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Von einem Manne, den sie zum Herrn eines großen Landes gemacht - Märchen von Don Juan Manuel: Der Graf Lucanor


Von einem Manne, den sie zum Herrn eines großen Landes gemacht

Ein andermal sagte der Graf Lucanor zu Patronius: Viele reden mir zu, da ich die Mittel dazu besäße, so sollte ich auch alles aufbieten, um mir immer noch mehr Macht, Ehre und Reichtümer zu erwerben, denn dies sei das Passendste für mich. Da ich nun aber weiß, daß Ihr mir nun und immerdar am besten ratet, so bitte ich Euch, sagt mir, was Euch hierbei für mich das Zuträglichste dünkt.

Herr Graf, erwiderte Patronius, der Rat, den Ihr da von mir verlangt, ist doppelt schwierig zu erteilen, denn einmal muß ich dabei gegen Eure Neigung sprechen, und dann ist es überhaupt eine gar lästige Sache, wie im vorliegenden Falle, einen zum Vorteil des Herrn gegebenen Rat anzufechten. Doch jeder Ratgeber, wenn er's ehrlich meint, soll nur auf die Treue seines Rats Bedacht nehmen und seine Meinung frei heraus sagen, ohne sich dabei um eignen Vorteil und Nachteil oder darum zu kümmern, ob er dadurch seinem Herrn gefalle oder mißfalle. Und so will ich Euch denn nicht verhehlen, daß der Rat, den Euch jene gegeben, zwar zum Teil ganz gut ist, mir aber nur nicht vollständig genug erscheint, und es wäre mir daher sehr lieb, wenn Ihr vernähmet, was einst einem Manne begegnet ist, den man zum Herrn über ein großes Land eingesetzt hatte. Und was war das? fragte der Graf.

Herr Graf Lucanor, sagte Patronius, in einem Lande war der Gebrauch, jedes Jahr einen neuen Beherrscher zu wählen. Während der Dauer dieses Jahres befolgte man in allen Dingen seine Befehle, sobald aber das Jahr um war, nahm man ihm alles wieder, was er besaß, und verstieß ihn nackt und bloß auf eine wüste Insel, wo er keine Menschenseele zu sehen bekam. Nun geschah es, daß diese Herrschaft einmal einem Manne zuteil wurde, der klüger und gewitzigter war als seine Vorgänger, und da er wohl wußte, daß es ihm, wenn das Jahr vorüber, nicht besser ergehen würde als allen den andern, so ließ er, bevor seine Regierungszeit noch abgelaufen war, ganz insgeheim auf der Insel, wo man ihn aussetzen wollte, eine sehr gute und bequeme Wohnung bauen und alles dahin schaffen, was er außerdem für seine ganze Lebenszeit nötig hatte. Diese Wohnung war an einem so verborgenen Ort errichtet, daß die vom Lande sie niemals entdecken konnten, in jenem Lande aber ließ er außerdem noch ein paar Freunde und Verwandte mit der Anweisung zurück, ihn nachträglich mit allem, was er vielleicht noch bedürfte und früher hinzuschicken vergessen hätte, dergestalt zu versehen, daß er an nichts Mangel litte. Und da nun nach Ablauf des Jahres die Einwohner jenes Landes ihm die Regierung wieder abnehmen und ihn, wie sie allen seinen Vorgängern getan, nackt und bloß auf die Insel setzten, hatte er, weil er vorsichtig gewesen, eine Wohnung, wo er in Freuden und ganz nach seinem Gefallen leben konnte, begab sich dorthin und war glücklich.

Und wollt Ihr, Herr Graf Lucanor, wohl beraten sein, so erwäget, solang noch Eures Bleibens auf der Erde ist, daß Ihr sie einst nackt verlassen müßt und nichts von allem mit Euch nehmen dürft als Eure Taten. Richtet daher diese so ein, daß Ihr beim Scheiden aus dieser Welt in der andern eine gute Wohnung der Seele vorfindet, deren Leben – weil sie ein geistig Wesen, unverwüstlich und ewig ist – nicht nach Jahren gemessen wird. Alle guten und schlechten Taten aber, die der Mensch hienieden vollbracht, hat Gott verzeichnet, um jenseits jedem zu vergelten, wie er's verdient. Darum also rate ich Euch, handelt so auf Erden, daß, wenn es zum Scheiden kommt, Ihr eine Ruhestätte habt, wohin Ihr Euch für immer wenden könnt, und verschleudert um die eitlen und vergänglichen Güter und Ehren dieser Welt nicht die, so ewig währen. Jene guten jedoch verrichtet ohne Aufgeblasenheit und Prahlerei, so daß sie, wenngleich nicht unbekannt, dennoch verborgen bleiben, weil Stolz und Eitelkeit keinen Teil daran haben. Außerdem endlich lasset etliche Freunde zurück, die das, was Ihr im Leben nicht beendigen konntet, für Euer Seelenheil erfüllen. Habt Ihr das alles wohl beachtet, dann halt ich es für recht und Eure Schuldigkeit, auch Ehre und Land, soviel Ihr könnt, emporzubringen.

Der Graf erachtete dies für einen weisen Rat und bat Gott, seine Taten darnach zu lenken; Don Juan aber, der das Beispiel gut fand, ließ es in diesem Buch aufschreiben und machte folgenden Reim:



Wie bald ist diese Welt dahin,

Drum richt aufs Ewige deinen Sinn.


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