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Der redende Vogel - Märchen von Heinrich Zschalig: Die Märcheninsel. Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen von Capri


Der redende Vogel

Es waren einmal drei Schwestern, Schneiderinnen, die weder Vater noch Mutter mehr hatten. Sie mußten den ganzen lieben, langen Tag und oft auch noch die halbe Nacht hindurch arbeiten, um ihr Leben zu fristen.

Nun hatte während einer großen Teuerung der König eine Verordnung erlassen: Niemand dürfe zu Hause Licht brennen. Jeden Abend durchstreiften die Wachen des Königs die Stadt, um zu sehen, ob jemand Licht oder Feuer angezündet hatte.

Da nahmen die Schwestern drei irdene Töpfe, in deren nach Innen gerichtete Seiten sie kleine Löcher bohrten. Darunter stellten sie ihre Lämpchen, daß man das Licht von der Straße aus nicht sehen konnte. Und so nähten sie ungestört, so lange das Öl reichte.

Eines Abends führten sie eine sehr übermütige Unterhaltung. Die älteste sagte: »Wenn der König mir seinen Sohn zum Gemahl geben wollte, würde ich mit einem Stück Brot, das er mir reichte, alle seine Soldaten sättigen.« – »Wenn ich«, fuhr die zweite fort, »die Gattin des Prinzen würde, wollte ich mit einem Streifen Tuch, das er mir zukommen ließe, alle seine Soldaten bekleiden.«

»Und ich«, übertrumpfte die jüngste die beiden, »würde ihm ein Zwillingspaar schenken: einen Sohn mit einem goldenen Apfel in der Hand und eine Tochter mit einem goldenen Stern an der Stirn.«

Die Wächter, die gelauscht hatten, berichteten diese Prahlereien dem König, der die Schwestern zu sich beschied.

»Was hast du«, fragte er die Erste, »gestern Abend gesagt?« – »Oh, Majestät, nichts, gar nichts!« – »Sag mir die Wahrheit! Ich bin der König.« Da gestand sie ihre vermessene Äußerung und wurde in ein Nebenzimmer abgeführt. »Erzähle mir«, gebot er dann der zweiten, »was du gestern Abend deinen Schwestern vorgeredet hast!« – »Ich weiß es nicht mehr«, antwortete sie. – »Gib der Wahrheit die Ehre, sonst wanderst du ins Gefängnis!« Und als sie nun ihre Rede wiederholt hatte, brachte man sie in ein anderes Gemach.

Wie die Dritte hierauf ihre prahlerischen Worte wiederholen sollte, schämte sie sich. Aber der König befahl streng, nichts zu verschweigen, sondern alles Silbe für Silbe zu gestehen. Und nachdem sie ihm gebeichtet, wurde sie zur Gemahlin des Prinzen erkoren.

Aber die Königin wollte nichts von ihr wissen, weil sie als Schneiderin nicht von ebenbürtigen Eltern abstammte. Sie suchte die Liebe ihres Sohnes, der inzwischen König geworden, in Verachtung und Abscheu zu verwandeln.

Ihrer Voraussage gemäß schenkte die junge Königin ihrem Gemahl, der in den Krieg gezogen war, zwei wunderschöne Kinder: ein Knäblein mit goldenem Apfel und ein Töchterlein mit goldenem Stern. – Da bestach die alte Königin die Hebamme und veranlaßte sie, das Zwillingspaar mit zwei jungen Hunden zu vertauschen und die armen Kindlein in den Fluß zu werfen.

Aber die Dienerin, die das ausführen sollte, hatte Mitleid mit den Kleinen. Sie legte sie behutsam in einen Korb, den sie wasserdicht gemacht hatte.

Als der König heimkehrte, zeigte seine Mutter ihm die Hündchen und lachte: »Sieh her, wie die Prahlerin ihr Versprechen erfüllt hat!«

Und der jugendlich leichtgläubige Herrscher ließ die unschuldige Gemahlin in eine Nische am Torweg des Palastes einschließen, daß die Vorübergehenden ihr verächtlich ins Gesicht speien sollten, und befahl, daß ihr nur Wasser und Brot gereicht werde. Doch nur wenige, ganz schlechte Menschen, zu denen besonders auch die mißgünstigen Schwestern gehörten, wagten die Arme zu kränken. Die beiden Kinder wurden nicht allzuweit entfernt von einem Fischer aus dem Meere gezogen. Dieser brachte sie mitleidsvoll seiner Frau, die gerade auch ein Knäblein geboren und glücklicherweise Milch genug für alle drei hatte. So wurde das unbekannte Zwillingspaar mit den Fischerkindern gemeinsam erzogen. Der Fischfang und Fischhandel der fleißigen Leute war gesegnet, und die arme Familie gelangte zu erfreulichem Wohlstande.

Als aber die Zwillinge herangewachsen waren, erregte ihre Schönheit den Neid der Fischerkinder. »Ihr seid gar nicht unsere Geschwister,« riefen sie spottend, »ihr seid elternlose Findlinge, die unser Vater aus dem Meere gefischt hat.«

Die Gekränkten erzählten diese Schmähreden dem braven Fischer, der die Königskinder zu beruhigen suchte. Diese aber ließen sich, nachdem sie die Wahrheit erfahren, nicht länger halten, sondern beschlossen, das ihnen jetzt verleidete Heim zu verlassen und ihre Eltern zu suchen. Da überreichte ihnen der ehrliche Mann das noch unberührte Geld und die kostbaren Andenken, die er im Korbe vorgefunden hatte.

Nach langer Wanderung erreichten sie mitten in einem großen Walde einen alten Palast, der unbewohnt schien. Sie betraten ihn, und da sie darin alles vorfanden, was sie brauchten, beschlossen sie, daselbst zu bleiben.

Aber ihre böse Großmutter erhielt Kunde davon. Während der Bruder eines Tages auf der Jagd war, schickte sie ihre Vertraute, die alte Amme, zur Schwester, ihr zu raten, den Bruder nach dem Wunderbrunnen von Senavalli zu senden, um ihr tanzendes Gesundheitswasser zu bringen, damit sie noch schöner erblühe. –

Als der Bruder heimkehrte, empfing sie ihn unfreundlich. Sobald er jedoch den Grund ihrer Verdrießlichkeit und ihr Begehren erfuhr, machte er sich bereitwillig mit zwei Krügen auf den Weg, den Wunsch der Schwester zu erfüllen.

Er wanderte und wanderte, bis er am Abend ganz ermüdet im Walde bei einem alten Einsiedler einkehrte, der (wie die Erzählerin überzeugt einschaltete) jedenfalls der heilige Joseph war. Dieser beschwor ihn, sein gefährliches Vorhaben aufzugeben, da er, wie schon viele vor ihm, wohl nie wiederkehren würde. Allein der Bruder ließ sich nicht abschrecken. – »Nun dann«, rief ermutigend der Alte, »ziehe mit Gott! Bist du aber am Zaubergarten (der Fee Alzina) angekommen, in dessen Mitte sich der Brunnen befindet, so durchschreite furchtlos den langen Säulengang mit den Standbildern rechts und links! Schrick auch nicht zurück und entgegne kein Wort, wenn du laut schreien hörst: Dieb, Räuber, Mörder, was willst du? Man will damit nur die Fee erwecken.«

Bald gelangte der tapfere Jüngling zum Garten und durchschritt bei furchtbarem Zetergeschrei die Kolonnade, bis er den Brunnen mit dem tanzenden Wasser erblickte. Durch ein großes eisernes Tor mit zwei Flügeln, die sich beständig öffneten und im Nu wieder zuschlugen, führte der Weg. Trotz aller Gefahr gelang es dem Bruder, seine beiden Krüge zu füllen und der Schwester wohlbehalten zu überbringen. Sie strahlte vor Freude, und ein großes Dankfest wurde gefeiert. –

Natürlich erfuhr es die Großmutter. Wieder mußte die Amme die Schwester während der Abwesenheit des jagenden Bruders besuchen. »Oh, wie das wunderbare Wasser deine Schönheit erhöht hat!« sprach sie. »Wenn du jetzt noch den tönenden Apfel des Zaubergartens hättest, könntest du noch weit glücklicher sein.«

Der bald heimkehrende Bruder erschrak, sie neuerdings unzufrieden und betrübt anzutreffen. – »Was fehlt dir, liebe Schwester?« rief er. – »Ach, lieber Bruder,« seufzte sie, »es ist so still und einsam hier, wenn du nicht da bist. Könntest du mir doch zur Unterhaltung den tönenden Apfel aus dem Zaubergarten verschaffen!«

Zögernd unternahm der Bruder abermals die gefahrvolle Reise. Abermals warnte und beriet ihn der freundliche Einsiedler. Und nachdem er unter noch größerem Lärm die Säulengalerie, weder links, noch rechts blickend, durchmessen hatte, brach er den Apfel von einem Baume, dessen Äste und Zweige die Erde immerzu wütend peitschten, so daß die drohende Lebensgefahr noch größer war als beim Wasserholen.

Noch größer war aber auch der Jubel der Schwester, als er ihr unter dem Klange süßer Harmonien den begehrten Apfel überreichte. Und so gestaltete sich auch das Freudenfest großartiger als das erste, das sie begingen.

Da erschien die Unglücksfrau zum dritten Male bei der allein im Schlosse weilenden Schwester, die sogleich den tönenden Apfel herbeiholte. »Das ist wohl alles ganz gut und schön«, bemerkte geringschätzig die Alte. »Um aber die glücklichste Frau der Welt zu werden, fehlt dir doch eins noch: der redende Vogel. Den muß dir dein Bruder noch holen!«

Verdrießlich und mißmutig begrüßte sie darauf den freundlichen Bruder. »Was quält dich?« fragte er teilnahmevoll. – »Ach, lieber Bruder, eins fehlt mir noch: der redende Vogel vom Zaubergarten. Wenn du mir den noch verschafftest, wäre ich dir unendlich dankbar! Denn dann erst würde ich glücklich!«

»Du weißt nicht, was du da forderst, teure Schwester«, entgegnete er sehr ernst. »Es kann mich das Leben kosten. Aber dir zuliebe will ich's versuchen! Hier blühen drei Rosmarinstengel, und wenn ich in drei Tagen nicht zurück bin und die Blumen verwelkt sind, so ersiehst du daraus, daß auch mein Leben verblüht ist.«

So schied er, und die Schwester ließ ihn ziehen. Vergeblich warnte ihn auch diesmal der Einsiedler, der ihm betrübt nachblickte. –

Als er nach drei Tagen nicht zurück war und die Stengel verwelkten, merkte die Schwester, daß dem Bruder ein Unglück zugestoßen sein mußte. Doch hoffte sie, ihn zu retten, und machte sich nun selbst auf den Weg. »Wohin willst du?« rief ihr der Einsiedler warnend entgegen. Und als sie ihm ihren Schmerz und ihr Vorhaben offenbart hatte, erteilte er ihr die gleichen Ratschläge wie dem Bruder. Außerdem überreichte er ihr aber noch ein Stäbchen und sprach: »Der Vogel sitzt am Ende der Galerie auf einem großen Baume. Es ist jedoch kaum möglich, ihn einzufangen, weil der rasende Sturmwind die starken Äste unaufhörlich bis zum Boden niederschlägt. Zeige nur keine Furcht, auch wenn der Vogel mit dem großen Schnabel auf dich loshackt! Locke ihn freundlich! Da kommt er von selber. Und hast du ihn dann, so berühre auf dem Rückwege die Standbilder des Säulenganges mit diesem Stäbchen! Aber ohne ein Wort zu sprechen!«

Und weil die mutige Königstochter keine Mühe scheute, keine Furcht zeigte und alle die ihr gebotenen Anweisungen genau befolgte, vollbrachte sie ihr Werk vortrefflich. Sobald sie den Vogel besaß, berührte sie mit dem Stäbchen die Marmorstandbilder, die alle zum Leben erwachten. Der letzte war ihr Bruder. Die anderen alle, Fürsten, Grafen und Ritter, die auch gekommen waren, das tanzende Wasser, den tönenden Apfel und den redenden Vogel zu holen, folgten ihrer Befreierin frohgemut zum Jagdschlosse, wo ein großes Dank- und Freudenfest stattfand. –

Eines Tages begab sich der König auf die Jagd und verirrte sich im Walde. Da vernahm er zu den wunderbaren Harmonien des tönenden Apfels den Gesang des redenden Vogels und gelangte, ihnen folgend, zum Palaste der anmutigen Geschwister, die er auf dem Altan erblickte. »Ach!« dachte er bei sich, »warum hat meine Frau mir nicht so schöne Kinder geschenkt?« – Dann klopfte er bescheiden an die Tür: »Darf ich die Ehre haben, hinaufzukommen?«

Der Vogel sprach leise zum Bruder: »Schweigt still! Das ist der König. Ich werde antworten!« Und zum König gewandt: »Oh, Majestät, ganz unsererseits ist die Ehre.« Und der König stieg zu ihnen hinauf, und verlebte mit dem liebenswürdigen Paare einige fröhliche Stunden.

Am folgenden Tage zeigte er keine Lust, wieder zu jagen, sondern trug nur Verlangen, die schönen Geschwister zu besuchen. Er begab sich ohne Gefolge zum Waldschloß und klopfte an die Tür: »Darf ich eintreten?« – »Oh, welche Ehre uns wieder zuteil wird!« rief der Vogel. Und der König trat ein und nahm am Mittagsmahl teil, das überaus heiter verlief. Schließlich sprach der König: »Ich bitte die Herrschaften, morgen an unserem Familienmahl teilzunehmen.«

Als Bruder und Schwester den Königspalast am nächsten Tage betraten, sagte der Vogel, der ihnen überallhin folgte: »Bittet den König, die Frau aus der Nische am Torweg mitspeisen zu lassen!«

Der König stutzte und wollte anfangs nichts davon hören. Da seine Gäste ihn aber inständigst darum ersuchten, ließ er die Erstaunte rufen. Bei Tische wurde ihr auf besondere Anweisung des Vogels der Platz zwischen den Geschwistern angewiesen gegenüber der Königin-Mutter.

Dann sprach der Vogel zum König und seiner Familie: »Hütet euch, die Speisen zu genießen, bevor sie geprüft sind! Ruft drei Hunde herein und gebt jedem ein Stück Fleisch von den Tellern der Königin und ihrer Tischnachbarn zur Rechten und Linken!«

Kaum war das geschehen, so verendeten die Hunde unter krampfhaften Zuckungen.

Und der Tafelordner grüßte die hohen Herrschaften und sprach: »Majestät wolle noch einen vierten Hund hereinkommen und ihm von irgendeinem anderen Teller ein Stück Fleisch zuwerfen lassen!« Man tat es, und das Tier blieb gesund.

»Jagt den abscheulichen Vogel hinaus! Der gehört nicht in den Speisesaal des Königs!« kreischte plötzlich die Königin-Mutter.

»Hierher gehört jeder, der die Wahrheit verkündet, damit Gerechtigkeit walte!« erwiderte der König.

»Sprich weiter, kundiger Wahrsager! Damit wir alles erfahren!«

»So wisset denn: das Fleisch der drei Gäste war vergiftet!« – »Vergiftet?« riefen alle entsetzt, während die alte Königin sich erhob, um schnell zu verschwinden.

»Niemand verläßt jetzt die Tafel!« gebot heftig der König. »Und niemand unterbricht weiter den Sprecher, der uns wohl nun auch zu melden vermag, wer das abscheuliche Verbrechen verübte.«

»Den Namen brauch' ich nicht erst zu nennen. Sie, die so Entsetzliches plante, hat sich selbst schon verraten.«

Und nun erzählte der Vogel alle die grausamen Ränke und Anschläge, deren Opfer die arme junge Königin war und ihre unschuldigen Kinder sein sollten.

»Die Königin ist unschuldig; denn sie hat ihr Versprechen erfüllt und die verheißenen Zwillinge geboren. Hier sitzen sie zur Seite ihrer tugendhaften Mutter. Zum Beweise laßt das Schmuckkästchen öffnen, das der ehrliche Fischer im Korbe der Zwillinge fand und ihnen beim Abschied mitgab. – Ich habe es herbringen lassen. Dort steht es.«

Der König ließ sich das Kästchen reichen, öffnete es und rief freudig erstaunt: »Ein goldener Apfel und ein goldener Stern! Dem Himmel sei Dank, der mich, wenn auch spät erst, meine lieben Kinder auf so wunderbare Weise finden läßt!«

Und nun folgte ein inniges Umarmen. Freudentränen rannen von den Wangen der Eltern und Kinder.

Die Giftmischerin aber mußte das für die schuldlose Königin bestimmte Fleisch essen, wovon sie alsbald unter furchtbaren Schmerzen vom Stuhle sank.

Die hohe Dulderin jedoch, der hinfüro alle ihr gebührenden Ehren zuteil wurden und die so gern sich ihres Mutterglückes noch recht lange erfreut hätte, starb, weil sie durch die lange Erniedrigung alle ihre Kraft und Gesundheit verloren hatte, schon nach drei Tagen.

Und der redende Vogel war plötzlich verschwunden! –


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