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Der reiche und der arme Häuptling - Märchen von Carl Velten: Märchen und Erzählungen der Suaheli


Der reiche und der arme Häuptling

Es war einmal ein reicher und ein armer Häuptling. Der Reiche sprach zu dem Armen: »Wenn wir Söhne bekommen, wollen wir sie töten.« Der arme Häuptling sprach: »Das schickt sich nicht, denn die Söhne sind mehr wert als die Töchter.« Der Reiche erwiderte: »Nein, wir werden sie töten.« Der Arme dachte bei sich nach: »Was mache ich nur, damit meine Kinder nicht getötet werden?« Als er sich die Sache überlegt hatte, sprach er: »Gut, wir werden sie töten; aber jeder tötet die seinigen selbst in seinem Hause.« Der reiche Häuptling sprach: »Gut,« und nahm den Vorschlag an.

Dem reichen Häuptling wurde zuerst ein Sohn geboren und er sprach zu dem armen Häuptling: »Ich habe mein Kind getötet.« Dieser erwiderte: »Gut, thue wie es Dir beliebt.«

Im nächsten Jahre bekam der arme Häuptling einen Sohn und er dachte bei sich: »Ich habe mein Kind gern, was mache ich nur, damit es nicht getötet wird?« Er begab sich zu einem armen Manne und sprach zu ihm: »Hilf mir, denn ich habe einen Sohn bekommen und will ihn nicht töten; ich will aber auch nicht, dass mein Freund in Erfahrung bringt, dass mein Sohn am Leben geblieben ist.« Der Arme sprach: »Bringe Deinen Sohn, ich werde ihn verbergen, aber sage zu Niemandem, dass Dein Sohn lebt; wenn Dich jemand fragt, so sage: ›Ich habe meinen Sohn getötet.‹«

Er ging nun zu dem reichen Häuptling und sagte ihm: »Ich habe einen Sohn bekommen und habe ihn getötet.« In jedem Jahre bekam jeder von ihnen einen Sohn; der reiche Häuptling tötete die seinigen und der arme Häuptling versteckte die seinigen, bis es ihrer schliesslich sieben waren.

Jene Kinder wuchsen heran und lernten lesen, bis sie im Koran zu Ende kamen. Ihr Vater sprach nun: »Jetzt sind meine Kinder gross, sie kennen den Koran und alles sonst, was mache ich nur, dass meine Kinder und auch ich nicht getötet werden?«

Da erschien eines Tages ein ränkesüchtiger Mann und sah die Kinder im Hofe spielen. Er trat in das Haus jenes armen Mannes ein und fragte: »Wessen Kinder sind das?« Dieser erwiderte: »Es sind die meinigen.« Jener entgegnete: »Du solltest so schöne Kinder wie diese gezeugt haben, das glaube ich nicht, das sind Kinder vornehmer Leute, ich sehe es ihren Gesichtszügen an.« Er sagte: »Diese Kinder gehören dem armen Häuptling; er kam hierher, um sie in meinem Hause in Sicherheit zu bringen, damit der reiche Häuptling sie nicht töte; aber sage dies keinem Menschen.« Er erwiderte: »Nein, ich werde es Niemandem sagen.«

Damit stand er auf und begab sich zu dem reichen Häuptling und sprach zu ihm: »Wenn Du mir etwas giebst, werde ich Dir etwas sagen, was Du noch nicht weisst.« »Was ist das denn?« fragte jener. »Du musst mir etwas versprechen, dann werde ich es Dir sagen,« erwiderte er. Der Häuptling fragte: »Was willst Du denn haben?« Er sagte: »Ich möchte soviel, dass es für mich reicht.« »Gut,« sprach der Häuptling, »ich werde Dir soviel an Vermögen geben, dass es für Dein und Deiner Kinder Leben ausreicht.«

Er stellte ihm ein Schriftstück aus und gab ihm Pflanzungen und Geld zur Genüge. Dann sprach er: »Dein Freund hat seine Söhne nicht getötet.« Der Häuptling erwiderte: »Du bist ein Lügner! mein Freund hatte sieben Söhne und ich hatte sieben, wir haben sie getötet.« Er erwiderte: »Nein, die Kinder Deines Freundes leben, wenn Du es nicht glauben willst, so werde ich sie Dir zeigen; wenn dem nicht so ist, so gehört mein Kopf Dir.« »Gehen wir also,« sprach er, »und zeige sie mir.« Jener schlechte Mensch sagte: »Verkleide Dich und ziehe die Kleider eines Armen darüber, damit, wenn wir in das Haus eintreten, man nicht erkennt, dass Du der reiche Häuptling bist.« Er verkleidete sich wie ein Armer und ging nach jenem Hause hin.

Als sie sich dem Hofe näherten, sahen sie die Kin der daselbst spielen. Er fragte den Eigentümer des Hauses: »Wem gehören die Kinder?« Dieser erwiderte: »Es sind die meinigen.« »Lüge nicht,« sprach der Häuptling, »sage mir die Wahrheit, denn ich frage mit allem Recht danach.« Da erschrak jener und dachte: »Warum fragt er so?« »Ich will es wissen, denn diese Kinder sind nicht die deinigen, es sind die Kinder meines Freundes; wenn Du noch weiter lügst, so gehört Dein Kopf mir, denn ich bin der Häuptling dieses Landes.« Dann nahm er die Kleider ab, und jetzt erst erkannte dieser ihn und sprach: »Wahrlich, Du bist der reiche Häuptling.« Darauf sagte er: »Dies sind die Kinder Deines Freundes, aber er sagte mir, sprich zu niemand davon, denn er liebt seine Kinder. Er wollte jedoch so thun, als ob er Deinem Befehle gehorche, deshalb versteckte er sie und sagte Dir, dass er sie getötet habe.«

Der reiche Häuptling stand auf, ging nach seinem Hause hin und rief seinen Freund mit Bitternis und Ärger im Herzen herbei und sprach zu ihm: »Was hatten wir miteinander verabredet? Wie kommst Du dazu, mich zu hintergehen und mir zu sagen, Du hättest Deine Kinder getötet und Du hast sie nicht getötet?« Er erwiderte: »Ich habe meine Kinder nicht getötet, denn ich liebe mein Blut, Du liebst das Deinige nicht; warum hast Du die Deinigen nicht bei Seite gebracht?« Er sagte: »Nein, wir hatten beschlossen unsere Kinder zu töten, Du warst damit einverstanden, dass wir sie töteten, jetzt habe ich die meinigen getötet, warum Du nicht die Deinigen?« »Ich wollte so thun, als ob ich Deinem Befehle gehorche, deshalb sagte ich Dir: ›Ich habe sie getötet.‹ Denn Du hast mich dazu mit Gewalt gedrängt, dass wir die Kinder töten sollten, ich war nicht damit einverstanden; als Du mich mit Gewalt dazu zwangst, antwortete ich Dir: ›Thue, was Dir beliebt.‹« Jener erwiderte: »Bringen wir nunmehr unsere Angelegenheit vor das Gesetz zur Beurteilung; der, welcher überführt wird, den wird das Gesetz bestrafen.« »Gut«, sagte er, »so gehen wir.«

Der Richter fragte sie: »Was ist Euer Anliegen?« Der reiche Häuptling sprach: »Wir haben eine Klage, mein Freund und ich. Ich hatte meinem Freunde vorgeschlagen: ›Wenn wir Söhne bekommen sollten, so wollten wir sie töten‹; er erklärte sich damit einverstanden. Wir bekamen Söhne und ich tötete die meinigen und er versteckte die seinigen. Warum hat er sie nicht getötet? Wir wollen nun, dass das Gesetz entscheide.« Der Richter schaute in das Gesetzbuch und fragte den armen Häuptling: »Wie kam es, dass Du die deinigen nicht tötetest?« Er antwortete: »Ich liebe meine Kinder, deshalb habe ich sie nicht getötet; wenn ich sie nicht liebte, auch dann würde es sich nicht schicken sie zu töten, denn es sind Menschen kinder wie ich, und noch dazu meine Kinder. Ein vernünftiger Mensch macht auch keinen Vorschlag wie den: ›Wenn Du einen Sohn bekommst, so töte ihn.‹ Ich sagte dem reichen Häuptling: ›Dieses Vorhaben ist nicht gut‹; aber er hörte nicht darauf, sondern sagte: ›Ich will es‹. Ich wollte ihn nicht in Zorn versetzen, daher antwortete ich und sagte ihm: ›Gut, thue wie es Dir beliebt.‹ Das that er auch und tötete seine Kinder, während ich die meinigen in Verwahr brachte; jeder Mensch kann in seinem Hause machen, was er will.«

Der arme Häuptling hatte das Gesetz für sich, während es für den reichen Häuptling Strafe anzeigte. Der Richter überlegte – ich werde eine Versöhnung zu stände bringen, und sprach zu dem armen Häuptling: »Teilt Euch in die Kinder, nimm drei Kinder und gieb sie dem reichen Häuptling, die andern vier behalte Du.« Der reiche Häuptling weigerte sich jedoch und sprach: »Nein, töten wir sie.« Der arme Häuptling erwiderte: »Ich töte meine Kinder nicht, mache einen andern Vorschlag, ich werde auf alles, was Du willst, eingehen, aber meine Kinder töte ich nicht.« Der reiche Häuptling sprach: »Wenn Du sie nicht töten willst, so verschaffe mir die Trommel mit dem siebenfachen Klang, dann werde ich auf Deine Kinder verzichten. Bringst Du mir aber die Trommel mit dem siebenfachen Klang nicht, so werde ich Dich und Deine Kinder töten.« Er antwortete: »Gut, ich werde hingehen und mich mit meinen Kindern beraten.«

Er rief seine Söhne zusammen und sprach zu ihnen: »Meine Kinder, der Sultan hat mich in seiner Hand, ich werde getötet und auch Ihr werdet getötet, wenn Ihr nicht vollführen könnt, was er verlangt; sonst werden wir alle getötet.« Die Söhne fragten: »Vater, was verlangst Du von uns? Alles, was Du wünschest, werden wir, so Gott will, vollbringen.« Er antwortete: »Es handelt sich um eine Trommel mit siebenfachem Klang, sie ist an einem gefährlichen Ort und zwar bei dem Sultan der bösen Geister.« Sie sprachen: »Gut, Vater, baue uns ein Schiff, wir wollen dahin reisen.« Der Vater besorgte das Fahrzeug und die Söhne bereiteten ihre Reise vor. Der reiche Häuptling sprach alsdann zu dem armen: »Wenn Deine Kinder nicht mit der Trommel mit dem siebenfachen Klang zurückkehren, so gehört Dein Leben mir, ich werde Dich töten.« Er rief seine Söhne zusammen und sprach zu ihnen: »Stellt Euch nicht dumm an! Wenn Ihr nicht zurückkehrt, so werde ich getötet.« Die Kinder verstanden die Worte ihres Vaters; dann reisten sie ab und blieben zwei Jahre lang.

Nach einer Seefahrt von zwei Monaten erreichten sie Land. Sechs von ihnen stiegen an Land, während der jüngste, Msiwanda, im Fahrzeug zurückblieb. Die ans Land gegangen waren, kehrten erst am zweiten Tage zurück. Msiwanda ward ärgerlich und sprach zu ihnen: »Meine Brüder, wir sind nicht hierhergekommen, um zu scherzen, wir suchen etwas um unserm Vater das Leben zu erhalten.« Das ärgerte seine Brüder und sie begannen ihn zu schlagen und zu beschimpfen, weil er ihnen die Wahrheit gesagt hatte. Er sprach zu ihnen: »Lasst uns Weiterreisen.« Sie hissten die Segel und fuhren nach einem andern Lande.

Als sie dort in einem Hafen anlangten, stiegen seine Brüder an Land und liessen Msiwanda mit Uledi, dem jüngsten Schiffsjungen, an Bord zurück. Sie fanden Tanz und Belustigungen in der Stadt und blieben ungefähr drei Tage, ohne an Bord zurückzukehren. Ihr Bruder Msiwanda ärgerte sich und schickte Uledi aus: »Geh und sage ihnen, sie sollen kommen, damit wir Weiterreisen können, denn wir sind nicht zum Vergnügen hierher gekommen, wir haben Geschäfte.«

Uledi ging an Land und traf dieselben beim Tanze, wie sie mittanzten. Er rief alle zusammen und sprach zu ihnen: »Euer Bruder ruft Euch, Ihr möchtet an Bord zurückkehren.« Sie kamen an Bord und fragten ihn: »Wozu lässt Du uns rufen?« Er erwiderte: »Ich will die Segel hissen und Weiterreisen, um der Arbeit nachzugehen, wozu ich ausgezogen bin.« Darauf ergriffen sie ihn, banden ihn an den Mastbaum und schlugen ihn und sprachen: »Bist Du von Sinnen? Willst Du uns Befehle geben, uns, Deinen älteren Brüdern?« Er antwortete: »Nein, ich will Euch nicht befehlen, sondern ich bin besorgt um unsern Vater, damit er nicht getötet werde. Wir sind doch übereingekommen und haben uns verbürgt, ihn, wenn wir können, zu retten, dass er nicht getötet werde. Jetzt kommt Ihr hierher und geht den Belustigungen nach. Solches wird unserm Vater nicht gefallen, wenn er es erfährt; aber macht nur, was Ihr wollt, ich sage Euch die Wahrheit, wenn Ihr mich auch schlagt, das macht nichts; nur bei unserm Vater und unserer Mutter ist wahre Zufriedenheit zu erlangen.«

Sie reisten weiter, bis sie in ein Land kamen, welches das Ziel ihrer Reise war. Daselbst war eine schöne Stadt. Sie stiegen aus und begaben sich in die Stadt, um nach der Trommel mit dem siebenfachen Klang zu fragen. Als sie an Land kamen, fanden sie es wunderbar schön in der Stadt. Sie gesellten sich zu ihren Altersgenossen, gingen mit ihnen zu den Belustigungen und gewöhnten sich so an die Stadt, dass sie weder an ihren Vater noch an ihre Mutter dachten.

Msiwanda war ganz betrübt und sprach zu ihnen: »Ihr seid ausgezogen, um etwas zu suchen, damit Ihr Euren Vater von der Unruhe und der Strafe befreiet, jetzt seid Ihr hierhergekommen und lasst Euch in aller Ruhe nieder, Ihr habt die Zufriedenheit Eures Vaters und Eurer Mutter verscherzt.« Darauf jagten sie Msiwanda fort und sprachen: »Geh Deiner Wege.«

Msiwanda machte sich auf und kam zu dem Hause einer alten Frau. Daselbst mietete er ein Zimmer. Am zweiten Tage fragte er die Alte: »Bitte, sage mir, wo ist die Trommel mit dem siebenfachen Klang?« Die Alte erschrak und sprach zu ihm: »O, mein Sohn, wozu fragst Du danach?« Er erwiderte: »Ich will hin und sie holen.« Die Alte lachte ihn aus und sprach: »Sie ist im Lande der bösen Geister, dort geht niemand hin; wenn jemand hingeht, kehrt er in seinem Leben nicht wieder zurück.« Er erwiderte: »Bitte, sage es mir, dann werde ich Dir auch die ganze Geschichte erzählen, weshalb ich hierhergekommen bin.« Die Alte gab ihm darauf eine Beschreibung von jeder Stadt, wo er hingehen sollte, und ausserdem Anweisungen, wie er es anzustellen habe. Msiwanda erzählte ihr alles von seinem Vater und wie seine Brüder ihn verstossen hatten. Er sprach zu ihr: »Ich will unter allen Umständen diese Trommel haben, und, wenn ich sie bekomme, werde ich Dir Reichtümer in Ueberfluss geben.« Die Alte war erfreut und sprach zu ihm: »Ich werde Deine Reise vorbereiten.« Sie machte ihm für die Reise geröstete Hirse, Honig von Bienen und geröstete Maiskolben zurecht, steckte alles in seinen Reisesack und gab ihm eine Kalebasse mit Wasser und sprach zu ihm: »Mache Dich auf den Weg, und wenn Du Leute knurren hörst, gehe nicht weiter, sondern bleibe. Hörst Du sie sprechen, so gehe hin, denn sie schlafen.«

Der Jüngling machte sich auf den Weg und ging Tag und Nacht, ohne zu schlafen, denn er dachte an seinen Vater und seine Mutter. Wenn er sie knurren hörte, so sollte er bleiben und warten, bis sie anfingen zu sprechen. So kam er an einen Ort und fand ein Haus. Das Haus war gross, aber es war kein Mensch zu sehen. Er ging im ganzen Hause herum, da stiess er plötzlich auf eine sehr sehr alte Frau. Als diese ihn sah, erschrak sie und sprach: »Mein Sohn, wo gehst Du hin?« Er erwiderte: »Ich suche die Trommel mit dem siebenfachen Klang.« Die Alte sprach: »Wenn Du diese Trommel suchst, so ist es besser, Du kehrst zurück und ziehst wieder Deines Weges; die Eigentümer derselben sind noch nicht da, ich glaube, sie sind unterwegs hierher.« Und weiter sprach sie: »Komme schnell, damit ich Dich verstecke.« Sie nahm ihn, steckte ihn in einen dunklen Gang, deckte ihn mit Mattensäcken zu und sprach zu ihm: »Verhalte Dich ruhig, sprich kein Wort, atme kaum, denn wenn diese kommen und Dich verspüren, werden sie Dich suchen und töten.«

Die Unholde traten in das Haus ein. Als sie kamen, riefen sie die Alte und sprachen: »Warum ist hier ein anderer Geruch im Hause? Vielleicht hast Du jemand versteckt? Ist ein Menschenkind hierhergekommen in dieses Haus?« Die Alte erwiderte: »Ich weiss nicht, ich habe niemand gesehen.« Der Jüngling hörte alles und zitterte in seinem Versteck. Die Alte sprach zu den Unholden: »Vielleicht habt Ihr unterwegs einen Menschen ergriffen, wer sollte sonst in dieses Haus kommen?« Die Geister gaben zu, dass sich niemand im Hause befinde. Alsbald zogen sie ihrer Wege.

Sie ging dann hin und holte den Jüngling aus dem dunklen Gange hervor und sprach zu ihm: »Komm schnell und schau Dir die bösen Geister an, das sind die Besitzer der Trommel mit dem siebenfachen Klang.« Der Jüngling sprach zu ihr: »Wenn Du mir die Trommel verschaffst, gebe ich Dir 10000 Realen und einen Topf mit Bienenhonig.« Sie erwiderte: »Gieb mir die Hälfte davon jetzt, dann werde ich Dir sagen, wie Du in Besitz der Trommel mit dem siebenfachen Klang kommst.« Er gab ihr 5000 Realen und einen halben Topf mit Bienenhonig. Dann rief sie ihn herbei und sprach zu ihm: »Siehst Du dort den Platz, wo die Trommel ist? Schau' auf jenem Hügel steht ein Mastbaum und an demselben ist die Trommel oben aufgehängt; die Besitzer schlafen darunter. Wenn Du die Trommel haben willst, so nimm den gerösteten Mais, Deinen Honig und die Kalebasse mit Wasser, stecke alles zu Dir und gehe langsam, bis Du dort anlangst. Wenn Du knurren hörst, so gehe nicht; hörst Du aber Geschrei, so steige auf den Mast und hole die Trommel herunter. Hörst Du, dass sie knurren, so bleibe oben auf dem Mäste; schreien sie ›der da, der da, folge ihm, greif ihn, schlage ihn‹, so nimm langsam die Trommel und geh Deiner Wege. Hörst Du nun, dass alles still ist, so wisse, dass sie Dir folgen. Schütte ihnen alsdann Honig hin. Wenn Du merkst, dass sie Dich eingeholt haben und Dich ergreifen wollen, so lasse geröstete Hirse fallen. Wenn sie Dir sehr auf der Ferse sind, giesse das Wasser aus der Kalebasse aus, dann wird ein Meer entstehen, so dass sie Dich nicht ergreifen können.«

Er machte sich auf den Weg und als er hörte, dass sie knurrten, machte er Halt und setzte sich. Als sie Lärm schlugen, ging er hin, kletterte auf den Mast und ergriff die Trommel mit dem siebenfachen Klang. Wie er sie anfasste, begann sie mit grossem Geräusch zu ertönen und die Unholde schrien: »Der da, der da, greif ihn, folge ihm, schlage ihn.« Als sie dann stille waren und aufstanden, um nach ihrer Trommel auf dem Mäste zu sehen, war sie verschwunden.

Der Jüngling war schon weit damit. Sie folgten ihm schnell, verhielten sich ganz ruhig und näherten sich ihm, dass sie ihn fast ergreifen konnten. Da goss er den Bienenhonig aus. Sie blieben stehen und leckten ihn auf. Dann folgten sie ihm wieder und als sie ihn ergreifen wollten, schüttete er ihnen die geröstete Hirse hin. Sie lasen dieselbe auf. Als sie darauf die Verfolgung fortsetzten, zerbrach er die Kalebasse mit Wasser, da entstand ein Meer, so dass sie ihm nicht folgen konnten. Der Jüngling hatte also die Trommel mit dem siebenfachen Klang bekommen.

Er begab sich zu seinen Brüdern und sprach zu ihnen: »Ich habe die Trommel mit dem siebenfachen Klang bekommen.« Seine Brüder freuten sich und sprachen: »Lasst uns heimkehren.« Sie bestiegen ihr Schiff, hissten die Segel und fuhren heimwärts. Msiwanda aber sprach zu Uledi: »Nimm die Trommelstöcke, verstecke sie bei Dir und den Strick zum Festbinden gleichfalls, und bringe dies, wenn meine Brüder mich töten sollten, später zu meinem Vater.«

Bald darauf merkten seine Brüder, dass Msiwanda und Uledi zusammenhielten, und sie hielten Rat und sprachen: »Lasst uns beide töten und die Trommel nehmen und sagen, wir hätten sie bekommen, Msiwanda sei davongelaufen, da er nicht mit in das Reich der bösen Geister gehen wollte.« Sie warfen Msiwanda und Uledi ins Meer. Strick und Trommelstöcke hatte Msiwanda jedoch zu sich gesteckt; nämlich andere Stöcke als diese taugten nichts zu dieser Trommel.

Msiwanda und Uledi hatten sich durch Schwimmen gerettet, bis sie in ein Land des Islams kamen. Dort fanden sie ein Boot und mieteten dasselbe. Seine Brüder waren unterdes heimwärts gefahren. Als sie ankamen, sagten sie: »Wir haben die Trommel mit dem siebenfachen Klang bekommen.« Ihr Vater freute sich und fragte: »Wo ist denn Msiwanda?« Denn er liebte ihn mehr als alle anderen. Sie antworteten: »Msiwanda ist mit Uledi davongelaufen, er sagte, er wolle nicht ins Reich der bösen Geister gehen; wir sind aber hingegangen und haben die Trommel bekommen.«

Sie begaben sich nun zum reichen Häuptling und sprachen: »Wir haben die Trommel mit dem siebenfachen Klang bekommen.« Er erwiderte: »Gut, so schlagt sie, damit ich ihren Klang höre. Sie nahmen andere Trommelstöcke und schlugen sie, aber sie klang nicht, wie sie es sonst gethan, sondern gab Töne, die nicht zu verstehen waren.« Da sprach der reiche Häuptling: »Das ist nicht die Trommel, noch habt Ihr sie nicht gebracht« Ihrem Vater aber kam plötzlich der Gedanke, vielleicht haben sie Msiwanda getötet. Genug der reiche Häuptling sagte: »Wenn ich bis morgen die Trommel nicht habe, werde ich Euch alle töten.« Sie hatten also nur noch einen Tag zu leben.

Zwei Stunden bevor sie getötet werden sollten, sahen sie plötzlich ein Boot in der Ferne kommen. Ihr Vater war sehr betrübt in seinem Herzen, als sie vor den reichen Häuptling geführt wurden, um getötet zu werden. Der arme Häuptling sprach: »Habe Geduld bis jenes Boot gekommen ist, vielleicht erhalte ich noch eine Nachricht von Msiwanda.« Der Aufschub wurde ihm bewilligt und man wartete das Boot ab. Als es näher kam, erkannten sie Msiwanda und Uledi.

Sobald Msiwanda gelandet war, berichtete er alles Geschehene, dass er die Trommel bekommen und seine Brüder ihm dieselbe abgenommen und ihn ins Meer geworfen hätten. Seine Brüder verkrochen sich vor Scham. Dann holte er die Trommelstöcke und den Strick hervor, befestigte die Trommel, und schlug sie mit ihren Stöcken, da ertönte sie plötzlich mit ihrem siebenfachen Klang. Jedermann musste tanzen, ob er wollte oder nicht, so schön war ihr Klang. Sogar die beiden Häuptlinge tanzten und sprachen: »Das ist die Trommel, welche wir haben wollten.«

Msiwanda erzählte nun, was seine Brüder ihm angethan, wie sie ihn geschlagen und von sich gestossen und wie er in Besitz der Trommel gekommen war. Sein Vater freute sich und gab ihm seine Zufriedenheit zu erkennen. Seine Brüder aber jagte er fort. Der reiche Häuptling übergab Msiwanda seine Herrschaft und er regierte weise.


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