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Hüon von Bordeaux - Märchen von Ernst Tegethoff: Französische Volksmärchen 1


Hüon von Bordeaux

Karl der Große hielt zu Pfingsten Hof in Paris, denn er wünschte wegen seines hohen Alters noch bei Lebzeiten sein Reich auf einen Nachfolger zu übertragen. Er schlug seinen Sohn Karlot als Nachfolger vor, und die Barone erklärten sich einverstanden. Der Verräter Amauri stellte das Fernbleiben der Brüder Hüon und Gerard als Unbotmäßigkeit dar und erbot sich, sie zur Aburteilung an den Hof zu bringen, dabei machte er mit Karlot aus, daß sich dieser in einen Hinterhalt legen sollte. So geschah es, und im Kampfe wurde Karlot von Hüon erschlagen. Amauri beschuldigte nun Hüon des wissentlichen Mordes am Königssohn; zwar entschied ein Zweikampf zugunsten Hüons, doch Karl wollte diesem sein Erbe nicht eher zurückgeben, bis er nach Babylon gehe, den ersten, der ihm am Hofe begegnete, erschlage, die Tochter des Emirs dreimal küsse und Bart und Zähne des Emirs selber mitbringe. Hüon trat selbzwölft die Reise an, und der büßende Ritter Jérôme schloß sich ihnen unterwegs an und zeigte ihnen den Weg.

So gelangten sie in Oberons Zauberwald. Ermüdet streckte sich Hüon unter einer Eiche zur Ruhe: »Bei Gott,« sagte er, »ich kann nicht mehr. Ich kann vor Hunger nicht mehr weiter reiten.« »Schlecht versteht Ihr zu fasten,« spottete Jérôme, »eßt doch von diesen Wurzeln. Ich habe seit dreißig Jahren keine andere Nahrung gehabt.« »Das bin ich nicht gewohnt«, meinte Hüon. Während sie so redeten, kam ein kleiner Mann durch den grünen Wald gegangen; der war so schön wie die Sonne am Sommertag; ein Mantel aus Seide, mit goldenen Bändern verziert, umhüllte ihn. Einen Bogen trug er in der Hand, der ihm stets Wildbret verschaffte; ein Horn aus reinem Elfenbein hing ihm um den Hals, welches Feen auf einer Insel im Meer gefertigt hatten. Die eine hatte ihm diese Gabe verliehen: wer das Horn ertönen hörte, der würde auf der Stelle gesund, und wäre er auch dem Tode nahe. Die zweite Fee hatte hinzugefügt: wer das Horn hörte, dessen Hunger und Durst würde alsogleich gestillt. Ein jeder, hatte die dritte bestimmt, müsse zu singen anfangen, wenn er den Ton des Hornes hörte, und drücke ihn die Sorge noch so schwer. Die vierte endlich gab ihm diese Kraft: wenn das Horn ertönte, in welchem Lande es auch sei, Oberon müsse den Ton vernehmen in Monmur, seiner Stadt. Der kleine Mann blies auf dem Horn, und die Ritter begannen sogleich zu singen. »Mein Gott,« rief Hüon, »wer will uns besuchen? Ich spüre keinen Hunger mehr noch Schmerz.« »Um Gottes willen, Herr,« sagte Jérôme, »es ist der bucklige Zwerg. Redet ihn nicht an, wenn Euch Euer Leben lieb ist.« Der kleine Bucklige rief ihnen mit lauter Stimme zu: »Ihr Männer, die ihr meinen Wald durchquert, seid mir gegrüßt beim Herrn der Welt! Ich beschwöre euch bei Gottes Majestät, bei Öl und Chrysam, bei der Taufe heiligem Salze, bei allem, was Gott geschaffen hat, beschwöre ich euch, daß ihr meinen Gruß erwidert.« Die Ritter aber wandten sich zur Flucht zum großen Mißvergnügen des Zwerges, der mit einem Finger sein Horn berührte, worauf ein gewaltiges Unwetter entstand. Ein reißender Strom hemmte Hüons und seiner Gefährten Flucht. »Es ist der böse Zwerg, der das verursacht«, beruhigte sie Jérôme, aber nur schwer erholten sie sich von ihrem Schrecken und setzten in Unruhe ihren Weg fort. Schon glaubten sie dem Zwerg entgangen zu sein, da stand er plötzlich auf einer schmalen Brücke vor ihnen. »Da ist der Teufel schon wieder«, schrie Hüon. »Knabe,« entgegnete Oberon, der es wohl gehört hatte, »nie war ich Teufel oder böser Geist. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut wie du, und ich komme nochmals, im Namen Gottes und durch die Macht, die er mir gab, euch zu beschwören, daß ihr mir Rede steht.« »Ums Himmels willen, flieht!« rief Jérôme, dann spornte er sein Roß, und seine Gefährten folgten ihm im Galopp. Ein drittes Mal stellte sich der Zwerg ihnen entgegen und versprach ihnen seine Hilfe bei der gefahrvollen Fahrt, wenn sie sich entschließen wollten, ihn anzureden. »Seid uns willkommen, Herr!« sagte Hüon. »Gott lohne es dir!« entgegnete Oberon. »Hüon, teurer Bruder, nie wurde ein Gruß besser gelohnt, als es der deinige werden soll.« »Herr,« sagte Hüon, »warum verfolgt Ihr mich?« »Ich liebe dich«, erwiderte Oberon, »mehr als irgendeinen anderen Menschen, um deiner Lauterkeit willen liebe ich dich. Du weißt noch nicht, wem du begegnet bist, so höre: Julius Zäsar erzeugte mich, und die Fee Morgana gebar mich als ihren einzigen Sohn. Große Freude herrschte bei meiner Geburt, und mein Vater entbot alle seine Barone, und alle Feen kamen, meine Mutter aufzusuchen. Eine von ihnen, welche unzufrieden war, verwünschte mich zu einem buckligen Zwerg, der ich jetzt zu meinem Schmerze bin; seit meinem dritten Lebensjahre bin ich nicht mehr gewachsen. Sie wollte ihr Wort nicht zurücknehmen, aber um dessen Wirkung abzuschwächen, gab sie mir die größte Schönheit nächst Gott. Eine zweite Fee gab mir ein noch kostbareres Geschenk: sie erlaubte mir, die Herzen der Menschen und ihre geheimsten Gedanken zu erkennen. Einer dritten Fee verdanke ich die beste Gabe: es gibt kein Land, in das ich mich nicht durch meinen Wunsch allein sogleich verfügen kann. Begehre ich ein Schloß, so steht es vor mir, ich habe Speise, wann es mir beliebt, und zu trinken, wann ich es fordere. In Monmur bin ich geboren, wohl vierhundert Meilen weit von hier, und dennoch bin ich schneller dort, als ein Roß ein Tagwerk Landes durchmißt. Aber du hast noch nicht alles erfahren, was ich den Feen verdanke. Wisse also, daß es keinen Vogel gibt, keinen Eber, keine wilde Bestie, und sei sie auch noch so blutgierig, die sich nicht willig zu meinen Füßen legte auf ein Zeichen meiner Hand. Endlich weiß ich alle Geheimnisse des Paradieses und höre dort oben die Chöre der Engel. Nie in meinem Leben werde ich altern, und wenn ich zu sterben wünsche, so ist mir an Gottes Seite mein Platz bereitet.« Und um seine Macht zu zeigen, zauberte Oberon im Nu eine speisenbedeckte Tafel hervor. Nach dem Mahl wollten die Reisenden aufbrechen, aber Oberon sagte: »Hüon, bleib' noch ein wenig, zuerst will ich dir einige von meinen Kleinodien geben.« Dann ergriff er mit beiden Händen einen Becher. »Hüon,« hub er an, »betrachte diesen Becher, damit kannst du die große Macht, die Gott mir gab, erproben. Du siehst, dieser goldene Becher ist leer. Nun, ich will ihn nach meinem Willen füllen.« Bei diesen Worten strich er dreimal mit der Hand um das Gefäß, machte das Zeichen des Kreuzes darüber, und sogleich füllte sich der Becher mit lauterem Wein. »Für alle Lebenden und für alle Toten, wenn sie zur Welt zurückkommen würden, liefert dieser Becher genügend Wein,« sagte Oberon, »und das ist seine Zauberkraft, doch enthüllt sich diese nur in den Händen eines reinen Menschen, denn niemand kann aus ihm trinken, dessen Herz nicht sündenlos ist. Sobald ein Bösewicht den Becher berührt, verschwindet seine Kraft. Vermagst du daraus zu trinken, so ist er dein.« Hüon brachte den Becher an seine Lippen, und dieser blieb voll, und er trank daraus in langen Zügen. Oberon zog ihn voll Freude an seine Brust und gab ihm das kostbare Gefäß. »Aber trage wohl Sorge,« sagte er, »deine Lauterkeit zu wahren, nur unter dieser Bedingung helfe ich dir. Sobald du nur eine Lüge redest, verliert der Becher seine Kraft und du meine Freundschaft.« »Herr,« sagte Hüon, »ich gedenke mich wohl zu hüten, und Gott vergelte Euch Eure Gabe. Aber nun laßt mich ziehen.« »Noch warte ein wenig,« sagte Oberon, »denn hier habe ich ein Horn aus lauterem Elfenbein, und da ich dich als einen Edelmann ohne Sünde und Fehl habe kennen lernen, so will ich es dir schenken. Wenn du dieses Horn ertönen lässest, und wärst du auch noch so weit entfernt, so höre ich es in Monmur, meiner Stadt, und dann werde ich dir mit hundert Bewaffneten zur Seite stehen, denn gegen jedermann will ich dir im Kampfe helfen. Aber hüte dich, ohne Grund in das Horn zu stoßen, sonst gerätst du in Not.« »Herr,« sagte Hüon, »ich gedenke mich wohl zu hüten. Aber nun laßt mich ziehen.« »Geht, Hüon, und Gott befohlen.«

Auf der Weiterreise kehrte Hüon in Dunostre ein, tötete mit Oberons Hilfe den riesenhaften Herrn des Landes, dem auch der Emir von Babylon untertänig war, und raubte seinen Ring. Sodann überschritt er das Rote Meer und näherte sich allein, denn seine Begleiter hatte er in Dunostre zurückgelassen, der Stadt Babylon. An einem Feste des heiligen Johannes hielt dort der Emir seinen Hof. Kein Mensch konnte das Volk zählen, das dort zusammenströmte, man sah Vogelsteller und Rossetummler, Arbeiter und Schachspieler, solche, die sich mit Jungfrauen ergötzten, und solche, die sich im Sommertag ergingen. Hüon gelangte zur ersten Brücke und rief den Torwacht an: »Laß mich ein!« Jener entgegnete: »Gern, aber zuvor sage mir, in welchem Lande du geboren bist. Bist du ein Franke, so sollst du um einen Kopf kürzer gemacht werden; bist du aber ein Sarazene, so wird die Brücke vor dir niederfallen.« Nun handelte Hüon sehr töricht. Vor der Menge der Heiden hatte er seines Ringes ganz vergessen, und er erinnerte sich auch nicht des Gebotes, das Oberon ihm gegeben hatte. Er antwortete allzu voreilig: »Ja, ich bin ein Sarazene.« Da hatte er gelogen, und Oberon wußte es und zog seine Freundschaft von ihm. Vermittels dieser Unwahrheit gelangte er über die Brücke, aber vor der zweiten fiel ihm der Befehl des Elfenkönigs ein, er dachte an seine Verfehlung und geriet vor Schmerz fast außer sich. Beim Gekreuzigten schwur er, nie in seinem Leben wolle er wieder lügen. Ganz niedergeschlagen kam er zur zweiten Brücke und rief mit lauter Stimme: »Öffne, Hurensohn, oder der Blitz soll dich zerschmettern!« Der Torwacht sagte: »Aus welchem Lande stammst du und wie hast du die erste Brücke passiert?« »Bei Gott,« sagte Hüon, »du sollst es wissen.« Er nahm den Ring des Riesen von der Hand und rief dem Wächter zu: »Schau, welches Zeichen ich dir weise!« Der Wächter erblickte den Ring, erkannte ihn wohl und beeilte sich, die Brücke herabzulassen. »Sei mir willkommen, Jüngling,« rief er, »was macht mein Herr, der stolze Orgileus?« Hüon würdigte ihn keiner Antwort, er wagte nicht zu reden, aus Furcht, die Unwahrheit zu sagen.

Durch die nämliche List gelangte er über die dritte und vierte Brücke und trat nun in den Garten des Emirs Gaudise, in welchem alle Arten von Bäumen, die Gott geschaffen hat, grünten. Dort strömte eine Quelle, die vom Paradiese kam und deren Wasser dem hinfälligsten Greise seine Jugend wiedergab und der ausschweifendsten Frau ihre Jungfrauschaft. Eine Schlange hütete die Quelle und brachte jedem Bösewicht, der sich ihr näherte, den Tod. Hüon trat ungehindert heran, trank aus der Quelle und wusch sich die Hände und vergaß fast seinen Auftrag. Nur wenn er an Oberon dachte, zitterte er. Wird der Zwerg noch einmal kommen, um ihm zu helfen? Er wollte sich dessen vergewissern und stieß in sein Horn, aber umsonst: niemand ließ sich blicken. Der Emir saß gerade beim Mahl, die, welche ihm den klaren Wein eingossen, begannen beim Klange des Hornes zu singen, und er selber fing zu tanzen an. »Ihr Barone,« sagte er, »hört, der dort im Garten bläst, ist gekommen, uns zu verzaubern. Ich befehle euch, daß ihr euch bewaffnet, sobald er sein Blasen aufgehört hat. Wenn er entkommt, sind wir alle beschimpft.« Als Hüon merkte, daß niemand kam, legte er sein Horn beiseite und weinte. Dann schritt er die Stufen zum Schloß hinauf, in den Panzer gehüllt, mit geschlossenem Visier und das blanke Schwert in der Faust. Ein Großer des Reiches stand am Tisch und suchte die Aufmerksamkeit der schönen Emirstochter Esclarmonde, die er heiraten sollte, zu erwecken, er war ein reicher Mann von edler Abstammung. Hüon näherte sich, schwang sein Schwert und schlug dem Heiden den Kopf ab, so daß dieser auf die Tafel rollte. »Ein guter Anfang,« sagte er zu sich selber, »um dieses bin ich bei Karl entlastet.« Der Emir wurde mit Blut bespritzt und schrie: »Barone, faßt mir diesen Schurken; wenn er entkommt, sind wir alle beschimpft.« Alle Sarazenen stürzten sich auf Hüon, der sich nach Kräften verteidigte. Er nahm den Ring, den er am Finger trug, und warf ihn auf den Tisch: »Herr,« sagte er, »da seht! Um dieses Zeichens willen tut mir kein Leid an!« Der Emir erkannte den Ring und befahl, Hüon zu schonen. Nun trat dieser auf die Tochter des Emirs zu und küßte sie dreimal, um sein Wort einzulösen. Esclarmonde erbleichte, als sie seinen Atem spürte. Leise sprach sie zu ihrer Magd: »Weißt du, warum ich erbleiche?« »Nein, bei Gott!« »Sein süßer Hauch hat mir das Herz erfüllt; wenn ich ihn heute nacht nicht an meiner Seite habe, komme ich von Sinnen.« Hüon trat auf den Emir zu und meldete ihm den Auftrag Karls: er ersuchte ihn, die Taufe anzunehmen, dem Frankenkaiser zu huldigen und ihm den Tribut zu schicken, den er verlangte. Der Emir rief: »Dein Herr ist toll, das alles kümmert mich keinen Pfifferling. Wenn er mir sein ganzes Erbe gäbe, ich würde nicht von meinem weißen Barte lassen und von meinen vier Backenzähnen. Fünfzehn Boten hat er mir schon hierhergesandt, keinen einzigen hat er zurückkehren sehen, alle habe ich erwürgen und einpökeln lassen. Und, bei Mahommed, du sollst der sechzehnte sein. Nur des Ringes wegen wagten wir dich nicht anzutasten. So sage mir, mit welches Teufels Hilfe du als Franke in den Besitz dieses Ringes gekommen bist?« Hüon wagte nicht zu lügen, da er Oberons Zorn fürchtete: »Herr Emir,« sagte er stolz, »so wahr Gott mir helfe, ich will es Euch sagen. Ich habe Euren Herrn getötet und zerstückelt.« Der Emir stieß einen Wutschrei aus: »Barone,« rief er, »wollt ihr ihn laufen lassen? Wenn er entkommt, sind wir alle beschimpft.« Die Heiden hörten es und griffen Hüon von allen Seiten an. Nach verzweifelter Gegenwehr entglitt ihm sein Schwert, er wurde zu Boden geworfen, sein Horn, sein Becher und seine Rüstung wurden ihm genommen, und der Emir befragte seine Barone, wel-Tod er erleiden solle. »Gehängt soll er werden!« riefen sie. Aber der weise Ratgeber des Emirs wußte etwas anderes: »Heute ist Johannistag,« sagte er, »da kannst du kein Urteil fällen, wenn du nicht gegen das Gesetz verstoßen willst. Man muß diesen jungen Mann ins Gefängnis werfen und ihn ein Jahr lang darin lassen. Im nächsten Jahre sollst du ihn am gleichen Tage befreien und ihm auf offenem Felde einen Kämpfer gegenüberstellen. Besiegt er diesen, so sollst du ihn in Frieden ziehen lassen; wird er aber besiegt, so läßt du ihn hängen.« »Wenn das der Brauch meiner Ahnen war,« entgegnete der Emir, »so will ich ihn nicht außer acht lassen.« Hüon wurde ins Gefängnis geworfen, aber nicht lange sollte er darin schmachten. Esclarmonde, die sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte, ließ ihn frei. Der Emir wurde getötet und seines Bartes und seiner Zähne beraubt; dann ergriffen beide die Flucht und gelangten nach vielen weiteren Abenteuern, bei denen der versöhnte Oberon wieder Hilfe leistete, nach Frankreich, wo Hüon Land und Lehen zurückerhielt.


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