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Junker Prahlhans - Märchen von Otto Sutermeister: Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz


Junker Prahlhans

Ein König hatte einen jungen Edelknecht, den man Junker Prahlhans nannte, weil er immer viel versprach und wenig hielt. Es lebte aber auch am Hofe des Königs ein Spaßmacher, und dieser wollte den Prahlhans bessern. Das ging aber auf folgende Weise:

Eines Tages hätte der König gerne gebratene Vögel gegessen und sprach zum Junger: »Hans geh hinaus in den Wald und schieße mir zehn Vögel für meinen Tisch.« Der Junger aber sprach: »Nicht nur zehn, sondern hundert Vögel will ich dir schießen.«

»Gut«, sprach der König; »wenn du ein so guter Schütze bist, so bringst du mir hundert; sollst für jeden einen Taler haben.« Der alte Spaßmacher hörte das und ging dem Junger voraus in den Wald, wo die meisten Vögel waren, und rief sie und sprach:



Ihr Vöglein, flieget alle fort!

Hans Großmaul kommt an diesen Ort,

Möcht' hundert Vögel schießen.



Als Junker Hans in den Wald kam, da konnte er keinen Vogel erschauen; denn sie hatten sich alle in ihren Nestern versteckt. Und als er mit leeren Taschen zurück zum König kam, wurde er hundert Tage lang ins Gefängnis gesperrt, weil er sein Wort nicht gehalten hatte.

Wie er wieder frei war, sagte eines Tages der König: »Ich möchte heute wohl fünf Fische auf meinem Tisch haben.« Da gedachte Junger Hans an seine hundert Tage Gefängnis und tat seinem Munde ein wenig Zaum an: »Ich will dir fünfzig Fische fangen statt fünfen«, sagte er zum König. Sprach der König: »Wenn du ein so guter Fischer bist, so fange mir fünfzig; sollst für jeden einen Dukaten haben.« Da ging der Spaßmacher hinaus an den See, rief die Fische und sprach:



Ihr Fischlein, schwimmet alle fort!

Hans Großmaul kommt an diesen Ort,

Möcht' fünfzig Fische fangen.



Und als der Junker an den See kam, da konnte er kein Fischlein fangen. Sie waren alle ans andere Ufer hinüber geschwommen. Und da er mit leeren Taschen heimkam, ließ ihn der König fünfzig Tage lang einsperren, weil er sein Wort nicht gehalten hatte.

Und da die fünfzig Tage um waren, sprach der König: »Ich möchte wohl einen Hasen für meinen Tisch haben.« Junker Hans gedachte seines Gefängnisses und sagte: »Herr, ich will dir wenigstens zehn Hasen bringen.« Sprach der König: »Wenn du ein so guter Jäger bist, so jage mir zehn; sollst für jeden eine Dublone haben.« Da ging der Spaßmacher hinaus in den Wald, rief die Hasen und sprach:



Ihr Häslein, springet alle fort!

Hans Großmaul kommt an diesen Ort,

Möcht' zehn Hasen jagen.



Und als der Junker kam, konnte er den ganzen Tag keinen Hasen jagen. Der König aber ließ ihn wieder zehn Tage lang einsperren, weil er sein Wort nicht gehalten hatte.

Und wie er wieder frei war, sprach der König: »Ich möchte wohl einen Hirsch für meinen Tisch haben.« Der Junker gedachte seines Leidens, das seine Prahlerei ihm schon verursacht hatte und sagte bescheidentlich: »Ich will hingehen und schauen, ob ich einen Hirsch erlegen kann.« Und als er hinging, konnte er wirklich einen solchen schießen und brachte ihn mit Freuden dem König. Der lachte und sprach: »Schau, wenn man nichts Unmögliches verspricht, so ist das Worthalten leicht.« Und der Spaßmacher lachte ins Fäustchen, denn der Junker war von jetzt an bescheiden.


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