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Der tapfere Näsni - Märchen von A. Dirr: Kaukasische Maerchen


Der tapfere Näsni

Es war einmal einer, der hieß Näsni. Der war so feig, daß er kaum aus dem Hause sich traute und wenn eine Fliege vorbeiflog, kroch er unter seine Bettdecke. Als er aber einmal Bauchweh hatte, mußte er hinaus, doch vergaß er nicht seinen Säbel mitzunehmen, mit dem er in der Luft herumfuchtelte, so daß er zufällig drei Fliegen traf. So stolz war er darüber, daß er dies Ereignis auf seinen Säbel schreiben ließ: »Das ist der Säbel Näsnis, mit dem er dreiundsechzig Erchustojer Narten1 erschlagen hat«. Dann gürtete er sich den Säbel um, nahm ein Säckchen mit Mehl auf den Rücken und ging auf die Wanderschaft.

Ob er weit ging oder nicht, wer weiß es? Er ging und fand in einer Schlucht einen Birnbaum, hielt an, begrub den Sack mit Mehl in der Erde, hing seinen Säbel am Baume auf und legte sich zum Schlafen nieder. Auf einmal aber standen wie aus der Erde gewachsen, sieben Brüder von den Erchustojer Narten in einiger Entfernung von ihm. Die berieten sich, wer der Fremdling wohl sein könne, der dabei ihnen eingedrungen wäre, bei ihnen, denen selbst ein über ihre Ländereien fliegender Vogel eine Feder abwirft als Wegzoll, und vierfüßige Tiere einen Huf! Dann stahl sich der jüngste von ihnen an den Schlafenden heran, besah sich den Säbel, kehrte dann zu seinen Brüdern zurück und berichtete ihnen, was da drauf stand: »Das ist der Säbel Näsnis, mit dem er dreiundsechzig Erchustojer Narten erschlagen hat«.

In dem Augenblick wachte Näsni auf. Er sah die sieben' auf sich zukommen und hörte sie sagen, er solle ihnen seine Künste zeigen. Er zeigte ihnen seinen Säbel und trat mit dem Fuße heftig auf die Stelle, wo er seinen Sack vergraben hatte, so daß sich eine Mehlwolke erhob. »Seht nur, so bin ich! Wenn ich auf die Erde trete, erhebt sich der Staub in ganzen Wolken«, sagte er. Da baten ihn die Narten, er solle mit ihnen wohnen bleiben, denn sie hätten niemals einen solchen Menschen gesehen, wie er einer sei, sie wollten ihm ihre Schwester zur Frau geben und als Mitgift die Hälfte ihrer ganzen Besitzungen. Näsni wagte es nicht, ihnen zu widerstehen und ging mit. Sie bauten ihm ein Haus, gaben ihm ihre Schwester zur Frau und Näsni lebte mit den Narten.

Nach einiger Zeit erschien im Walde ein Nashorn2, das von Zeit zu Zeit sogar in den Aul kam und dort Leute fraß. Die Narten schickten sich an, Jagd auf das Ungetüm zu machen und schickten zu Näsni mit der Aufforderung, mitzumachen. Das paßte ihm aber gar nicht und der Bote kam zurück mit der Botschaft, Näsni denke gar nicht daran, auf die Jagd mitzugehen. Aber. .. Frau Näsni zwang ihren Mann dazu; sie jagte ihn einfach aus dem Hause. Näsni lief in den Wald und kletterte auf einen großen Birnbaum, um sich da zu verstecken. Zu seinem Unglück nächtigte aber das Nashorn gerade unter diesem Baume. Die Erchustojer Narten aber glaubten, Näsni sei schon auf die Jagd gegangen, gingen selbst in den Wald, trafen das Nashorn und verwundeten es. Das Tier lief in sein Lager unter dem Birnbaum, auf dem Näsni immer noch saß. Vor Schrecken wurde Held Näsni ohnmächtig, fiel herunter, gerade auf den Rücken des Nashorns, kam wieder zur Besinnung und hielt sich an der Wolle des Tieres fest. Das Nashorn erschrak gleichfalls, als es eine ungewohnte Berührung auf seinem Rücken spürte und lief davon, geradewegs in den Aul der Narten. Die holten ihre Gewehre und schössen es tot. Näsni aber tat, als wäre er ungehalten darüber und rief: »Warum habt ihr es totgeschossen? Es wäre gescheiter gewesen, ihr hättet zugeschaut, wie ich es gezähmt habe.« Und die Narten glaubten wirklich, er habe die Wahrheit gesagt.

Bald darauf kam ein feindliches Heer und wollte die Narten bekämpfen. Man schickte wieder zu Näsni, aber der Bote kam wieder mit einer Ablehnung zurück. Frau Näsni aber holte sich einen langen Stock und jagte ihren Mann wieder aus dem Hause. Näsni ging zu der Pferdeherde der Narten, um sich das friedfertigste Tier herauszusuchen und darauf zu fliehen. Aber keines ließ ihn herankommen, alle schlugen nach ihm aus. Schließlich fand er doch eine alte Stute mit Fesseln an den Füßen. Er drückte ihr zwei Stöckchen in die Weichen, sie duldete es und rührte sich nicht. »Das ist mein Fall!« rief Näsni, setzte sich darauf und ritt weg, aber nicht in der Richtung, von wo der Feind kam. Als die Narten davon hörten, dachten sie, es sei wieder so, wie bei der Nashorngeschichte, er würde schon noch kommen und griffen im Vertrauen darauf den Feind an. Als Näsnis Stute das Schießen hörte, war sie wie verwandelt. Sie kehrte um wie der Blitz und rannte in vollem Lauf der Richtung zu, aus der das Schießen kam. Näsni hatte längst alle Macht über sie verloren. In seiner Angst faßte er nach den Zweigen einer großen Platane, aber die Stute lief mit solcher Gewalt, daß der ganze Baum in Näsnis Händen blieb. Und mitten ins Gemenge hinein rannte das Tier, zerstampfte die Feinde mit den Hufen und was es übrig ließ, erschlug Näsni mit seiner Platane, oder die Narten machten es nieder. Als alles vorüber war, faßten die Narten Näsnis Stute am Zügel und führten ihn mit Siegesgesängen heim. Dann machten sie ihn zu ihrem Obersten und heute noch lebt er bei ihnen.





Fußnoten

1 Über »Narten« s. den Abschnitt v. den Nartensagen.



2 So übersetzt Gren das Wort bira-nal. Ob die Übersetzung richtig ist, kann ich jetzt nicht entscheiden.


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