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Der Flucher in der Johannisnacht - Märchen von Milena Preindlsberger-Mrazovic: Bosnische Volksmärchen


Der Flucher in der Johannisnacht

Es traf sich einmal so, daß dem Johannisfeste, das die Katholiken so hoch halten, ein Sonntag voranging, und an diesem brach nun ein Bauer früh morgens auf, um rechtzeitig das Städtchen zu erreichen und dort die heilige Messe zu hören. Er nahm auch seinen Esel mit, da er in der Stadt allerhand für den Hausbedarf zu kaufen gedachte. Während der Messe betete er recht andächtig zum heiligen Johannes, um ein kleines bischen Reichtum. Und wahrlich: wems Gott nicht gibt, dem gibts der Heilige auch nicht. .. Wozu auch braucht der Bauer Geld? Einen fetten Ochsen läßt man doch nicht leben. ..

Nachdem der Bauer seine Besorgungen gemacht und alles auf dem Esel aufgeladen hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einen Schluck Pflaumenbranntweins zu trinken. Er band also den Esel an einen Zaun und trat ins Wirtshaus. Der Branntwein mundete ihm; er trank noch einen Schluck, und es fiel ihm so mancherlei ein. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, hielt die Augen nur gerade so weit offen, daß er das Branntweinkrüglein sehen konnte, und sang in langgezogenen, leisen Tönen, die sich anhörten, wie das einförmige Surren einer Gusle,1 vor sich hin, von Leid und Freud, von Schmerz und Lust, wie's ihm gerade durch Herz und Kopf fuhr. Dicke Tränen rollten ihm dabei in den buschigen Schnauzbart, und damit war es ihm sicher ernst: denn ohne Grund kann man wohl lachen, aber nicht weinen. Die Sonne stieg und brannte auf dem heißen, braunen Gesichte, ohne daß er es gewahr wurde. Aber als der kühle Abendwind darüber strich, da fuhr er erschrocken auf. Nun galt es heim zu kommen. Er band den Esel los. Munter schritt dieser voraus; mit schweren Tritten ging der Bauer hinterdrein.

Der Vollmond machte die Nacht taghell. Auf den Bergen flammten da und dort mächtige Johannisfeuer. Der Bauer schaute und schaute, achtete dabei nicht des Weges, und stolperte und stolperte, und da ihm das lästig war, so fluchte er gedankenlos, trotz der heiligen Johannisnacht. Eben kam er an einem gewaltigen Steinhaufen, einem alten Heidengrab, vorbei, und ringsum streckte der klippenreiche Felsgrund seine dürren, wie weißes Gebein schimmernden Stümpfe aus dem ihn leicht verhüllenden, dunklen Erdreich. Plötzlich scheute der Esel und stieß ein jammervolles »Nji-ha« aus. »Tschusch! – tschusch!. ..« trieb der Bauer das Tier an und schwang fluchend den Stock. Da, was war das? Ein kleines Flämmchen hüpfte über den Stock und flackerte in grünlichem Lichte zwischen dem weißen Gestein. Kalt überlief es den Bauer. Er erinnerte sich an verschiedenes, das an den langen Winterabenden die alten Mütter erzählen. Sollte da wirklich ein Schatz zu heben sein!?. .. Mit zitternden Händen suchte er aus dem Gepäck den Essigkrug hervor und goß den Inhalt auf das Flämmchen. Dieses erlosch, und gelbes Gold blinkte ihm entgegen. Gierig griff er darnach und füllte damit den Rucksack, welcher so schwer ward, daß er ihn nicht tragen konnte und ihn dem zitternden Esel aufladen mußte. So schritten sie weiter in die Vollmondnacht hinein. Der Bauer war still und versuchte zu beten. Und wieder scheute der Esel. Am Wege saß ein alter Mann mit unterschlagenen Beinen und rauchte aus einer Pfeife. – »Stoj!! Halt!« rief der Alte, »gib mir mein Gold zurück!« Und er griff nach dem aufschreienden Tiere. Da zog der Bauer das Messer aus dem Gürtel und stieß es dem Alten in den Leib. Unbeweglich blieb dieser sitzen, und wankend liefen Bauer und Esel weiter.

Und ihr schwarzer Schatten lief in dem weißen Mondlichte vor ihnen her.


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