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Die herzlose Schwiegertochter - Märchen von Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal


Die herzlose Schwiegertochter

In der Mitte eines Dorfes steht ein schönes, großes Haus, nach außen mit lauter Heiligen kostbar bemalt, mit einem goldenen Zaun umgeben, es sieht so reich und stolz aus. Der Vorübergehende könnte die Eigentümer beneiden, aber wie sieht es drinnen aus? Wer wohnt da? Eine Schwiegermutter mit der Schwiegertochter. Erstere liegt krank im Bett, in fiebernder Hitze mit vertrockneten Lippen und bittet: »Schwiegertochter, liebe Schwiegertochter, gib mir ein wenig Wasser, das Herz vertrocknet mir.« – »Wart, Schwieger, warte, bis ich das Frühstück fertig habe, dann will ich dir Wasser geben.«

Das Frühstück hatte sie fertig gemacht, der armen Kranken aber kein Wasser gebracht. Nach einer Zeit bat die Kranke wieder: »Schwiegertochter, liebe Schwiegertochter, gib mir ein wenig Wasser.« – »Wart, Schwieger, warte, bis ich das Mittagessen bereitet, dann will ich dir Wasser bringen.«

Das Mittagessen war längst fertig, aber Wasser hatte sie keines erhalten. Wieder bat die Schwiegermutter: »Schwiegertochter, liebe Schwiegertochter, gib mir ein wenig Wasser, das Herz vertrocknet mir.« – »Warte, Schwieger, warte, bis ich das Abendessen fertig habe.«

Auch das Abendessen war fertig, aber vergessen war das Wasser. Zum letzten Male bat die Schwiegermutter: »Schwiegertochter, liebe Schwiegertochter, gib mir ein wenig Wasser, ich verbrenne ganz.« – »Warte, Schwieger, warte, bis ich mich zu Bett lege, dann bring ich dir Wasser.« Sie legte sich schlafen, aber der Kranken Wasser zu bringen, hatte sie vergessen. Der Hahn verkündete den Morgen, und Gott hatte eine arme, verlassene Seele zu sich genommen.



Anisie Preda, Marpod


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