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Der Jüngling und das Mädchen - Märchen von Milena Preindlsberger-Mrazovic: Bosnische Volksmärchen


Der Jüngling und das Mädchen

Ein Hirtenmädchen brachte einmal ganz heimlich hoch oben im Gebirge auf der Sommerweide ein Kind zur Welt, das sie bei einer Zigeunerin verbarg. Zur Winterszeit, als sie schon längst wieder unten im Dorfe war, heiratete sie der Bursche, der ihr den Kummer angetan, und sie hätten nun gar so gerne ihr Kind zu sich genommen. Aber sie wagten das nicht, wegen des Geredes der Leute. Endlich zogen sie ganz fort, in eine andere Gegend, wo man sie nicht kannte, und nahmen das Kind zu sich. Es war ein schöner Knabe, von dem niemand wußte, daß er keinen rechten Vater hatte und nicht getauft war. Lange überlegten sie, wie sie wohl ihre Sünde eingestehen und ihren Sohn taufen lassen könnten, und so lange dachten sie hin und her, bis es zu spät war. Denn der Knabe verließ eines nachts seine Wiege, kroch zu seiner Mutter hin und begann sie am Halse zu würgen. Die Mutter glaubte zuerst, das Kind wolle sie liebkosen; dann aber ging ihr der Atem aus und sie war tot. Niemand wußte, wie dies geschehen. Nach einiger Zeit erging es dem Vater ebenso.

Mitleidige Menschen nahmen die fremde Waise zu sich, und mit den Jahren wurde aus dem Knaben ein Jüngling. Das schönste Mädchen des Dorfes fand an ihm Gefallen, und sie liebten einander so sehr, daß es schon sündhaft war, mehr als Gott und die ewige Seligkeit. Der Jüngling wollte das Mädchen heimführen, und darum mußte er sich entschließen, auf ihren Anblick für einige Tage zu verzichten, um zu dem eine Tagreise entfernt wohnenden Pfarrer zu gehen und das Nötige zu vereinbaren. In jenem Orte war er noch niemals früher gewesen, und als er an der Kirche vorüberkam, erfaßte ihn die Neugierde. Eben wollte er die Kirchenschwelle überschreiten, als der Meßner, sich umwendend, gegen ihn das Rauchfaß schwang. Da fühlte er sich wie von hinten gepackt und niedergerissen. Als die Leute zu ihm traten, war er tot.

Das Mädchen schlug sich bei der Todesnachricht auf die Brust und riß sich mit den Nägeln das Gesicht blutig. Herzzerreißend waren die Klagegesänge, in denen sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang um den Entschwundenen jammerte. Unaufhörlich rief sie ihn herbei und wünschte bei ihm im Grabe zu liegen. Am vierzigsten Abende ging das Mädchen noch zu später Stunde Wasser holen. Sie rief seinen Namen sehnsuchtsvoll in die Nacht hinaus, und wie sie zu dem Brunnen kam, fand sie ihren Liebsten in ein weißes Leichentuch gehüllt im Mondenscheine am Trogrande sitzen.

»Du Gute, Liebe«, sprach er zu ihr, »da du mich so herbeisehnst, so bin ich gekommen und will dich nun mit mir nehmen.« Und er griff mit seiner Hand, die so leicht und kühl war, wie ein Blumenblatt, nach der ihren und führte sie auf eine Anhöhe. Dort wellte sich der Rasen über schmale, flache Erdhügel mit niedrigen Holzkreuzen, und zwischen diesen standen über den Schollenhaufen Jüngstverstorbener, junge, hohe Birkenstämme, von welchen die bunten Tränentüchlein, die letzten Liebesgaben, im Winde flatterten.


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