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Das Feuerpferd - Märchen von A. Dirr: Kaukasische Maerchen


Das Feuerpferd

Ein alter Mann hatte drei Söhne; zwei gescheite, der dritte aber war dumm und schmutzig. Tag und Nacht faulenzte der Dumme zu Hause und tat rein gar nichts. Der Vater hatte ein Tagewerk Ackerland besät und der Same war gut gekeimt, gewachsen und hatte schöne Ähren angesetzt. Aber jede Nacht kam jemand und richtete Schaden im Felde an. Um dem abzuhelfen, sagte der Vater zu seinen Söhnen: »Liebe Kinder, geht nachts der Reihe nach aufs Feld, bewacht es und versucht, den Dieb abzufassen!«

Die erste Nacht ging der älteste Sohn hinaus. Aber um Mitternacht kam ihm der Schlaf und er nickte ein. Am Morgen kehrte er nach Hause zurück und sagte: »Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht, von der Kälte bin ich steif geworden wie ein Stück Holz, den Dieb aber habe ich nicht gesehen. Die folgende Nacht ging der mittlere Sohn hinaus, schlief die ganze Nacht und erzählte zu Haus dann dieselbe Geschichte. Die dritte Nacht war die Reihe an dem Dummen. Er nahm einen Strick mit, setzte sich am Feldrain nieder und wartete. Als Mitternacht sich näherte, kam ihm der Schlaf. Er nahm sein Messer her, schnitt sich ein wenig in den Finger und streute Salz in die Wunde. So verging ihm das Schlafen. Genau um die Mitte der Nacht aber erbebte plötzlich der Boden; es erhob sich ein Wind und vom Himmel herab kam ein Pferd geflogen mit feurigen Flügeln und ließ sich auf das Feld nieder. Wolken erhoben sich aus seinen Nüstern und Blitze schienen aus seinen Augen zu leuchten. Und das Pferd fing an zu fressen, zerstampfte aber noch viel mehr, als es in Wirklichkeit fraß.«

Der Dumme aber näherte sich kriechend ganz langsam dem Pferde, sprang dann plötzlich auf und warf ihm den Strick um den Hals. Das Pferd zog mit aller Kraft, stellte sich auf die Hinterfüße, tobte und stampfte, konnte sich aber doch nicht losreißen. Der Dumme hielt es fest. Als es müde geworden war, verlegte es sich aufs Bitten: »Johannes, Freundchen, lasse mich los, ich will dir dafür einen großen Dienst erweisen.«

»Gut,« sagte Johannes, »aber wie soll ich dich denn später finden?«

»Wenn du mich brauchst, komm' heraus aufs Feld, pfeife dreimal und rufe: ›Feuerpferd, Feuerpferd! Komm' schnell!‹ Gleich werde ich dann bei dir sein.« Johannes ließ das Pferd los und befahl ihm, sein Feld von nun an in Ruhe zu lassen.

Dann ging er heim.

»Was hast du gesehen, was hast du getrieben?« frugen ihn seine Brüder.

»Ein Feuerpferd habe ich gesehen. Ich habe es gefangen und mir versprechen lassen, daß es unser Feld jetzt in Ruhe lassen werde.« Das übrige aber erzählte er nicht. Viel lachten die Brüder über ihren Dummen, aber von diesem Tage an geschah dem Felde wirklich nichts mehr.

Einen oder zwei Tage danach schickte der König Boten in alle Städte und Dörfer seines Reiches, mit dem Auftrage, zu verkünden: »Ihr Herren, Städter, Adlige und Bauern! Unser großer König veranstaltet ein Fest und lädt euch alle ein. Drei Tage soll Freude herrschen. Nehmt eure besten Pferde mit. Des Königs einzig Töchterlein, schöner als die Sonne, wird auf dem Balkon eines Turmes sitzen. Wer mit seinem Pferde so hoch springt, daß er die Prinzessin erreichen und ihr den Ring vom Finger ziehen kann, dem gibt der König sie zur Frau.«

Johannes Brüder gingen auch auf das Fest, aber nicht, um selber ihr Glück zu versuchen, sondern bloß, um zuzuschauen. Johannes bat sie, ihn auch mitzunehmen. »Wozu, Dummer,« sagten sie, »willst du den Leuten Angst machen mit deinem Aussehen? Bleib' zu Hause!«

Die Brüder setzten sich also aufs Pferd und machten sich auf den Weg. Johannes aber ging aufs Feld und rief sein Feuerpferd. Woher kam es doch plötzlich gelaufen, daß es mit einemmal vor ihm stand! Johannes aber sprang ihm über den Kopf, wonach sich sein Gesicht ganz veränderte und er ein so schmucker Bursche wurde, daß keiner geglaubt hätte, das sei der dumme Schmutzjohannes.

Hierauf bestieg er sein Pferd und jagte zum Fest. Dort sah er, daß vor dem Hause des Königs, auf dem weiten Platze, eine zahllose Menschenmenge sich versammelt hatte. Und auf dem Balkons des hohen Turmes saß des Königs Töchterlein, schön wie der Mond, und ihr Ring glänzte gleich der Sonne. Aber niemand erkühnte sich, den Sprung nach oben zu wagen. Wer aber hob seine Hand? Unser Johannes. Er faßte sein Feuerpferd fest zwischen die Schenkel; das Tier wieherte, tat einen ungeheuren Sprung, sprang aber doch drei Stufen zu kurz. Die Leute bissen sich in die Zunge und wunderten sich. Johannes aber wandte sein Pferd um und floh. Auf dem Weg traf er seine Brüder; da sie ihm nicht schnell genug auswichen, hieb er ihnen tüchtig eins über und verschwand. Als er sein Feld erreichte, stieg er ab und wurde wieder der frühere Johannes. Das Pferd ließ er laufen und kehrte nach Hause zurück. Abends kamen auch seine Brüder heim und erzählten ihrem Vater voll Verwunderung, was sie gesehen hatten. Johannes aber hörte ihnen zu und lachte still in sich hinein.

Auch am folgenden Tag nahmen die beiden ältesten Brüder den jüngsten nicht mit aufs Fest. Johannes aber ging wieder aufs Feld, rief sein Feuerpferd, saß auf und jagte davon. Als er sich dem Palaste des Königs näherte, sah er dort mehr Menschen als das vorige Mal. Alle betrachteten des Königs Tochter, aber wieder wagte niemand den Sprung. Johannes faßte sein Pferd wieder fest zwischen die Schenkel und ließ es springen. Diesmal fehlten bloß zwei Stufen. Noch mehr wunderten sich die Leute, noch schneller verschwand Johannes und noch kräftiger hieb er seinen Brüdern eins über. ..

Auch am dritten Tag kam er wieder. Diesmal aber gab er seinem Pferd einen solchen Hieb mit der Peitsche, daß sich von dessen Schenkeln ein ganzes Stück Haut ablöste. Das Tier sprang mit furchtbarer Kraft empor und erreichte den Balkon. Johannes zog der Prinzessin den Ring ab und wandte sich zur Flucht. »Hallo, haltet ihn auf, haltet. ..« riefen alle, der König, die Königin und die vielen Menschen. Aber. .. weg war er.

Johannes kam nach Hause und hatte sich die Hand mit einem Lappen verbunden. »Was ist denn mit deiner Hand geschehen?« frugen ihn die Frauen im Hause. »Beim Beerenpflücken habe ich mich gestoßen, das macht aber nichts,« antwortete Johannes und streckte sich vor dem Feuer aus.

Die Brüder kamen zurück und erzählten ihrem Vater alles, was in der Stadt geschehen war. Inzwischen wollte sich Johannes den Ring wieder einmal besehen, aber kaum hatte er den Lappen aufgewickelt, als die ganze Hütte zu leuchten anfing. »Dummer! Mit dem Feuer spielt man nicht«, schrien ihn seine Bruder an, »du bist schon zu gar nichts nütze, fast hattest du das Haus angesteckt. Du gehörst schon lang hinausgeworfen.«



Drei Tage später kamen wieder Boten und befahlen allen Leuten, die im Lande waren, sich auf ein neues Fest zu begeben, das der König geben wollte. Wer nicht komme, dem würde der Kopf abgeschnitten.

Was war da zu machen? Der Alte begab sich mit seiner ganzen Familie aufs Fest. Man aß, trank und war fröhlich und guter Dinge. Am Ende des Schmauses teilte die Prinzessin eigenhändig Honigwasser aus. Auch Johannes kam an die Reihe. Und an diesem Tage sah er aus, daß ich dir nicht wünsche, einen solchen Feind zu halben: in zerrissenen Kleidern, mit schmutzigen, wirren Haaren stand er da und um die eine Hand hatte er einen schmierigen Fetzen gebunden; rein zum Ekelerregen war es. »Junge, warum hast du deine Hand verbunden?« frug die Prinzessin, »laß sehen, was los ist!«

Johannes nahm den Verband ab und an seinem Finger glänzte der Ring. Die Prinzessin zog ihn ihm ab, führte Johannes zu ihrem Vater und sagte: »Papachen, das ist mein Bräutigam.«

Den Johannes aber führte man ins Bad, kämmte ihn, salbte ihn, zog ihm andere Kleider an und er wurde ein so feiner Kerl, daß ihn die Seinen kaum wiedererkannten.

Dann wurde Hochzeit gemacht. Sieben Tage und sieben Nächte lang.


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