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Vom Grafen und seiner Schwester - Märchen von Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen


Vom Grafen und seiner Schwester

Es war einmal ein Graf, der hatte eine Schwester, die war sehr schön, schöner als die Sonne. Diese Schwester wollte der Graf niemals verheirathen, denn es war ihm Keiner gut genug für sie. Als er sich nun selbst verheirathete, behielt er seine Schwester im Haus, und so oft er seiner Frau ein schönes Kleid schenkte, schenkte er seiner Schwester ein gleiches. Gegenüber aber wohnte der König. Da sprach eines Abends die schöne Schwester des Grafen zu ihrer Lampe:



»Goldne Lampe mein,

Silberdocht so fein,

Sagt mir, was der König macht?

Ob er schläft wohl? ob er wacht?«1



Die Lampe aber war eine Zauberlampe, und antwortete:



»Tritt, o Herrin, leise herzu,

Zur Stund liegt der König in tiefer Ruh.«2



Da eilte die Schöne über die Straße und kam in die Kammer des Königs. Mit dem Tagesgrauen aber eilte sie wieder zurück, und Niemand wußte, woher sie gekommen war. Am zweiten Abend ging es eben so und der König war in großer Verzweiflung, weil er nicht erfahren konnte wer die Schöne war, die schon zweimal bei ihm geruht hatte. Er erzählte es aber dem Grafen, der rieth ihm und sprach: »Wenn die Schöne heute Abend ihr Kleid abwirft, so versteckt es. Auf diese Weise können wir morgen erfahren, wer es ist.«

Das that der König, und als die Schöne wieder in seine Kammer trat und ihr Kleid abwarf, nahm er es fort und versteckte es, und als sie beim ersten Morgengrauen entfliehen wollte, fand sie ihr Kleid nicht und mußte ohne dasselbe fort. Der König aber zeigte das Kleid dem Grafen, der erschrak und dachte: »Ein solches Kleid habe ich ja meiner Frau und meiner Schwester vor kurzem noch geschenkt. Sollte es eine von ihnen sein!« Da ging er nach Hause und sprach zu seiner Frau: »Zeige mir einmal das letzte Kleid, das ich dir geschenkt habe.« Die Frau zeigte es ihm sogleich und er ging zu seiner Schwester und sagte auch ihr, sie solle ihm ihr Kleid zeigen. Sie aber antwortete: »Ich will es gleich holen, ich habe es in einen Schrank verwahrt.« Sie ging aber zur Frau ihres Bruders und bat: »Liebe Schwägerin, leihet mir doch auf einen Augenblick euer Kleid,« und brachte es ihrem Bruder. Weil aber ihre Kleider ganz gleich waren, so merkte der Graf den Betrug nicht. Das schöne Mädchen aber kam nicht mehr zum König.

Bald merkte die Schwester des Grafen, daß sie Aussicht habe ein Kind zu bekommen. Sie verbarg sich aber vor ihrem Bruder, und als ihre Stunde kam, gebar sie einen wunderschönen Knaben. Den legte sie in einen Korb und bedeckte ihn mit den schönsten, wohlriechenden Blumen und schickte ihn dem König. Als nun der König die Blumen abdeckte und das wunderschöne Kind erblickte, dachte er wohl, es wäre sein Sohn, und ließ den Grafen rufen und sprach zu ihm: »Da hat mir eine Unbekannte diesen wunderschönen Knaben geschickt. Das ist gewiß meine Schöne gewesen, wüßte ich doch nur, wo sie zu finden wäre.« »Königliche Majestät,« antwortete der Graf, »veranstaltet eine große Festlichkeit und ladet dazu alle Damen der Stadt. Dann lasset ein großes Feuer anmachen, weiset das Kind vor und thut, als ob ihr es ins Feuer werfen wolltet, so wird sich die Mutter des Kindes schon verrathen.«

Also veranstaltete der König eine große Festlichkeit, und alle Damen der Stadt kamen zusammen, und darunter auch die Schwester des Grafen. Mitten im Fest aber ließ der König ein großes Becken mit einem brennenden Feuer hereinbringen. Dann zeigte er das Kind in seinem Korbe und sprach: »Seht das schöne Kind, das eine Unbekannte mir geschickt hat. Was soll ich aber damit machen? Ich denke, ich will es lieber verbrennen.« Da rief eine jammernde Stimme: »O mein Sohn, mein Sohn,« und die Schwester des Grafen stürzte sich auf den Knaben. Als der Graf das hörte, zog er im Zorn sein Schwert und wollte seine Schwester ermorden. Der König aber fiel ihm in den Arm und rief:



»Halt ein, o Graf! es trägt kein Schandmal,

Des Grafen Schwester, des Königs Gemahl.«3



Da wurde nun eine schöne Hochzeit gefeiert und die Schwester des Grafen wurde Königin, und sie lebten glücklich und zufrieden, wir aber haben das Nachsehen.



Ende des ersten Theiles

Fußnoten

1 »Lampa mia d' oru,

Micciu miu d' argentu,

Chi fa lu re? Dormi o vigghia?«



2 »Ntrasiti, Signura,

Chi lu re dormi a st' ura.«



3 »Fermati Conti, vergogna non è!

Soru di Conti e mugghieri di rè!«


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