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Lumpenkind - Märchen von Anna Kellner: Englische Märchen


Lumpenkind

In einem großen Palaste am Meere lebte einmal ein reicher alter Edelmann, der hatte weder Frau noch Kinder, nur eine kleine Enkelin, deren Gesicht er noch nie angesehen hatte; denn er hasste sie bitter, weil bei ihrer Geburt seine Lieblingstochter gestorben war. Als die alte Kinderfrau ihm das kleine Mädchen brachte, da schwur er, dass er das Kind niemals ansehen würde.

So saß er denn Tag aus Tag ein an seinem Fenster, das auf die See hinausgieng, und weinte heiße Thränen um seine todte Tochter; dabei wurde sein weißes Haupt- und Barthaar so lang, dass es auf den Boden niederhieng, und seine Thränen flossen auf das Fenstersims und höhlten den Stein aus und ergossen sich als ein kleines Bächlein in das Meer.

Mittlerweile wuchs seine Enkelin heran, ohne dass sich jemand um sie kümmerte; nur die alte Kinderfrau gab ihr manchmal verstohlen einige Überbleibsel aus der Küche oder einen zerrissenen Unterrock aus dem Lumpensack, während die anderen Dienstboten sie mit höhnischen Reden und Schlägen aus dem Hause trieben, mit den Fingern auf ihre bloßen Füße und Schultern zeigten und ihr »Lumpenkind!« nachriefen, bis sie weinend davonlief und sich in den Büschen verbarg.

So wuchs sie auf ohne genügende Nahrung und Kleidung und verbrachte die Tage in Feld und Wald. Ihr einziger Gefährte war der Gänsehirt; der blies ihr, wenn sie Hunger oder Kälte oder Müdigkeit empfand, so lustige Weisen auf seiner Schalmei vor, dass sie all ihren Kummer vergaß und zu tanzen begann, während das Schnattern der Gänse sie begleitete.

Eines Tages kam die Kunde, dass der König durch das Land ziehe und in der benachbarten Stadt einen großen Ball für alle Edlen des Reiches geben werde, und dass der Prinz, sein einziger Sohn, sich da unter den Töchtern des Landes eine Braut wählen würde.

Auch in den Palast am Meere kam eine königliche Einladung, und die Diener brachten sie ihrem Herrn, der saß wie immer am Fenster, eingehüllt in sein langes weißes Haar, und seine Thränen flossen in das kleine Bächlein.

Aber als er von dem Befehle des Königs hörte, da trocknete er seine Thränen und ließ sich prächtige Gewänder und Edelsteine bringen, die legte er an und befahl, sein weißes Pferd zu satteln und mit Seide und Gold zu schmücken, denn er wollte dem König entgegenreiten.

Inzwischen hatte auch Lumpenkind von den großen Festlichkeiten in der Stadt gehört, und weinend saß sie bei der Küchenthür, denn sie konnte nicht hingehen und all die Herrlichkeiten mit ansehen. Als die alte Kinderfrau sie laut schluchzen hörte, da gieng sie zu ihrem Herrn und bat ihn, seine Enkelin auf den Ball mitzunehmen.

Er aber runzelte die Stirn und befahl ihr, zu schweigen und die Dienstboten lachten und sagten: »Lumpenkind ist ganz zufrieden, lass sie mit dem Gänsehirten spielen – zu etwas anderem passt sie nicht.«

Noch ein zweites und drittesmal bat die alte Kinderfrau den Lord, er möge das Mädchen mitgehen lassen, aber sie bekam nur finstere Blicke und zornige Worte zur Antwort, und endlich trieben die anderen Dienstboten sie mit Stößen und spöttischen Reden fort.

Weinend, dass sie so wenig ausgerichtet hatte, wollte sie Lumpenkind wieder aufsuchen, aber die Köchin hatte das arme Mädchen inzwischen fortgejagt, und sie war zu ihrem Freunde, dem Gänsehirten, gelaufen. Dem erzählte sie, wie unglücklich sie sei, dass sie nicht mitdürfe auf den Ball des Königs.

Als sie dem Gänsehirten ihr Leid geklagt hatte, da bat er sie, guten Muthes zu sein, und schlug ihr vor, mit ihm in die Stadt zu gehen, um den König und alle Herrlichkeiten zu sehen. Da blickte sie traurig auf ihren zerlumpten Rock und ihre nackten Füße nieder. Aber der Gänsehirt begann sofort eine lustige Melo die auf seiner Schalmei zu blasen, so dass sie all ihren Kummer vergaß, und bevor sie sichs recht versah, hatte er ihre Hand gefasst, und sie tanzten zusammen, die Gänse voraus, die Straße hinab, welche zur Stadt führte.

Sie waren noch nicht weit gekommen, da ritt ein schöner Jüngling in prächtiger Kleidung auf sie zu und bat sie, ihm den Weg in das Schloss zu zeigen, in welchem der König Wohnung genommen hatte. Als er hörte, dass auch sie dorthin giengen, stieg er vom Pferde und schritt neben ihnen daher.

Während der Hirtenknabe seine Schalmei hervorholte und leise eine liebliche Melodie zu blasen begann, wendete der Fremde keinen Blick von dem holden Gesichte des Mädchen. Er entbrannte so sehr in Liebe zu ihr, dass er sie bat, seine Frau zu werden.

Sie aber lachte und schüttelte den Kopf mit den goldenen Locken. »Man würde Euch schön auslachen, nähmet Ihr ein Gänsemädchen zur Frau,« sagte sie: »freit um eine der hohen Damen, die Ihr heute Abend auf dem königlichen Balle sehen werdet, und macht Euch nicht über das arme Lumpenkind lustig!«

Je mehr sie ihn abwies, desto süßere Melodien ertönten auf der Schalmei, und desto heißer wurde die Liebe des Jünglings. Er bat sie endlich, wie sie war, in ihrem zerrissenen Rock, mit bloßen Füßen und in Begleitung des Hirtenknaben und seiner Gänse um Mitternacht auf den Ball des Königs zu kommen, da wolle er in Gegenwart des Königs und der edlen Damen und Herren mit ihr tanzen und sie allen als seine geliebte Braut vorstellen.

Als Mitternacht herankam und der Saal im Schlosse in blendendem Lichte strahlte und liebliche Musik erklang und die Damen und Herren sich in fröhlichem Tanze schwangen, da trat mit dem Schlage zwölf Lumpenkind, von dem Gänsehirten und der schnatternden Gänseschar gefolgt, in den Saal. Bei dem Anblicke begannen die Damen leise zu flüstern, die Herren lachten und der König blickte erstaunten Blickes auf.

Lumpenkind war nun nahe am Throne, da erhob sich ihr Freier, der an der Seite des Königs saß, und kam ihr entgegen. Er fasste sie an der Hand, küsste sie dreimal in Gegenwart aller und wandte sich dann zum Könige.

»Vater,« sagte er – denn es war der Prinz – »ich habe meine Wahl getroffen, und dies hier ist meine Braut, die lieblichste, holdeste Jungfrau im ganzen Lande!«

Bevor er noch seine Worte beendet, hatte der Hirtenknabe seine Schalmei an die Lippen gesetzt und eine leise Melodie zu blasen begonnen, die klang wie das Lied eines Vögleins im fernen Walde; und während er blies, verwandelten sich plötzlich die Lumpen der Jungfrau in herrliche, mit glänzenden Edelsteinen besäete Gewänder, eine goldene Krone erstrahlte aus ihrem goldenen Haar, und aus der Gänseherde war eine Schar niedlicher Pagen geworden, welche die lange Schleppe trugen.


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