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Ein halber Mensch - Märchen von Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal


Ein halber Mensch

Ein Rumäne hatte drei Söhne. Diese schickte er einmal in die Mühle mit einer Fuhre Frucht und befahl ihnen, sie sollten sich nicht unterstehen, in ein Wirtshaus am Wege einzukehren, da wäre es nicht geheuer. Sie brachen alle drei auf, als sie aber an das Wirtshaus kamen, sprach der älteste: »Ihr Brüder, kommt, wir gehen nur ein wenig hinein, trinken eine Portion Branntwein, kommen schnell wieder heraus und gehen dann unsern Weg.« Aber der jüngste sagte: »Ihr Brüder, immer sollen wir einem alten Mann gehorchen, wir gehen nicht hinein, es ist nicht gut.« – »Na, hör jetzt, was der Kleine sagt, bleibt hier, ich versuche es.« Er ging hinein, und als er drinnen war, stand in der Stube ein halber Mensch am Ofen und briet einen ganzen Menschen mit den Augen auf dem Feuer. »Guten Tag, halber Mensch.« – »Ich danke, ganzer Mensch.« – »Du halber Mensch, brätst einen ganzen Menschen mit den Augen auf dem Feuer.« – »Auch dich brate ich, wenn du mir nicht die Mär erzählst, welche du weißt, die niemand weiß.« – »Wie soll ich dir die Mär erzählen, die ich weiß, die niemand weiß?« – »Wenn du sie nicht weißt, so komm.« Er nahm ihn und band ihn an eine Säule mitten in die Stube.

Als der älteste nicht mehr herauskam, ging der mittlere, um nach ihm zu sehen. »Guten Tag, halber Mensch.« – »Ich danke, ganzer Mensch.« – »Du halber Mensch, brätst einen ganzen Menschen mit den Augen auf dem Feuer.« – »Auch dich brate ich, wenn du mir nicht die Mär sagst, die du weißt und die nicht ist.« – »Wie soll ich dir denn diese Mär erzählen?« Auch diesen band der halbe Mensch an eine Säule mitten im Zimmer.

Der jüngste hütete den Wagen mit der Frucht, und als er sah, daß keiner von seinen Brüdern zurückkam, dachte er sich, es wäre etwas Schlechtes geschehen und er solle jetzt doch auch nach ihnen sehen, um sie zu befreien. Als er hineinkam, sah er gleich seine Brüder an der Säule gebunden, und der halbe Mensch stand noch immer am Herd und briet den ganzen Menschen mit den Augen am Feuer. »Guten Tag, halber Mensch.« – »Ich danke, ganzer Mensch.« – »Du halber Mensch brätst einen ganzen Menschen mit den Augen auf dem Feuer, und meine Brüder hast du angebunden in die Mitte der Stube.« – »Auch dich brate ich, wenn du mir nicht sagst die Mär, welche du weißt, die nicht ist.« – »Ich will dir die Mär erzählen, aber wenn du sagst, es ist nicht so, dann brate ich dich. Dein Vater wurde mit meinem Vater Busenfreund, sie waren beide Esel.« Als der jüngste diese Worte sagte, war es, als stäche jemand in den halben Menschen, aber er hielt an sich, damit ihn der ganze nicht brate. Dann erzählte dieser weiter: »Da sie nun beide Esel waren, hatten sie sich vorgenommen, in die Hölle zu gehen und Töpfer zu werden. Und sie gingen auch in die Hölle und machten den Teufeln Töpfe und Krüge.« Hierüber wurde der halbe Mensch so zornig, daß er schrie: »Du lügst, du lügst, mein Vater war nie Töpfer.« – »Nun, ich habe dir ja eine Mär gesagt, die nicht war, komm jetzt nur, daß ich dich ins Feuer werfe«, und schnell warf er ihn ins Feuer. Dann band er seine Brüder frei, und sie zogen in die Mühle-Aber seitdem gehorchen sie ihren Eltern.



Jacob Jancu, Alzen


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