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Der Knecht mit der Flöte - Märchen von Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal


Der Knecht mit der Flöte

Ein Bauer hatte drei Söhne, aber wenigen Grund zum Pflügen. Deshalb kam der älteste zu seinem Vater und bat ihn, ihm zu erlauben, daß er sich als Knecht verdinge. Sein Vater sprach: »Mein Sohn, meinetwegen gehe.« Und er ging. Wie er so ging, begegnete er einem Pfarrer mit rotem Bart. »Nun, wohin gehst du, Bursch?« fragte der Pope. »Ich gehe dienen, Herr Pfarrer.« – »Willst du zu mir kommen?« – »Ich will.« Nun gut. Am Morgen gab der Pope dem Knecht einen runden Käse und ein Brot und sprach: »Du sollst jetzt gehen und die Schafherde hüten, den Käse und das Brot sollst du essen, sollst es aber wieder so rund zurückbringen, sonst jage ich dich nach Hause.« Dieser ging, zerbrach sich aber so viel den Kopf darüber, wie er es machen sollte, Käse und Brot so zu essen, daß alles ganz blieb. Abends kam er nach Hause, aber hungrig. Der Pope jagte ihn fort.

Nach diesem bat der zweite Sohn seinen Vater, ihn dienen zu lassen. Auch diesen ließ er gehen. Doch auch ihm erging es wie dem ersten. Er begegnete dem Popen mit dem roten Barte und verdingte sich auch zu ihm als Knecht. Auch er wußte nicht, wie er es machen sollte, Käse und Brot zu essen, daß beide Stücke ganz blieben. Als es Abend wurde, jagte der Pope auch ihn nach Hause.

Nun kam der dritte und bat seinen Vater, er möge jetzt ihm erlauben, in den Dienst zu gehen. Aber der Alte sagte: »Mein Kind, bleib du hier bei mir, damit es dir nicht auch gehe wie deinen Brüdern.«

»Fürchte dich nicht, Vater, ich diene bis auf den Christtag.«1 – »Dann geh, wenn du deinem Vater nicht gehorchen willst, gescheiter als die andern wirst du doch nicht sein.«

Nun gut, er ging. Und wie er ging, begegnete er dem Pfarrer mit rotem Bart. »Wohin gehst du, mein Freund?« – »Ich geh' in Dienst, părinte (Pfarrer).« – »Na, komm zu mir, ich gebe dir einen guten Lohn und verlange nichts anders von dir, als daß du eine Herde Schafe hütest und einen runden Käse und Brot ißt. Beide müssen aber ganz bleiben. Wenn du dich aber über mich ärgerst, dann schneide ich dir die Nase ab, wenn ich mich über dich ärgere, so sollst du mir die Rippen aus dem Rücken herausschneiden.« Na gut.

Am Morgen ging der Knecht mit den Schafen auf die Hut, das Essen im Tornister tragend. Bis zum Mittag hütete er gut, dann setzte er sich nieder, macht in das Brot ein Loch und höhlte es aus, mit dem Käse machte er es ebenso, und aß dann die Schmolle. Käse und Brot blieben ganz, das Loch stopfte er zu. Als er gegessen, stieg er in den Himmel und verlangte von Gott eine Flöte. Gott gab ihm eine, wenn er auf dieser blase, müsse alles tanzen, was zuhöre. Als er wieder bei den Schafen anlangte, fing er an zu blasen, die Schafe fingen an zu tanzen und tanzten bis zum Abend. Abends kamen sie alle hungrig nach Hause. Der Pope verwunderte sich, als der Knecht ihm den Käse und das Brot ganz, d.h. rund zurückgab, und doch hatte er fast alles gegessen, nur die Krusten waren übrig geblieben. Er verwunderte sich auch über die Schafe, weil sie so hungrig waren. Am andern Tage ging der Pope hinter dem Knechte, zu um sehen, was er mit den Schafen mache, und versteckte sich im Gesträuch. Nur einmal fing der an auf der Flöte zu blasen, die Schafe tanzten, der Pope im Gesträuch tanzte auch und hing sich an den Dornen an und tanzte, bis er nicht mehr konnte und bis er sich alle Kleider zerrissen hatte. Dann fragte der Knecht: »Hast du dich geärgert, părinte?«

»Ich habe mich nicht geärgert, aber komm mit den Schafen nach Hause.«

Als er nach Hause kam, stand die preoteasa (Pfarrerin) auf der Leiter, um den Pferden Heu vom Stalle herunterzuwerfen. Dieser fing an zu flöten, die preoteasa fing an zu tanzen und tanzte, bis sie von der Leiter herunterfiel und sich den Hals brach. »Ärgerst du dich, părinte?« – »Ich ärgere mich nicht«, sagte der Pfarrer, heimlich aber dachte er doch darüber nach, wie er den Knecht freiwerden könnte. Gegen Abend rief er seinen Sohn und den Knecht, sie sollten alle drei aufs Feld gehen. Abends legten sie sich am Ufer der Donau schlafen. Der Pope legte sich in die Mitte, gegen das Wasser der Knecht, auf die andere Seite der Sohn. Der Alte hatte die Absicht, wenn der Knecht schlafe, ihn ins Wasser zu stoßen. Der Knecht merkte so etwas und schlief nicht. Als die beiden andern eingeschlafen, nahm er den Sohn und legte ihn an seine Stelle, er legte sich hinüber. Um Mitternacht erwachte der Pope und stieß seinen eigenen Sohn ins Wasser, daß er ertrank, er dachte aber, es sei der Knecht.

Als es Tag wurde, rief der Knecht aus der Stelle des Sohnes: »Guten Morgen, părinte, hast du dich über mich geärgert?« – »Nein ich habe mich nicht geärgert«, antwortete der Pope, obwohl er zornig war, daß ihm die Tränen aus den Augen flossen. Er war furchtbar traurig und dachte, er solle aus dem Orte auswandern, um so von dem Knechte freizuwerden. Die Frau hatte der verfluchte Kerl ihm umgebracht und jetzt auch den Sohn. Er nahm seine Evangelien, steckte sie in den Sack, band ihn zu und ging die Türe zuzusperren. In der Zeit nahm der Knecht die Evangelien geschwind heraus, kroch selbst hinein und band den Sack wieder zu. Der Pope nahm den Sack auf den Rücken und ging. »Aber schwer war er, ach, welche Last«, seufzte er. Nun kam er an einen Fluß ohne Brücke. Wie er durchs Wasser ging, rief der Knecht aus dem Sack: »Sus, părinte2 (hinauf, părinte), die Evangelien nässen sich.« Der Pfarrer erschrak so sehr, daß er den Zorn nicht mehr verbergen konnte. »Tulai, oameni buni«3, rief er (Ach, ihr guten Leute), »ich glaubte, ich hätte mich von diesem Elend befreit.« »Ach, Herr părinte, wie du dich über mich geärgert hast!« rief der Knecht, nahm das Messer und schnitt ihm die Rippen aus dem Rücken heraus. Dann ging er zurück, nahm sich die Schafherde und seine Flöte und kehrte heim zu seinem Vater.



Sive Bîrsan, Alzen



Fußnoten

1 Christtag ist gleichbedeutend mit »Ausdienen«. Der rumänische Knecht dingt sich immer bis zum Christtag, zu welcher Zeit immer er in den Dienst eintritt. Wird er fortgejagt, oder verläßt er den Dienst aus eigenem Trieb, so sagt man: Er hat Christtag gemacht.



2 Sus părinte! Mit diesen Worten macht sich der Rumäne noch heute Mut, wenn er etwas Schweres heben soll.



3 Tulai, oameni buni – Ach, ihr guten Leute! Ein Ausruf des Schreckens.


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