatte, mit ihr zu schlafen, schon ewig lange auf sie wartete.«


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