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Zu Schillers hundertjährigem Geburtstage

- Gedicht von Albert Traeger

Zu Schillers hundertjährigem Geburtstage

(Am 10. November 1859.)

Laß weit die Freudenfeuer glänzen,
Die Fahnen flattern durch die Luft,
Sein Standbild auch magst Du bekränzen
Und beten in der Fürsten-Gruft:
Weh` Dem, der Lied und Worte hätte,
Und heute nicht ihn jubelnd preist,
Doch dieses Tages Feierstätte
Sei, deutsches Volk, Dein Herz zumeist!

Du hast verrathen und verlassen
Dich selbst, im Innersten zerfetzt,
Umschließest Du, die blind sich hassen,
Die Kinder einer Mutter jetzt,
Des Blutes Stimme auch ward stiller,
Wo sich verzehrt das eig`ne Mark,
Nur in dem Namen Friedrich Schiller
Fühlst Du noch einig Dich und stark.

Manch` ernste Mahnung ging verloren,
Laß nicht auch diesen Klang verweh`n,
Und feierst Du, daß er geboren,
So denk` auch an sein Aufersteh`n.
Er hoffte nicht auf sein Jahrhundert,
Wach rief fein Wort die künft`ge That —
Erschrocken war` er und verwundert,
Säh` er das Wachsthum seiner Saat!

Wo möchtest Du vor ihm Dich bergen,
Der alle Völker frei geträumt —
Geknechtet unter fremde Schergen
Sind Deutsche noch, und Deutschland säumt;
Mit Tell schritt er vorbei der Stange,
Den Gruß verweigert stolz sein Muth —
Und Deutschland zitternd noch und bange
Neigt ehrfurchtsvoll sich einem Hut!

Wach` auf! Hörst Du die Glocken läuten?
Der Ruf, der hoch vom Himmel kam,
Vermagst Du seinen Sinn zu deuten?
Erglüht die Wange Dir in Scham?
Schon hundert Jahre sind verflossen,
Seit er begonnen seine Bahn,
Längst ist sein Sehermund geschlossen,
Du hast gehört und nichts gethan!

Genug der Boten sind entsendet,
Genug der Zeichen sind geseh`n,
Zu viel der Worte schon verschwendet,
Nun müssen Thaten auch gescheh`n;
Läßt zürnend Du von Dir ihn weichen,
Den Gott der Zukunft und des Lichts,
Wird er aus seinem Buch Dich streichen,
Und Du versinkst in ew`ges Nichts!

Noch einmal ist er heut` erstanden,
Sein letzter, mächtigster Prophet,
Und zeigt auf Alles, was in Banden
Umsonst noch nach Erlösung fleht;
Laß alle Ketten heute fallen,
Frei sei der Glaube, frei das Wort,
Und frei Du selber, so vor Allen
Sei deutsches Volk der Freiheit Hort!

Nach außen ein`s und ein`s nach innen
Laß stolz und froh Dein Banner weh`n,
Wer mag mit Dir den Streit beginnen,
Wer soll im Kampf mit Dir besteh`n!
Und kehret das Jahrhundert wieder
Im Flug der Zeit, der ewig kreist,
Blickt auf die freie Welt hernieder
Des freien Sängers freier Geist!


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