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Die Reise des Maelduin - Märchen von Ernst Tegethoff: Märchen, Schwänke und Fabeln


Die Reise des Maelduin

Es war einmal ein berühmter Mann vom Stamme der Owenaght namens Allil Ocar Aga. Als er einst ohne Schutz in seinem Hause war, landete eine Schar Plünderer an der Küste und verwüstete sein Gebiet. Allil floh, um in der Kirche von Dooclone eine Zuflucht zu suchen, aber die Räuber folgten ihm dorthin, erschlugen ihn und verbrannten die Kirche über seinem Kopfe. Nicht lange nach Allils Tod ward ihm ein Sohn geboren. Des Kindes Mutter gab ihm den Namen Maelduin, und da sie seine Geburt geheim zu halten wünschte, brachte sie es zur Königin des Landes, mit der sie eng befreundet war. Die Königin nahm den Knaben zu sich und gab ihn für ihren eigenen Sohn aus, und er wurde mit den Kindern des Königs aufgezogen. Als er zum Jüngling erwachsen war, entfalteten sich die edlen Eigenschaften seines Geistes: er war hochherzig und großmütig und er liebte alle Arten von männlichen Übungen. Eines Tages, als die jungen Leute bei ihren Spielen waren, wurde ein anderer Jüngling auf Maelduin neidisch und sprach zu ihm: »Es ist eine Schmach für uns, daß wir in jedem Spiel der Gewandtheit und Stärke eines unbekannten Burschen nachstehen müssen, dessen Vater und Mutter niemand kennt.« Als Maelduin dies hörte, hielt er sogleich im Spielen inne, denn bis zu diesem Augenblicke hatte er geglaubt, er sei wirklich der Sohn des Königs von Owenaght. Er ging zur Königin und erfuhr, daß er der Sohn des Allil Ocar Aga sei. Nun machte er sich auf und ging in das Gebiet seines Vaters, und die drei Königssöhne, seine Pflegebrüder, die ebenso edle und schöne Jünglinge waren wie er selbst, begleiteten ihn. Das Volk dieses Landes hieß ihn freudig willkommen und erwies ihm alle erdenklichen Ehren. Einige Zeit darauf geschah es, daß Maelduin sich mit einigen andern jungen Leuten auf dem Kirchhof von Dooclone im Steinwerfen übte. Da sprach einer der Burschen, der eine böse Zunge hatte, zu ihm: »Es würde dir besser ziemen, den Mann, der hier umkam, zu rächen, anstatt Steine über seine verbrannten Gebeine zu werfen.« »Wer war das?« fragte Maelduin. »Allil Ocar Aga, dein Vater,« erwiderte der andere. »Wer erschlug ihn?« fragte Maelduin. »Plünderer erschlugen ihn und verbrannten ihn in dieser Kirche,« entgegnete der Bursche, »und noch heute segeln sie mit ihrer Flotte umher.« Maelduin warf den Stein, den er in der Hand hielt, zu Boden, schlug den Mantel um sich und schnallte seinen Schild an. Darauf ging er zu einem Druiden, um dessen Rat für seinen Rachezug gegen die Seeräuber zu erbitten. Auf Anweisung des Druiden erbaute er einen großen Kahn und bemannte ihn mit genau 60 von seinen besten Leuten, unter denen sich seine Freunde Diuran und German befanden. An dem vom Druiden bestimmten Tage stach er in See. Als er erst wenig vom Lande entfernt war, sah er seine drei Pflegebrüder zum Strande herablaufen, die ihm Zeichen gaben und schrieen, er möge zurückkehren und sie an Bord nehmen, denn sie wollten mitfahren. »Wir werden nicht umkehren,« sagte Maelduin, »und ihr könnt nicht mitfahren, denn wir haben schon unsre vorgeschriebene Besatzung.« »Wir werden hinter euch her ins Meer schwimmen bis wir ertrinken, wenn ihr nicht unseretwegen umkehren wollt,« erwiderten sie, sprangen ins Meer und schwammen dem Kahne nach. Als Maelduin das sah, hielt er mit seinem Schiff auf sie zu und nahm sie an Bord, um sie nicht ertrinken zu lassen. – Sie segelten den Tag und die Nacht und den ganzen folgenden Tag, bis die Dunkelheit wieder einbrach, und um Mitternacht erblickten sie zwei kleine kahle Inseln mit zwei großen Häusern darauf in der Nähe des Ufers. Als sie näher kamen, hörten sie fröhliche Klänge und Gelächter, und das Geschrei der Trinkenden vermischte sich mit den lauten Stimmen der Krieger, die sich ihrer Taten rühmten. Sie horchten, ihrer Unterredung zu lauschen, und vernahmen, wie einer der Krieger zum andern sagte: »Laß mich gehen, denn ich bin ein besserer Krieger als du: ich erschlug Alill Ocar Aaga und verbrannte Dooclone über seinem Haupte, und nie hat es jemand gewagt, diese Tat an mir zu rächen.« Gerade wollte Maelduin sich dem Lande nähern, um die Räuber bei ihrem Gelage zu überfallen, als plötzlich ein gewaltiger Sturm losbrach. Die ganze Nacht und einen Teil des nächsten Tages wurden sie vom Sturm in den großen Ozean hineingetrieben, so daß sie weder die Inseln, die sie verlassen hatten, noch irgendein anderes Land sahen und nicht wußten, wohin sie fuhren. Da sprach Maelduin: »Nehmt die Segel ab, legt die Ruder bei und laßt den Kahn vom Winde treiben, wohin es Gott gefällt, uns zu führen,« und so geschah es. Darauf wandte er sich zu seinen Pflegebrüdern und sagte: »Dieses Unheil hat uns befallen, weil ich euch in den Kahn aufnahm und dadurch die Weisungen des Druiden übertrat.« – Sie gelangten nun zu mancherlei Inseln des Westmeeres, auf denen sie die größten Wunder schauten, die je Menschenauge gesehen: Da waren Enten so groß wie Fohlen, Apfelbäume von ungeheurer Größe, Tiere, die innen von Feuer glühten und seltsame Vogelscharen. Nachdem sie lange Zeit gerudert waren, ging ihnen ihr Vorrat an Speise aus, und sie hatten nichts zu essen und zu trinken; dazu mußten sie heftig unter der heißen Sonne leiden, und ihre Münder und Nasenlöcher waren gefüllt von dem Salzgeschmack der See. Zuletzt kamen sie in Sicht einer kleinen Insel, auf der sich ein großer Palast befand. Rings um den Palast zog sich eine hohe und ganz weiße Mauer ohne Fleck und ohne Riß, als ob sie aus gebranntem Lehm gebaut oder aus einem einzigen Kalkfelsen ausgehauen wäre, und da, wo sie zur See gerichtet war, erreichte sie eine solche Höhe, daß sie die Wolken zu berühren schien. Das Tor dieses Außenwalles war offen, und man erblickte eine Anzahl schöner, schneeweißer Häuser, die einen ebenen Hofraum umschlossen, auf den sie sich alle öffneten. Maelduin und seine Leute traten in das größte der Häuser und gingen durch verschiedene Räume, ohne jemand zu treffen. Als sie das Hauptgemach erreichten, gewahrten sie darin eine kleine Katze, welche zwischen einer Anzahl von niedrigen, viereckigen Marmorpfosten spielte; und ihr Spiel bestand darin, daß sie fortgesetzt von der Spitze des einen Pfeilers zur Spitze des andern sprang. Als die Männer in den Raum eintraten, schaute die Katze für einen Augenblick auf, kehrte aber dann sogleich zu ihrem Spiel zurück und bekümmerte sich nicht weiter um sie. Im Raume selbst sahen sie drei Reihen von Kostbarkeiten an der Wand vom einen Türpfosten zum andern aufgehäuft. Die erste war eine Reihe von goldnen und silbernen Busennadeln, deren Spitzen in der Wand steckten, während die Köpfe nach außen gekehrt waren; die zweite war eine Reihe von Spangen aus Gold und Silber, und die dritte eine solche von großen Schwertern mit goldenen und silbernen Griffen. Rund um den Raum befanden sich zahlreiche rein weiße und reichverzierte Lagerstätten. Reichliche Nahrung mancherlei Art war auf den Tischen ausgebreitet, darunter ein gekochter Ochs und ein gebratenens Schwein, ferner gab es da viele Trinkhörner voll guten berauschenden Bieres. »Ist dies Mahl für uns bereitet?« sagte Maelduin zu der Katze. Die Katze hörte die Frage, ließ von ihrem Spiele ab und schaute sie an, aber sogleich begann sie von neuem von einem Pfeiler zum andern zu springen. Darauf sagte Maelduin zu seinen Leuten, daß das Essen für sie bestimmt sei, und sie setzten sich alle nieder und aßen und tranken, bis sie satt waren, dann ruhten sie und schliefen auf den Lagerstätten. Als sie erwachten, gossen sie den Rest des Bieres in ein Gefäß und sammelten die Überreste der Speisen, um sie mitzunehmen. Wie sie gehen wollten, fragte Maelduins ältester Pflegebruder: »Soll ich eine von diesen Spangen mitnehmen?« »Keinesfalls«, sagte Maelduin, »es genügt, daß wir hier Speise und Ruhe gefunden haben. Nimm nichts weg, denn es ist sicher, daß dies Haus nicht ohne einen Hüter gelassen worden ist«. Der junge Mann schlug indessen Maelduins Warnung in den Wind und holte eine der Spangen herab, um sie mitzunehmen. Aber die Katze folgte ihm und holte ihn in der Mitte des Hofes ein. Wie ein zischender, blitzender Pfeil sprang sie auf ihn ein, fuhr durch seinen Körper hindurch und verbrannte ihn in einem Augenblick zu einem Haufen Asche. Darauf kehrte sie in den Raum zurück, sprang auf einen der Pfeiler und blieb darauf sitzen. Maelduin kehrte mit der Spange um, trat vor die Katze und sprach einige besänftigende Worte zu ihr. Darauf legte er die Spange wieder an den Platz, von wo sie fortgenommen worden war. Hierauf sammelte er die Asche seines Pflegebruders, brachte sie zum Strande und streute sie in die See. Sie alle kehrten an Bord ihres Kahnes zurück und setzten ihre Reise fort, indem sie ihren verlorenen Gefährten beweinten und Gott für seine Hilfe dankten. – Von hier gelangten sie zu weiteren wunderbaren Inseln, und auf einer derselben befanden sich viele Leute, die fortgesetzt weinten und klagten. Maelduins zweiter Pflegebruder ging an Land, aber sobald er die Insel betreten hatte, begann auch er sogleich zu weinen und zu klagen und mischte sich unter die Leute, so daß es nicht möglich war, ihn wieder herauszufinden. Noch viele andere Wunder erlebten sie, bis sie an ein Meer gelangten, das so dünn und durchsichtig war wie Nebel, und auf dem Grunde des Meeres gewahrten sie ein reiches Land mit vielen Landgütern, die von Hainen und Wäldern umgeben waren. Aber auf einem Baume saß ein wildes, schrecklich aussehendes Ungeheuer, das sich alsbald auf eine Herde Ochsen stürzte und den größten daraus verschlang. Da ergriff die Reisenden gewaltige Furcht und sie segelten weiter. Die nächste Insel, zu der sie kamen, war sehr groß. Auf einer Seite erhob sich ein hoher, glatter, heidebewachsener Berg, während die ganze übrige Insel von einer Grasebene bedeckt war. Nahe dem Ufer stand ein großes Schloß, das mit Schnitzereien und Edelsteinen verziert und stark befestigt war. Die Reisenden landeten, gingen zu dem Schloß und setzten sich, um auszuruhen, auf eine Bank an dem Torweg, der durch den äußeren Wall führte, von wo sie durch das offene Tor blicken konnten. Eine Anzahl wunderschöner junger Mädchen ließ sich im Hofe sehen. Nachdem sie einige Zeit da gesessen waren, erschien in einiger Entfernung ein Reiter, der schnell auf das Schloß zukam, und wie er sich näherte, bemerkten die Reisenden, daß es eine junge, schöne und reichgekleidete Frau war. Sie trug ein blaues, rauschendes Seidengewand, ein silbergefranster Purpurmantel hing um ihre Schultern, ihre Handschuhe waren mit Goldfäden gestickt und ihre Füße waren in enganliegende Scharlachsandalen eingeschnürt. Eines der Mädchen kam heraus und hielt ihr Roß, während sie abstieg und den Palast betrat, und bald nachdem sie hineingegangen war, kam eine der Jungfrauen auf Maelduin und seine Genossen zu und sprach: »Ihr seid willkommen auf dieser Insel! Kommt in das Schloß; die Königin hat mich gesandt, euch einzuladen; sie wartet darauf, euch zu empfangen.« Sie folgten dem Mädchen in das Schloß, wo sie die Königin willkommen hieß und freundlich empfing. Darauf führte sie die Reisenden in eine große Halle, wo ein prächtiges Mahl aufgetragen war; sie hieß sie niedersitzen und essen. Eine Schüssel erlesener Speisen und ein Kristallpokal mit Wein wurden vor Maelduin gesetzt, während je drei seiner Genossen eine Schüssel und eine Trinkschale mit dreifacher Menge von Speise und Trank vorgesetzt erhielten. Nachdem sie sich satt gegessen und getrunken hatten, gingen sie, auf weichen Lagern bis zum Morgen zu schlafen. Am nächsten Morgen wandte sich die Königin an Maelduin und seine Gefährten: »Bleibt jetzt in diesem Lande und schweift nicht länger über den weiten Ozean von Insel zu Insel. Alter und Krankheit soll hier nie über euch kommen, sondern ihr sollt stets so jung bleiben wie ihr jetzt seid, und ewig sollt ihr ein Leben voll Freude und Wonne führen.« »Sage uns,« sprach Maelduin, »wie ihr euer Leben hier verbringt.« »Der gute König, der früher über diese Insel herrschte,« antwortete die Königin, »war mein Gemahl und diese schönen jungen Mädchen, die ihr seht, sind unsere Kinder. Nach langer Regierung starb er, und da er keinen Sohn hinterließ, bin ich jetzt der einzige Herrscher der Insel. Und jeden Tag gehe ich zur großen Ebene, um des Rechts zu walten und Streit zu schlichten unter meinem Volke.« »Wirst du heute von uns gehen?« fragte Maelduin. »Ich muß notgedrungen gehen und das sogleich,« erwiderte sie, »um Recht zu sprechen unter meinem Volk. Ihr aber werdet in diesem Hause bleiben, bis ich am Abend wiederkomme; keine Arbeit noch Sorge soll euch hier behelligen.« Während der drei Wintermonate blieben sie auf dieser Insel, und diese drei Monate erschienen Maelduins Genossen so lang wie drei Jahre, denn eine heftige Sehnsucht nach ihrer Heimat hatte sie befallen. Nach Ablauf dieser Zeit sagte einer von ihnen zu Maelduin: »Wir sind lange Zeit hier gewesen; warum kehren wir nicht in unsere Heimat zurück?« »Was ihr da redet, ist weder gut noch verständig,« antwortete Maelduin, »denn in unserem Land wird es uns nie besser gehen als hier.« Aber diese Antwort befriedigte seine Gefährten nicht, und sie begannen laut zu murren. »Es ist klar,« sagten sie, »daß Maelduin die Herrin dieser Insel liebt, und da es so ist, so mag er hier bleiben; wir aber, wir wollen in unsere Heimat zurückkehren.« Aber Maelduin war nicht damit einverstanden, daß er zurückbleiben sollte, und er sagte, er wolle mit ihnen fortziehen. An einem bestimmten Tage, nicht lange nach dieser Unterredung, machten sie, sobald die Königin nach der großen Ebene gegangen war, um ihrer Gewohnheit nach Recht zu sprechen, ihren Kahn fertig und stachen in die See. Sie waren aber noch nicht sehr weit vom Lande entfernt, als die Königin zum Strande geeilt kam, und als sie sah, wie die Sache stand, ging sie in das Schloß und kehrte alsbald mit einem Fadenknäuel in der Hand zurück. Sie begab sich zum Ufer und schleuderte das Knäuel dem Kahne nach, indem sie das Ende des Fadens in der Hand behielt. Maelduin griff nach dem Knäuel, als es vorüberflog, und es blieb an seiner Hand kleben. Die Königin aber zog den Faden sanft an sich und zog damit den Kahn an den nämlichen Ort des kleinen Hafens zurück, den er soeben verlassen hatte. Und als sie wieder gelandet waren, versicherte sie ihnen, wenn sich dies wieder ereignen sollte, so würde sich immer jemand in dem Boot erheben und den Ball fangen. Die Reisenden hielten sich sehr gegen ihren Willen noch weitere neun Monate auf der Insel auf. Denn jedesmal, wenn sie zu entkommen suchten, brachte sie die Königin vermittels des Knäuels zurück, wie sie es das erstemal getan hatte, und Maelduin griff jedesmal danach. Nach Ablauf dieser neun Monate hielten die Männer Rat und sagten: »Wir wissen jetzt, daß Maelduin die Insel nicht zu verlassen wünscht, denn er liebt diese Königin heiß und jedesmal, wenn wir zu entkommen suchen, fängt er das Knäuel, damit wir wieder in das Schloß zurückgebracht werden.« Maelduin versetzte: »Laßt irgend einen andern das nächste Mal das Knäuel fangen und wir wollen sehen, ob es an seiner Hand kleben wird.« Damit waren sie einverstanden, und bei günstiger Gelegenheit fuhren sie wieder in die offene See hinaus. Die Königin kam wie gewöhnlich, bevor sie sehr weit hinausgefahren waren, und warf das Knäuel hinter ihnen her. Ein anderer Mann der Besatzung ergriff es und es klebte ebenso fest an seiner Hand wie an der Maelduins; und die Königin begann den Kahn zum Ufer zu ziehen. Aber Diuran zog sein Schwert und hieb die Hand des Mannes ab, welche samt dem Knäuel ins Meer fiel. Da legten sich die Leute freudig in die Ruder und der Kahn trat seine Reise in die offene See wieder an. Als die Königin das sah, begann sie zu weinen und zu klagen, ihre Hände zu ringen und ihre Haare im Schmerz zu raufen, und ihre Mädchen begannen gleichfalls zu weinen und laut zu schreien und in die Hände zu schlagen, so daß der ganze Palast voll Jammer und Klage war. Aber nichtsdestoweniger beugten sich die Männer über ihre Ruder und der Kahn segelte davon. So entwichen die Reisenden von der Insel. – Die Insel, zu der sie zunächst kamen, war größer als die meisten von denen, die sie bisher gesehen hatten. Auf einer Seite erhob sich ein Wald von Eibenbäumen und großen Eichen, und auf der andern Seite breitete sich eine weite Ebene aus, in deren Mitte ein kleiner See lag; zahlreiche Schafherden waren über die ganze Insel verstreut. Sie gingen an Land und nährten sich einige Tage lang von den Schafen. Eines Tages, als sie auf einem Hügel saßen und über die See blickten, gewahrten sie etwas, das wie eine schwarze Wolke aussah, die von Südwesten her auf sie zukam. Wie sie nun näher und näher kam und sie genauer hinschauten, bemerkten sie mit Entsetzen, daß es ein ungeheurer Vogel war, denn sie sahen deutlich das langsame, schwere Schlagen seiner Fittiche. Als er die Insel erreicht hatte, setzte er sich auf einen kleinen Hügel oberhalb des Sees, und die Reisenden gerieten in nicht geringe Furcht, denn sie glaubten, wenn er sie bemerken würde, so möchte er sie mit seinen Krallen packen und über das Meer davontragen. Sie versteckten sich daher unter Bäumen und in Felsspalten, ohne jedoch den Vogel aus den Augen zu lassen. Er schien sehr alt zu sein und in einer seiner Klauen hielt er einen Zweig von einem Baume, den er mit übers Meer gebracht hatte, der war größer und schwerer als die größte ausgewachsene Eiche. Er war bedeckt mit frischen grünen Blättern und schwer beladen mit Büscheln von roten, traubenähnlichen Früchten. Einige Zeit blieb der Vogel auf dem Hügel, um zu ruhen, da er von seinem Flug sehr ermüdet war; dann begann er die Früchte des Zweiges abzupicken und zu fressen. Nachdem sie ihn eine Zeitlang beobachtet hatten, wagte sich Maelduin behutsam zu dem Hügel vor, um zu sehen, ob er Böses im Schilde führe, aber der Vogel zeigte keine Neigung, ihnen Schaden zu tun. Dies machte die andern mutig, und sie folgten alle ihrem Führer. Die ganze Mannschaft mit Maelduin an der Spitze ging nun mit erhobenen Schilden rings um den Vogel herum, und da er sich nicht rührte, trat einer von den Leuten auf Maelduins Anweisung hin gerade vor den Vogel und brach einige Früchte von dem Zweig ab, den jener in den Krallen hielt. Aber der Vogel fuhr fort, seine Früchte abzupflücken und zu fressen, ohne sich im mindesten um sie zu kümmern. Am Abend des nämlichen Tages, als die Männer da saßen und über das Meer gegen Südwesten schauten, wo der große Vogel sich ihnen zuerst gezeigt hatte, da sahen sie in einiger Entfernung zwei andere ebenso große von der gleichen Stelle her auf sich zukommen. Sie flogen in gewaltiger Höhe, kamen näher und näher, stiegen herab und ließen sich zuletzt vor dem großen Vogel auf dem Hügel nieder, so daß einer zu jeder Seite desselben zu sitzen kam. Obwohl sie augenscheinlich viel jünger waren als der andere, sahen sie sehr ermüdet aus und ruhten lange. Darauf schüttelten sie ihr Gefieder und begannen den alten Vogel überall am Körper, Schwingen und Kopf zu picken. Sie rupften ihm alle alten Federn und abgenutzten Kiele aus und glätteten dann sein Gefieder mit ihren großen Schnäbeln. Nachdem dies einige Zeit gedauert hatte, begannen alle drei die Früchte des Baumes abzupicken und sie fraßen, bis sie satt waren. Am nächsten Morgen machten sich die beiden Vögel an dieselbe Arbeit: sie rupften und ordneten wie zuvor an den Federn des alten Vogels, und um Mittag hörten sie damit auf und begannen wieder von den Früchten zu fressen, indem sie die Kerne und sonstigen Abfälle in den See warfen, dessen Wasser davon rot wie Wein wurde. Hierauf tauchte der alte Vogel in den See und badete sich darin bis zum Abend, dann flog er wieder auf den Hügel und ließ sich an einer andern Stelle desselben nieder, um nicht mit den alten Federn und den sonstigen Zeichen von Alter und Verfall, welche die jungen Vögel ihm ausgerissen hatten, in Berührung zu kommen und sich zu verunreinigen. Am Morgen des dritten Tages machten sich die beiden jungen Vögel zum dritten Male daran, seine Federn zu ordnen, und diesmal verrichteten sie ihre Arbeit noch viel sorgfältiger als zuvor, indem sie die Federn aufs zarteste glätteten und sie in wundervolle Linien und glänzende Quasten und Furchen zerlegten. Und so fuhren sie ohne die geringste Unterbrechung bis zum Mittag fort. Nach einer kurzen Ruhe öffneten sie ihre weiten Schwingen, erhoben sich in die Luft und schwebten davon, bis die Leute sie in der Entfernung aus den Augen verloren. Inzwischen fuhr der alte Vogel fort, sein Gefieder bis zum Abend zu glätten und zu ordnen, dann schüttelte er seine Flügel, erhob sich und flog dreimal um die Insel, wie um seine Kraft zu erproben. Und nun beobachteten die Männer, daß alle Anzeichen des Alters von ihm gewichen waren: seine Federn waren dicht und glänzend, sein Kopf aufrecht und sein Auge klar, und er flog mit ebensolcher Kraft und Schnelligkeit wie die andern. Zum letzten Male ließ er sich auf dem Hügel nieder und ruhte ein wenig, dann erhob er sich wieder und nahm seinen Flug hinter den beiden andern her zu dem Ort, von wo er gekommen war. Bald war er aus der Gesichtsweite der Reisenden verschwunden und sie sahen nichts wieder von ihm. Es schien Maelduin und seinen Gefährten ganz klar, daß dieser Vogel sich einer Verjüngung unterzogen hatte. Als Diuran dieses Wunder sah, sagte er zu seinen Genossen: »Laßt uns auch in diesem See baden, und wir werden verjüngt werden wie jener Vogel.« Aber sie sprachen: »Nicht doch! Der Vogel hat das Gift seines Alters und seiner Abständigkeit im Wasser gelassen.« Doch Diuran wollte seinen Willen haben und sagte ihnen, er sei entschlossen, die Kraft des Wassers zu erproben und sie möchten seinem Beispiel folgen oder nicht, wie sie wollten. So tauchte er in den See und schwamm einige Zeit darin herum, dann nahm er ein wenig Wasser, seinen Mund damit zu spülen, und verschluckte schließlich eine kleine Menge davon. Darauf kam er ganz gesund und wohl heraus und so lange er lebte, verlor er nie einen Zahn, noch hatte er ein graues Haar, und nie litt er an Krankheit oder körperlicher Schwäche irgendwelcher Art. Aber keiner von den andern wagte sich in den See. Die Reisenden waren nun lange genug auf der Insel geblieben; sie verstauten eine große Menge von Schaffleisch in ihren Kahn und vertrauten sich wieder dem Ozean an. – Sie kamen noch an viele Inseln und sahen noch viele merkwürdige Dinge. So kamen sie auch zu einer Insel, auf der viele Leute waren, die allerlei Kinderspiele trieben und beständig lachten. Maelduins jüngsten Pflegebruder traf das Los, die Insel zu erforschen; er mischte sich unter die andern und nahm sogleich an ihrem Gelächter und an ihren Unterhaltungen teil, als ob er von Jugend auf zu ihnen gehört hätte. Die Gefährten warteten lange Zeit auf ihn, aber sie wagten nicht zu landen und schließlich, als keine Hoffnung mehr auf seine Rückkehr zu sein schien, ließen sie ihn zurück und segelten davon. Bald darauf kamen sie auf eine andere Insel, auf der große Herden von Kühen und Schafen weideten. Sie blieben einige Tage dort und nährten sich von dem Fleisch der Herden. Eines Tages, als sie auf einem Hügel standen, flog ein großer Falke vorüber, und zwei Leute von der Besatzung, die ihn zufällig in der Nähe sahen, riefen Maelduin zu: »Sieh den Falken! Er sieht aus wie die Falken Erins!« »Beobachtet genau, in welcher Richtung er fliegt,« versetzte Maelduin. Und sie sahen, daß er, ohne im geringsten zu schwanken, gegen Südosten flog. Sie gingen sogleich an Bord, holten die Anker ein und hielten gegen Südosten hinter dem Falken her. Sie ruderten den ganzen Tag, aber in der Abenddämmerung erblickten sie ein Land, welches der Küste von Erin zu gleichen schien. Es war eine kleine Insel, und alsbald erkannten sie, daß es die nämliche Insel war, die sie zu Beginn ihrer Reise gesehen hatten und auf der sie die Seeräuber in ihrem Hause hatten reden hören. Sie landeten und gingen auf das Haus zu, in welchem die Räuber gerade bei der Abendmahlzeit saßen. Sie hörten, wie einer zum andern sagte: »Es würde nicht gut für uns sein, wenn wir jetzt Maelduin sehen würden!« »Maelduin«, versetzte ein anderer, »ist längst im großen Ozean ertrunken.« »Wer weiß,« sprach ein dritter, »ob er uns nicht eines Morgens aus dem Schlafe aufweckt.« »Vorausgesetzt, er käme jetzt,« fragte ein vierter, »was sollten wir tun?« »Das kann ich leicht beantworten,« erwiderte eine Stimme, welche sie als die des Häuptlings erkannten, »Maelduin hat lange Zeit Kummer und Not gelitten und wenn er jetzt unter uns treten würde, so wollte ich ihm, obwohl wir ehedem Feinde waren, einen guten Willkomm bereiten.« Als Maelduin dies hörte, pochte er an das Tor und der Wächter fragte ihn, wer er sei, worauf Maelduin antwortete: »Ich bin es, Maelduin, und bin heil von allen meinen Fahrten zurückgekehrt.« Der Herr des Hauses ließ alle Türen öffnen, er selbst ging Maelduin entgegen und führte ihn nebst seinen Gefährten ins Haus. Sie wurden von allen freudig willkommen geheißen, neue Kleider wurden ihnen gegeben und sie ruhten und feierten, bis sie ihre Drangsal vergaßen. Sie erzählten alle die Wunder, die Gott ihnen auf ihrer Reise enthüllt hatte, und nachdem sie einige Tage dort verweilt hatten, kehrten sie in ihre Heimat zurück.


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