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Der Sohn des Armen und die Tochter des Königs - Märchen von Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal


Der Sohn des Armen und die Tochter des Königs

Der ärmste Mann aus der Stadt hatte nur eine kleine Hütte am Ende des Dorfes, und in der Hütte hatte er nichts als dreizehn Kinder. Aber das dreizehnte hatte so großen Verstand und lernte wie kein Kind aus der ganzen Stadt. Der Knabe ging in die Schule mit der Königstochter zusammen, und sie waren so gut miteinander, daß sie glaubten, es könne eines ohne das andere nicht leben. Damals war es so Sitte, wenn die Schule aus war, blieben immer zwei Kinder zurück, um zu kehren und Wasser zu bringen in die Schule. Einmal geschah es, daß die Königstochter zurückblieb, um die Schule zu kehren, da hörte sie den Lehrer mit dem Prediger reden: »Dieser Knabe frißt entweder dir das Predigeramt, oder mir das Lehramt, er ist zu gelehrt. Wir müssen etwas machen und ihn umbringen. Gut. Morgen, wenn er in die Schule kommt, geben wir ihm einen Becher mit vergiftetem Wein.« Als das Mädchen dies hörte, erschrak es und erzählte es seinem Kameraden. »Mein Freund, du sollst von hier weggehen, diese fressen dir den Kopf, aber nimm dieses Ringlein und Tüchlein von mir, in beiden steht der Name meines Vaters und meiner Mutter und von mir.« Der Knabe nahm sie und steckte sie in den Busen, nahm dann Abschied und ging in die Welt, ins Königreich. Gott soll uns erhalten. Die Worte dieser Mär, viel und Schönes ist noch zurück, ich will es euch erzählen. – Er ging, bis er in einen Wald kam. Im Walde sah er den Strîmbă-Lemne (Holzkrumm-macher) unter einer Eiche schlafen. Das Kind war ja wie die Kinder, es fürchtete sich nicht vor ihm, es wußte gar nicht, daß dieser nicht ein Erdmensch sei, der Knabe freute sich, als er noch jemanden im Walde sah, und legte sich neben ihn schlafen. Nur einmal erwachte der Strîmbă-Lemne und sah den Knaben neben sich, er schüttelte ihn und schrie: »Welcher Teufel hat dich her zu mir gebracht? Zu mir kommt nicht einmal der Adler aus der Unterwelt. Weißt du, wer ich bin?« – »Ich weiß ja nicht, aber ich dachte, du wärst ja ein guter Mensch, und darum legte ich mich neben dich, es war mir so unheimlich allein.« – »Wohin gehst du?« – »Sieh, so und so, und jetzt gehe ich in Dienst«, und erzählte ihm alles, wie es gekommen. »Wenn die Sache also so ist, will ich dich nicht auch krumm machen, sondern dir lieber helfen. Aber wisse: Mich heißt man den Strîmbă-Lemne, ich mache die geraden Bäume und Menschen krumm, aber du sollst bis in die erste Stadt gehen, dann gehe zum König und ding dich als Knecht, es wird dein Glück sein.«

Er nahm Abschied und dankte, weil er ihn nicht umgebracht, und ging vorwärts. Als er aus dem Wald trat, sah er in der Ferne die Stadt. Dann ging er immer weiter, bis er an das Haus des Königs kam, er trat ein und wünschte dem König einen guten Tag und fragte, ob er nicht einen Knecht brauche, er wäre ein armer Knabe. Als ihn der König gesehen, gefiel er ihm, und weil er keine Kinder hatte, dang er ihn nicht als Knecht, sondern nahm ihn als eignes Kind auf. Der Knabe hatte Verstand und war gelehrt und zuverlässig.

Der König war reich und hatte auch zwölf Kaufläden, und auch hier verstand er es, sich anzustellen. So vergingen 20 Jahre schnell. Der Knabe war ein schöner, stattlicher Jüngling geworden, da kam es ihm eines Tages in den Sinn: »He, jetzt wird auch das Mädchen groß und schön geworden sein, wir hatten uns ja so gerne, sie wird nicht wissen, wo ich bin, und wird heiraten und mich vergessen.« Es kam eine große Sehnsucht und Trauer über ihn, daß er gleich zu sterben glaubte, sein Herz sagte ihm, es sei jetzt Zeit, zu seinem Mädchen zu gehen, sonst würde es zu spät. Der König sah, daß etwas in ihm vorging, er fürchtete, er werde krank, und fragte: »Mein Sohn, warum bist du so traurig? Oder schmerzt dich etwas.« – »O nein, es tut mir nichts weh, aber sieh, es ist so eine Sehnsucht nach meinen Eltern und Brüdern über mich gekommen, daß ich nicht mehr kann, ich möchte gerne zu ihnen und sehen, was sie noch machen.« – »Dann geh und sag dem Kutscher, er solle den Wagen richten, ich gebe dir Geld, so viel du willst, und Soldaten, die mit dir kommen, und bring dir die Deinen alle mit, sie haben ja hier Platz.« Nun, dieser freute sich, Soldaten brauchte er nicht, Geld nahm er sich einen ganzen Haufen, immer mit der Hand voll, dann setzte er sich auf den Wagen und fuhr nach Hause, in die allerkleinste Hütte, er wußte noch, daß seine Eltern dort wohnten.

Als er hineinkam, erschrak seine Mutter, weil ein so schöner junger Herr zu ihr gekommen, und sie hatte nicht einmal einen Stuhl. Aber er bat um ein wenig Herberge und gab ihr eine Handvoll Dukaten, sie solle etwas zu essen kaufen. Als sie mit den Sachen kam und ihm das übriggebliebene Geld zurückgeben wollte, ließ er ihr es, dann standen sie alle um den Tisch und aßen. Er fragte, was für Neuigkeiten es noch in diesem Orte gäbe. »Heute hat die Königstochter Hochzeit, grade werden sie bei der Trauung sein.« – »Seid so gut, liebe Frau (lele), geht und kauft mir für 10 Kreuzer Nüsse.« Als sie die Nüsse brachte, zog er das Tüchlein aus dem Busen, legte Nüsse und das Ringlein hinein und gab es der Alten, sie solle auf die Hochzeit gehen und dies der Braut schenken. Sie ging in das Haus der Braut und traf grade ein, als ihr die Geschenke gebracht wurden, sie stand hinter dem Tisch und empfing alle. »Laßt auch mich, ich will der Braut auch was schenken«, sie drängte sich unter die Leute und gelangte zum Tisch der Braut und legte ihr das Tüchlein auf den Teller, kehrte dann schnell um und wollte hinausgehen. Die Braut hatte das Tüchlein sofort erkannt, es auseinandergeschlagen und auch das Ringlein gefunden und rief, man solle die Alte zurückrufen. Die Leute dachten, sie habe gestohlen, und riefen: »Fangt die Alte, haltet sie, haltet sie«, und liefen hinter ihr und brachten sie zurück. Die arme Alte kam zitternd und sprach, mit dem Tüchlein habe sie ein fremder junger Herr geschickt, er sei gerade auf seiner Kutsche angekommen. Darauf sagte die Braut, es solle die Kalesche mit sechs Pferden um ihn geschickt werden. Als er kam, erkannte sie ihn gleich und rief zitternd vor Freude: »Dies ist mein Bräutigam.« Dann ließ sie sich scheiden von dem Bräutigam, mit dem sie eben aus der Kirche gekommen, und hielt mit diesem Hochzeit. Dieser gab sich dann auch seinen Eltern zu erkennen. Nach der Hochzeit nahm er auch seine Eltern und Geschwister mit zu dem König, der ihn zum Kinde aufgenommen. Dort leben sie bis auf den heutigen Tag in Frieden und Gesundheit.



Lina Subțirel, Alzen


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