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Die zwölf Brüder - Märchen von Heinrich Zschalig: Die Märcheninsel. Märchen, Legenden und andere Volksdichtungen von Capri


Die zwölf Brüder

Ein armer Mann bestellte sein Feld. Da erschienen zwölf Brüder, einer nach dem andern und grüßten ihn freundlich. – Der erste sprach lächelnd: »Ich heiße Januar. Was sagst du von mir?« – »Ich sage«, antwortete der Arme: »Der Januar ist ganz gut, er versorgt unsere Erde mit Wasser.« – »Ist auch der Februar dir willkommen?« fragte zaghaft der zweite: »Warum nicht? Er schenkt uns die ersten Apfelsinen und Zitronen.« – »Wie aber gefällt dir der März?« – »Ganz vortrefflich! Er bringt uns viel sonnige Tage, Anemonen, Veilchen, Narzissen und frisches Gemüse.« – »Und der April?« ließ sich der vierte vernehmen.



»Aprile gentile!

Dolce dormire (liebliche Träume),

ucceli a cantare (singende Vögel)

ed alberi a fiorire (und blühende Bäume).«



Auch der Mai kam herbei, ein neues Loblied zu hören. »Ja, du bist der schönste von allen, du spendest uns Rosen, Erdbeeren und Kirschen.« – – Bescheiden nahte hierauf der Juni, weil er wußte, daß er nicht überall so gut angeschrieben stand wie seine älteren Brüder. – »So komm doch!« rief der dankbare Mann, du bringst uns Getreide und neue Kartoffeln und schmückst unsere Berge mit blühender Myrthe. Noch weniger wagten die beiden folgenden, Juli und August, ihn zu fragen. »Ihr laßt uns wohl schwitzen,« meinte lachend der Landmann, und wischte sich den Schweiß von der Stirn, »aber ihr labt uns doch auch mit süßen Feigen, Birnen, Pfirsichen, Pflaumen und Nüssen, und wärmt uns das Meer zum Bade.« – – Dem September und Oktober dankte er für die köstlichen Trauben, dem November für die ölreichen Oliven und dem Dezember für das fröhliche Christfest. »Euch allen schulden wir Dank«, rief er zum Abschied; »denn jeder ist gut nach seiner Art und Natur.«

Das freute die zwölf Brüder gar sehr, und sie schenkten dem zufriedenen Manne zum Andenken einen Zauberstab, ihm sowie seiner Frau jeden Wunsch zu gewähren, so daß es ihnen fortan nie mehr an Geld, Nahrung und Kleidung gebrach, und sie noch glücklicher lebten als vorher.

Dieser allzeit genügsame Mann hatte einen immer unzufriedenen, mürrischen und habsüchtigen Bruder. Als dieser vom Zauberstab hörte, ließ ihm seine Frau, die noch schlimmer als er selbst war, keine Ruhe, sein Glück mit den Brüdern gleichfalls zu versuchen.

Er machte sich auf dem Felde zu schaffen und brauchte nicht lange zu warten, so grüßte ihn schon freundlich der erste der Zwölfe, die die Welt alle Jahre besuchen. »Ich heiße Januar, was sagst du von mir?« – »Mach, daß du fortkommst!« schimpfte der Griesgram. »Du bringst uns nur Kälte, Regen und Sturmwind und niemals was Gutes!« –

»Wirst du auch mich so verwünschen?« rief drauf ihm der Februar zu. »Du bist meist noch schlimmer als dein Bruder. Ich kann dich nicht lieben.« – »Aber mich doch vielleicht, ich heiße März«, lachte der dritte. –



»Marzo è pazzo (ein Narr ist der März),

piove, piove! (es regnet allwärts!)«



Dann kam der milde April und der herrliche Mai, doch keiner gefiel ihm. Der Mai war zu trocken, und dafür der Juni zu naß:



»Acqua di Giugno,

consuma u munno (mundartlich für it. il mondo).«

Ach bliebe die Welt doch verschont,

vom Wasser im Junimond!



Und was nach seiner Rede im Juni nicht ertrinkt, verbrennt im Juli und August. – Nicht einmal September, Oktober und November fanden Gnade vor ihm; denn sie brachten nicht Wein und Oliven genug. Und gar erst der Dezember, der ihm viel zu stürmisch und kalt war.

»Gott sei Dank!« rief er zum Schluß, »sie sind fort!« und ergriff begierig den Stab, den die Brüder auch ihm zum Andenken schenkten. Ohne zu danken, beeilte er sich, seine Wunderkraft kennenzulernen und beschwor ihn mit den Worten: »Mazzariello, contami ne cento!« (Liebes Stöckchen, zahle mir hundert! nämlich hundert Goldstücke, wie er wünschte.) Das Stöckchen aber versetzte ihm auf der Stelle hundert tüchtige Hiebe. – Seiner Frau jedoch, die neugierig war, wie der Zauberstab sich bewährte, verriet er kein Wort, sondern antwortete nur trocken: »Oh, er macht seine Sache! Versuche es nur!«

Da bat sie habgierig: »Liebes Stöckchen, gib mir zweihundert!« Und die kriegte sie auch richtig – ohne Erbarmen. Man weiß nicht, ob die beiden das freigebige Stäbchen noch weiter bemühten. Nur so viel war zu sehen: sie lebten fortan unzufriedener als je.


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